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Matthias Sperling (r.) und sein Kollege Uwe Boock wollten eigentlich nur das letzte Trümmerfeld des Bleckeder Ölhofes räumen oder zuschütten lassen, um zu verhindern, dass sich dort jemand verletzt. Jetzt müssen sie sich mit der Frage einer möglichen Kontamination des Bodens auseindersetzen. Foto: t&w
Matthias Sperling (r.) und sein Kollege Uwe Boock wollten eigentlich nur das letzte Trümmerfeld des Bleckeder Ölhofes räumen oder zuschütten lassen, um zu verhindern, dass sich dort jemand verletzt. Jetzt müssen sie sich mit der Frage einer möglichen Kontamination des Bodens auseindersetzen. Foto: t&w

Bodenkontamination auf Ex-Marine-Areal? Die verdrängte Altlast vom Ölhof

off Bleckede. Der Himmel über Bleckede ist wolkenlos. Sonne fällt durch die Baumwipfel auf Betonruinen, die aus zerklüftetem Waldboden ragen. Matthias Sperling steht am Rand des Trümmerfelds, er trägt Hemd, Krawatte, Anzugschuhe und dem Mitarbeiter der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben ist anzusehen: Das Gelände bereitet ihm Unbehagen. Zugewucherte Bodenspalten, scharfe Trümmerteile, metertiefe Löcher. „Hier herrscht Lebensgefahr“, sagt er. Der Zaun, der Unbefugten seit Jahrzehnten den Zutritt versperrt, ist ihm nicht mehr sicher genug, der Fachgebietsleiter Dienstliegenschaften will die Trümmer auf dem Gelände des Bundes räumen oder zuschütten lassen. Ihm geht es dabei um die Verkehrssicherungspflicht. Doch die LZ stößt durch das Vorhaben auf zwei ganz andere Fragen: Ist das Gelände des ehemaligen Bleckeder Ölhofs kontaminiert? Und: Haben die Behörden versagt?

Insgesamt 34 unterirdische Lagerbehälter hat die Kriegsmarinewerft Wilhelmshaven zwischen 1917 und 1944 in dem Waldstück am Bleckeder Stadtrand bauen lassen, nach 1945 wurden die Tanks demontiert und gesprengt, ein Großteil der Trümmer wurde zwischen 1960 und 1968 eingeebnet, überdeckt und wieder bepflanzt. Ob von den Altlasten Gefahren für Mensch und Umwelt ausgehen, spielte jahrelang offenbar keine Rolle. Erst 1991 beauftragte das Niedersächsische Umweltministerium den Technischen Überwachsungsverein (TÜV) Hannover im Rahmen der „Gefährdungsabschätzung von Rüstungsaltlasten in Niedersachsen“ mit der „Erfassung und Erkundung“ des Bleckeder Ölhofes.

Das Ergebnis ist ein 45 Seiten langer Abriss über die Geschichte und Nutzung des Ölhofes, der der LZ in Teilen vorliegt. Aufgelistet sind darin auch die „potentiellen Schadstoffe“, die nachweislich auf dem Gelände lagerten, darunter Dieselkraftstoff, Stein- und Braunkohlenteeröl, Dekalin (Terpentinersatz), Fluorescein, Schmieröl, Petroleum und Ethanol. Abschließend empfiehlt der TÜV weitere Untersuchungen und stellt ein „Konzept für die Entnahme von Proben der Medien Wasser-Boden-Luft“ vor. Größte Priorität habe dabei der „Kontaminationspfad Grundwasser“. „Eine generelle, flächenbezogene Aussage, inwieweit Auswirkungen und damit Gefährdungen nachweisbar sind, kann nur auf der Basis einer detaillierten Untersuchung des Grundwassers im Oberstrom und Unterstrom erfolgen.“

Am 6. März 1991 leitete das Umweltministerium das Gutachten mit der „Bitte um Kenntnisnahme“ weiter an die Ortsverwaltung Lüneburg des Bundesvermögensamtes Soltau, die das Ölhof-Gelände für die Eigentümerin die Finanzverwaltung der Bundesrepublik Deutschland verwaltet. Im Anschreiben informiert der Ministeriumsmitarbeiter darüber, dass er den „empfohlenen Maßnahmen im Grundsatz“ folgen will und die Durchführung von „Rammkernsondierungen, Schürfen sowie Wasser- und Bodenproben“ auf dem Standort plane. Ein Formular, in dem die Verwaltung ihr Einverständnis erklären soll, schickt er gleich mit. Nur passiert ist seitdem offenbar nichts weiter.

Zuständig für das Areal des ehemaligen Ölhofs ist inzwischen die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, der zuständige Fachgebietsleiter Matthias Sperling bestätigt: „Seit 1991 sind keine weiteren Untersuchungen auf dem Gelände gemacht worden.“ Er versichert allerdings, „dass wir jetzt nachdrücklich in die Erkundung einer möglichen Kontamination eintreten werden.“ Warum das nicht früher passiert ist, kann Sperling nicht beantworten. Nachfrage beim Niedersächsischen Umweltministerium.

Dort führen die Recherchen Justina Lethen, stellvertretende Pressesprecherin, zurück ins Jahr 1987. Damals habe der Landtag das Thema Rüstungsaltlasten auf die Tagesordnung gehoben, ein Jahr später eine Arbeitsgruppe mit einer landesweiten Bestandsaufnahme beauftragt. Daraufhin wurde auch eine „Erfassung und Erkundung des Standortes Bleckede“ durchgeführt und zunächst eine weitere Analyse beabsichtigt. Doch „aufgrund begrenzter finanzieller Mittel und einer geänderten Prioritätensetzung konnten für derartige Untersuchungen Landesmittel nicht mehr zur Verfügung gestellt werden.“ Für 47 Standorte, zu denen auch der Ölhof Bleckede gehörte, sei nach Abschluss der „Erfassung und Erkundung“ die Gefährdungsabschätzung des Landes beendet worden, weil sich diese im Eigentum des Bundes befanden.

Das Umweltministerium sei davon ausgegangen, „dass der Bund als Eigentümer der Flächen und in seiner Vorbildfunktion im Hinblick auf das Einhalten geltender Rechtsvorschriften aus der Einschätzung der Gutachter entsprechende Schlussfolgerungen zieht und ggf. weitere Schritte einleitet und durchführt.“ Damit schien die Sache für das Umweltministerium erledigt. „Entsprechende Berichtspflichten an das Umweltministerium gab es nicht“, sagt Lethen.

Bleibt die Frage: Was lagert im Boden des ehemaligen Ölhofes? Und welche Gefahr geht davon möglicherweise aus? Laut Dr. Thomas Krämer vom Bundesumweltamt sind die Stoffe, die nachweislich im Ölhof lagerten, nicht „akut toxisch“, dafür aber mehr oder weniger wassergefährdend. Sollten Rückstände der Stoffe gefunden werden, „muss der Boden aller Wahrscheinlichkeit nach abgetragen werden.“

In der Analyse von 1991 heißt es zur Wahrscheinlichkeit einer Kontamination: „Die im Verlauf der Entfestigungsarbeiten durchgeführte Demontage und Sprengung der Anlagen beinhaltet trotz vorheriger Entleerung grundsätzlich die Gefahr einer Kontamination von Boden- und Grundwasser durch Treibstoffreste.“ Dafür würde sprechen, dass bereits 1954 in einigen Brunnen in der Nähe des Ölhofes eine Grünfärbung des Trinkwassers durch Farbstoffe festgestellt wurde, die früher auf dem Ölhof lagerten. Damals sei laut LZ-Bericht bei einer Besichtigung festgestellt worden, „dass eine Menge des grünen Stoffes … einfach in ein Baggerloch geworfen wurde, wo er sich im Laufe der Zeit auflöste und in beträchtlicher Tiefe in die Wasseradern eindrang.“