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Geschnürt, geknöpft, geblümt sind die Gamaschen, die Ute Westedt in ihrem Reinstorfer Arbeitszimmer näht. Bis zu fünf Stunden sitzt die 44-Jährige an besonders aufwendigen Schmuckstücken fürs Bein. Foto: t&w
Geschnürt, geknöpft, geblümt sind die Gamaschen, die Ute Westedt in ihrem Reinstorfer Arbeitszimmer näht. Bis zu fünf Stunden sitzt die 44-Jährige an besonders aufwendigen Schmuckstücken fürs Bein. Foto: t&w

Gamaschen aus Reinstorf: Der besondere Blickfang fürs Bein

emi Reinstorf. Als Kind saß Ute Westedt oft stundenlang unter dem Zuschneidetisch ihrer Großmutter und hüllte ihre Barbiepuppen in Stoff. Die Oma, die Schneidermeisterin in Altenmedingen war, zeigte ihrer Enkelin nicht nur, wie man Knöpfe annäht, sondern vererbte Ute Westedt offenbar auch ihre kreative Ader. Wenn die Diplom-Restauratorin für Holzobjekte mit gefasster Oberfläche nicht gerade Altäre, Skulpturen und alte Gemälde wiederherstellt, sitzt sie in ihrem Reinstorfer Arbeitszimmer an der Nähmaschine und kreiert moderne Accessoires nach historischem Vorbild Gamaschen.

Kurze, lange, geblümte, geknöpfte und geschnürte Waden-Korsetts liegen und stehen, über Stiefel gestülpt, auf Tisch, Regalen und Schränken in Westedts Werkstatt. „Der Begriff Gamasche stammt von der spanischen Bezeichnung für eine bestimmte Ledersorte ,gaudamaci“, erklärt die 44-Jährige, während sie Stoffe am Nähtisch zur Seite schiebt. Passend zum dunklen Kleid und dunklem Jackett trägt Ute Weststedt schwarze Gamaschen mit rotem Rosenmuster. Ihre Handgelenke zieren Manschetten aus demselben Stoff.

Im 17. Jahrhundert wurde der Begriff „gamach“ ins Französische und von dort ins Deutsche übertragen. Gamaschen über den Knöcheln wurden im 18. Jahrhundert als Schutz vor Verletzungen, Kälte und Schmutz hauptsächlich beim Militär verwendet. Um 1900 gelangten sie in den zivilen Bereich und wurden überwiegend von Männern getragen.

Ute Westedts Kreationen begeistern dagegen fast ausschließlich Frauen. „Die buntesten gingen bisher an Frauen im Alter zwischen 55 und 65 Jahren, meine älteste Kundin ist über 80.“ Jüngere Frauen griffen dagegen eher zu gedeckten Farben. Warum das so ist, kann Ute Westedt nur vermuten: „Jüngere Frauen sind noch auf der Suche im Leben, später ruht man mehr in sich selbst und nimmt nicht mehr so wichtig, was andere sagen.“

Ihre Mutter sei zuerst entsetzt gewesen, als sie sich vor rund fünf Jahren ihre ersten Gamaschen genäht habe die mit den roten Rosen. „Das kann man doch nicht anziehen, da guckt doch jeder nur noch auf die Füße“, habe sie gesagt, erinnert sich die 44-Jährige schmunzelnd. Durch alte Abbildungen war Westedt auf die Kleidungsstücke aufmerksam geworden, kaufte sich historische Exem­plare und setzte sie in die Moderne um. Mit Mut zur Farbe und zum Außergewöhnlichen.

Dass ihre Idee so gut ankommen würde, war damals nicht abzusehen. Großen Anteil am Erfolg hatten Ute Westedts Schwestern. Kaum hatten die die Gamaschen erspäht, wollten sie auch welche. Und dann deren Freunde und so weiter. „Das hat sich verselbstständigt“, sagt Westedt lächelnd. „Ich hatte keine Wahl“.

Heute sitzt Ute Westedt bis zu fünf Stunden an den aufwendigsten Paaren aus Seide und Plüsch, mit besonderen Knöpfen, Spitzenapplikationen und Rüschen. „Es hat mir schon immer Spaß gemacht, kreativ zu sein“, sagt die 44-Jährige. „Bei der Restaurierung muss ich mich stark am Original orientieren, bei den Gamaschen kann ich etwas völlig Neues erschaffen. Das ist eine schöne Geschichte.“ Eine, die unter dem Zuschneidetisch der Oma begann und heute auch ihre Mutter überzeugt.