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Der mehrjährige Planungsprozess geht in die Schlussphase. Nach dem Fachausschuss hat der Kreistag im Juni das letzte Wort zu den Vorrangflächen für raumbedeutsame Windräder im Landkreis. Foto: t&w
Der mehrjährige Planungsprozess geht in die Schlussphase. Nach dem Fachausschuss hat der Kreistag im Juni das letzte Wort zu den Vorrangflächen für raumbedeutsame Windräder im Landkreis. Foto: t&w

Kampf gegen Windmühlen – Fachausschuss des Landkreises gibt Vorrangflächenplanung seinen Segen + + + Mit Karte

dth Lüneburg. Alle Seiten kämpfen in dem Prozess auf ihre Weise gegen Windmühlen. Auf der einen Seite die engagierten Bürgerinitiativen von Südergellersen bis Dahlenburg: Sie ziehen anstatt mit der Lanze mit Infraschallstudien und Rotmilan im Gefolge ins Feld, um neue „Riesen-Windräder“ im Landkreis Lüneburg zu verhindern. Es geht ihnen um Gesundheit und Lebensqualität. Auf der anderen Seite die Landkreisverwaltung, die Vorrangflächen für Windenergie planen muss. Es ist ein Steuerungsinstrument, um einen Wildwuchs zu verhindern und nicht, um den Bau von Windrädern zu ermöglichen. Ein Verwaltungsakt, der über Jahre für alle Seiten zum Kraftakt geraten ist.

Tausende Stellungnahmen brachten Bürger und Verbände gegen die Planung vor. Der Kreis beantwortete fast alle, nahm manche Anregung auf. Doch trotz mancher Teilerfolge der Bürgerinitiativen können nicht alle Windrad-Gegner zufrieden sein: Der Fachausschuss des Landkreises für Erneuerbare Energien empfahl jetzt, bei einer Gegenstimme, den jüngsten Planungsstand zu beschließen. Das letzte Wort hat der Kreistag am 1. Juni.

Insgesamt 751 Hektar sollen nach jetzigem Stand im Regionalen Raumordnungsprogramm (RROP) als „Vorranggebiete für Windenergienutzung“ festgezurrt werden. Von ursprünglich 14 Arealen sind noch acht übrig geblieben (siehe Text unten). Allein das Gemeindegebiet Amt Neuhaus war von vonherein als Teil des besonders geschützten Unesco-Biosphärenreservats von der Windenergie-Planung ausgenommen.

Mehr als eine Stunde stellte sich der Ausschuss unter Leitung von Petra Kruse-Runge (Grüne) in der Mensa des Schulzentrums Oedeme der Kritik der anwesenden Vertreter der Bürgerinitiativen (BI) im Rahmen der Einwohnerfragestunde. Dabei wurden die bereits bekannten Argumente ausgetauscht. So stellte etwa der Bardowicker Hans-Peter Luther von der BI „Windkraft in der SamBa“ auch dem Ausschuss jene Fragen, mit denen er zuletzt den Bardowicker Samtgemeinderat und den Kreistag beschäftigt hatte: „Kennen Sie den reichsten Mann Niedersachsens? Es ist ein Herr, der Windräder herstellt, nicht betreibt!“ Auf die Frage, wer von den Ausschussmitgliedern von den Windenergie-Gebieten profitiert, antwortete später Dr. Hinrich Bonin (SPD): „Ich bin positiv betroffen! Als Verbraucher!“

Erneut thematisierte etwa Elke Allers, Sprecherin der BI „Windkraft mit Vernunft Dahlenburg“ das Thema Rotmilan mit Blick auf die Fläche Köstorf. Eine neue Schärfe in die Diskussion brachte allerdings Gabriele Makowski, Bürgermeisterin der Gemeinde Dahlem: „Wir haben uns als Gemeinderat schon vor zwei Jahren gegen eine östliche Erweiterung des Gebietes Köstorf ausgesprochen.“ Jetzt erwäge sie, ob eine Normenkontrollklage gegen die Regionalplanung möglich wäre. Die Kreisvertreter rieten ihr, sich juristisch beraten zu lassen.

Frustriert von den verwaltungsmäßig kühlen Gegenargumenten, warf BI-Sprecherin Allers schließlich Lüneburgs Kreisrätin Monika Scherf entgegen: „Wie halten Sie es mit dem Engagement von Bürgern? Wir haben viel Geld und Zeit investiert und fühlen uns teilweise nicht ernst genommen mit unseren Themen Gesundheit und Lebensqualität. Ich fühle mich desillusioniert!“ Auch beim Thema Rotmilan argumentiere der Kreis nicht logisch, so Allers. Darauf zeigte Scherf kurz Nerven: „Rotmilan ist nicht gleich Rotmilan. Und ich glaube, Sie machen sich keinen Begriff davon, welche Verantwortung wir als Kreisverwaltung tragen, diesen Plan so sicher wie irgendmöglich zu machen. Investoren stehen vor der Tür und drohen mit Schadensersatzklagen. Sie machen sich kein Bild davon, wie groß der Druck ist. Aber wir nehmen das Bürgerengagement ernst. Das können Sie auch daran sehen, dass wir die Planung dreimal geändert haben.“

SPD-Mann Bonin lobte den aktuellen Planungsstand unter dem Motto „Gestaltungsspielraum kompetent genutzt“. Günter Dubber (CDU) lobte die Verwaltung für ihre „Engelsgeduld“, und die Entscheidung für die Planung treffe er mit seiner Fraktion „gerne und guten Gewissens“. Und die Grüne Stefi Brockmann-Wittich sagte: „Wir können es nicht allen recht machen. Es tut mir wirklich leid!“ Allein Dr. Niels Kämpny (FDP) stimmte gegen die Planung. Zuvor hatte er noch den Antrag gestellt, die komplette Planung neu aufzurollen und dem Schutzgut Mensch mehr Gewicht einzuräumen vergeblich.

 

Diese 751 Hektar bleiben
Die vom Landkreis Lüneburg jetzt noch vorgesehenen Vorrangflächen für „raumbedeutsame Windkraftanlagen“ belaufen sich auf rund 751 Hektar. Ursprünglich war die Landkreis-Verwaltung mit 1250 Hektar in die Planung gestartet. Ende 2014 drehten sich im Landkreis Lüneburg 69 Windkraftanlagen (WKA) mit einer Leistung von 116 Megawatt, die jährlich 193 Gigawattstunden produzieren. Sollten auf den neuen Flächen Anlagen realisiert werden und alte Anlagen („Repowering“) abgebaut werden, dann könnte sich die Zahl auf 50 bis 60 WKA reduzieren, so eine Annahme der Kreisverwaltung. Mit einer Leistung von rund 180 Megawatt könnten 420 bis 520 Gigawattstunden Strom produziert werden. Das würde rechnerisch ausreichen, um 120000 bis 145000 Haushalte mit Strom zu versorgen.

Die nach dem bisherigen Verfahren verbliebenen Vorrangflächen sind:

Etzen/Ehlbeck: Die Fläche in den Gemeinden Amelinghausen und Rehlingen beträgt rund 120 Hektar, mit Bestandsanlagen in Etzen. Die Etzener wünschten sich die Einstufung als allgemeines Wohngebiet und damit höhere Mindestabstände. Der Kreis richtete sich aber nach den Vorgaben des Flächennutzungsplans der Samtgemeinde Amelinghausen. Dort heißt es Dorf- und Mischgebiet, also 800 statt 1000 Meter Abstand.

Tellmer: Die Fläche mit 65 Hektar in der Gemeinde Betzendorf liegt links und rechts der Kreisstraße 8 zwischen Tellmer und Dierßbüttel.

Wetzen-Südergellersen-Oerzen: Die 107 Hektar verteilen sich auf drei Flächen in den Gemeinden Oldendorf/Luhe, Südergellersen und Embsen. Bei Südergellersen stehen bereits sieben Windräder. Die Teilfläche Oerzen wurde zuletzt um 29 Hektar reduziert, um einen drei Kilometerabstand zum bestehenden Windpark in Embsen einzuhalten. Sonst würde ein geschlossener Windpark-Riegel über elf Kilometer Länge entstehen. Die Bürgerinitiative BIWOS forderte ein, alternativ zu prüfen, auch sogenannte Vorbehaltsflächen Wald, die tatsächlich Freiflächen sind, einzubeziehen. Dazu Kreisrätin Monika Scherf: „Es macht in der Gesamtkonzeption keinen großen Unterschied. Die Alternative ergibt keine größeren Abstände zur Wohnbebauung.“

Bardowick: Bauernverband Nordost-Niedersachsen und Samtgemeinde Bardowick wollen auf einem Teil der 134 Hektar zwischen Bardowick, Radbruch und Wittorf einen Bürgerwindpark realisieren. Die Bürgerinitiative „Windkraft in der SamBa“ warnt vor Infraschall sowie der Luftverwirbelung der hochallergenen Härchen des Eichenprozessionsspinners sowie von Pollen möglicherweise genmanipulierter Pflanzen. Die Teilfläche Vögelsen war wegen eines Rotmilan-Vorkommens gestrichen worden. Laut Landkreis zeige eine Schallimmissionsprognose, dass die Lärmbelastung auch bei einem Dreiklang von Bahnstrecke, Autobahn und Windpark zumutbar sei.

Köstorf: Trotz eines nachgewiesenen Rotmilan-Vorkommens hält der Kreis an der 63 Hektar großen Vorrangfläche in der Gemeinde Dahlem fest. Da dort bereits Windräder stehen, handelte es sich dort um einen Sonderfall. Ob beim Bau neuer Windräder das Tötungsrisiko des geschützen Vogels steigen würde, sei Sache des Genehmigungsverfahrens.

Melbeck: Die 108 Hektar große Fläche liegt im Bereich der Gemeinde Melbeck und der Stadt Lüneburg (rund 900 Meter südlich von Häcklingen). Befürchtungen einer möglichen Trinkwassergefährdung durch den Anlagenbau weist der Landkreis zurück.

Süttorf/Thomasburg: Die zweigeteilte Fläche von insgesamt 60 Hektar liegt in den Gemeinden Neetze und Thomasburg. Die Sichtbarkeit vom Elbe-Radweg aus sei kein Ausschlusskriterium, auch die Landschaft sei nicht besonders schützenswert, so der Kreis. Auch das „angenommene Potenzial für die Vogelwelt bei Thomasburg“ falle nicht ins Gewicht, es müssen geschützte Arten nachgewiesen werden, heißt es.

Wendhausen/Boltersen: Der Abstand der 94 Hektar großen Fläche in den Gemeinden Reinstorf und Rullstorf zu Dorf- und Mischgebieten bewege sich im Rahmen, die Landschaft sei zwar „reizvoll“, aber nicht schützenswert. Das Buckelgräberfeld werde nicht beeinträchtigt und auch ein vor Jahren in der Planung vorgebrachter, aber nie realisierter Golfplatz sei weiterhin möglich, heißt es vom Kreis.dth

 

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2 Kommentare

  1. mein libes Kind Lüneburg, was wird aus Dir?

    Dort, wo nun und noch die eher ungewollten, dabei EU-geschützten Wölfe wohnen und die Rotmilane fliegen, werden bald Windrad und Y-Trasse nicht nur diese beiden vertrieben haben. Höchste Zeit, diesen Landkreis zu verlassen. Zu viele inzwischen unverhohlene Entscheider, gegen Ende von Amtsperioden, hinterm Schuldenberg trockene Tücher, die Sintflut im Sinn.

  2. SamBa „warnt vor genmanipulierten Pollen“.
    Seit wann werden in der Samtgemeinde gentechnisch veränderte Pflanzen angebaut?
    Oder werden diese „GenPollen“ durch die Windräder aus den spanischen Maisanbaugebieten, wo seit 10 Jahren gentechnisch veränderter Mais angebaut wird, angesaugt?
    Vielleicht sollte SamBa gleich ein komplettes Durchfahrverbot fordern und die Dekontamination der Nord-, Südamerika, Tschechei,Südafrika,Indien und Spanien Urlauber einführen, eine 5 tägige Quarantäne ist auch anzuraten.
    Bleibt die Frage, was diese schrecklichen genveränderten Pollen denn in einem Bardowicker Garten anrichten können? Stehen dann die von Greenpeace bekannten Maismonster eines Morgens im Garten?

    Muss ja was ganz schreckliches sein diese Gentechnik, hoffen wir mal, dass kein Insulinnutzer unter den verantwortlichen ist. Laut den Grünen (1983-2000) könnten die gentechnischen Organismen, zur Insulinprdouktion, unkontrolliert in den Bardowicker Windpark entkommen.