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Uwe Hammerschmidt (l.) und Jürgen Boess bereiten den Bohrer vor, mit dem sie den Bohrkern aus der Erde ziehen. Das Gerät auf dem Anhänger eines VW-Busses ermöglicht ihnen einen Blick in die bodenkundliche Vergangenheit. Foto: kre
Uwe Hammerschmidt (l.) und Jürgen Boess bereiten den Bohrer vor, mit dem sie den Bohrkern aus der Erde ziehen. Das Gerät auf dem Anhänger eines VW-Busses ermöglicht ihnen einen Blick in die bodenkundliche Vergangenheit. Foto: kre

Bohren in der Vergangenheit – Wissenschaftler untersuchen Erdreich an 750 Standorten

Für Techniker ist es nur ein profaner Bohrer für Dr. Jürgen Schneider ist das Gerät auf dem Anhänger des VW-Busses mehr: Eine Zeitmaschine, die dem Oberrat einen exakten Blick in die bodenkundliche Vergangenheit ermöglicht. Anfang der Woche waren Schmidt Mitarbeiter des Landesamtes für Bergbau, Energie und Geologie und seine beiden Kollegen Uwe Hammerschmidt und Jürgen Boess unter anderem in der Gemeinde Scharnebeck unterwegs, um Bodenproben zu entnehmen.

kre Scharnebeck. Hintergrund für die Bohrung ist die geplante Novellierung des seit 1999 bestehenden Bundesbodenschutz-Gesetzes, das unter anderem die Höchstgrenzen von Schwermetallen wie Blei, Kupfer oder Cadmium im Boden regelt. Aussagen über Schwermetalle wie Thallium, Cadmium, Kupfer oder Vanadium findet man in diesem Gesetzeswerk nach den Worten von Dr. Jürgen Schneider noch nicht. Das aber will die niedersächsische Landesregierung ändern und schickt deshalb den Bohrtrupp durch die Lande. Denn bevor die Wissenschaftler und letztlich dann die Juristen sagen können, ob eine Kontaminierung durch industrielle Ablagerungen erfolgt ist, benötigen die Bodenkundler zunächst einen umfangreichen Überblick über das natürliche Vorkommen dieser Stoffe. Und genau das ist die Aufgabe des Trios das Sammeln von Daten.

Die gesamte Geländekampagne dauert drei Jahre. „Insgesamt werden niedersachsenweit 750 Bohrungen durchgeführt und mehr als 3000 Proben untersucht und ausgewertet“, erläutert Bodenkundler Dr. Jürgen Schneider. „Die so gewonnenen Daten fließen dann in die Erstellung bodenkundlicher Kartenwerke ein, die unter anderem von Bedeutung für die Landesplanung, die Landwirtschaft sowie den Umweltschutz sind.“

Die Bohrpunkte wurden zuvor in Hannover genau festgelegt: „Wir wollen Böden von unbelasteten landwirtschaftlichen Flächen beproben, um so einen möglichst unverfälschten Überblick über das natürliche Vorkommen der Stoffe zu bekommen.“

Dr. Jürgen Schneider, Jürgen Boess und Uwe Hammerschmidt haben inzwischen den Acker bei Scharnebeck erreicht und bringen den Bohrer in Position. Für die drei Bodenkundler ist der mit einem Dieselaggregat betriebene Kleinbohrer eine echte Arbeitserleichterung: Bis vor kurzem mussten wir die Bohrkerne noch mit einem Handbohrer gewinnen“, berichtet Jürgen Boess.

So aber dauert es nicht einmal zwei Minuten, bis der Bohrer mit lautem Getöse die vorgesehene Tiefe von 1,60 Meter erreicht hat. Bei jedem Hammerschlag bebt der Boden, wird der Bohrer ein Stück tiefer in den Boden getrieben. Als die Männer den Stahl wieder aus der Erde ziehen, sind sie mit dem Arbeitsresultat mehr als zufrieden: „Die verschiedenenen Schichtungen sind wunderbar zu erkennen“, freut sich Bodenkundler Jürgen Boess, der zudem auch Geologe ist. Von schwarz, dem „Mutterboden“, über braunrot durch Eisen gefärbt bis in fast weißen Sand reichen die Färbungen des Bohrkerns. Alles wird sauber dokumentiert, anschließend in beschrifteten Tütchen für das Labor verpackt.

Bis zu zwei Meter tief treiben die Bodenkundler ihre Bohrungen in den Boden, in Scharnebeck reichten bereits 1,60 Meter. „Wegen des Grundwassers“, erläutert Boess. Tiefer zu gehen mache keinen Sinn, da der Bohrkern dann sowieso verflüssigt und ausgewaschen werde. Doch schon diese vergleichsweise geringe Tiefe gibt dem Trio einen langen Blick zurück in die bodenkundliche Vergangenheit: „Das hier ist noch vergleichsweise junger Boden, nur etwa 10000 Jahre alt“, schätzt Geologe Boess. Im Harz dagegen können sich im Bohrkern schnell schon ein, zwei oder sogar drei Millionen Jahre altes Gestein verewigen. Kaum vorstellbar für Laien, Alltag für die Geologen.

Übrigens haben auch die Landwirte, die den Bohrtrupp auf ihr Land lassen, etwas von dieser Aktion: „Bei den anschließenden Untersuchungen im Labor werden auch routinemäßig pH-Wert, Phosphor, Kalk und andere für den Pflanzenbau wichtige Stoffe gemessen und den Landwirten mitgeteilt“, sagt Dr. Schneider.

So haben also alle etwas von der Bohr-Aktion: Die Wissenschaftler, die ihre bodenchemischen Datenbestände vervollständigen können, die Landwirte vor allem aber die Umwelt, über deren Gesundheitszustand die Daten künftig Aufschluss geben.

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