Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Jeder fünfte Schüler in Deutschland wurde bereits Opfer von Cyber-Mobbing.  (Symbolbild: A./t&w)
Jeder fünfte Schüler in Deutschland wurde bereits Opfer von Cyber-Mobbing. (Symbolbild: A./t&w)

Beschimpft, Geschlagen, Ausgegrenzt: Mobbing an Schulen ist vor allem ein strukturelles Problem

Zehntausend Kinder werden jede Woche an deutschen Schulen ausgegrenzt, in neun von zehn Schulklassen wird gemobbt. Das besagt eine aktuelle Studie zu Cybermobbing bei Schülerinnen und Schülern vom „Bündnis gegen Cybermobbing“. Immer öfter verlagern sich die Schikanen ins Netz: Jeder fünfte Schüler in Deutschland wurde bereits Opfer von Cyber-Mobbing. Manche leiden schwer unter den Folgen der Demütigung – bis hin zu Depression und Suizidgedanken. Mit dem richtigen Schulkonzept könnte vieles anders sein.

Benjamin Fokken wurde mit seinem Anti-Mobbing-Video innerhalb weniger Wochen in ganz Deutschland bekannt. Der inzwischen 20-Jährige war lange Jahre Opfer von Schikanen Gleichaltriger und tat nun das, was die meisten nicht wagen – den Schritt nach vorn. Über fünf Millionen sahen seine Botschaft, die eine Welle der Solidarität auslöste. Und noch etwas: Sein Clip rückte Mobbing wieder ins gesellschaftliche Bewusstsein vieler. Woran liegt es, dass so viele Kinder an deutschen Schulen ausgegrenzt und schikaniert werden? Und vor allem, was können wir dagegen tun?

Mobbing ist ein Problem des Schulsystems und der Schulpolitik“ 

Klaus Wenzel, Präsident vom Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband und stellvertretender VBE-Bundesvorsitzender für Schul- und Bildungspolitik, sieht in Mobbing an Schulen vor allem ein strukturelles Problem: „Immer dort wo Mobbing auftaucht ist etwas in der Beziehungsstruktur kaputt gegangen oder diese Struktur hat gar nicht erst stattgefunden“, erklärt der Pädagoge, der selbst 34 Jahre als Lehrer tätig war.

Er betont, dass Mobbing nichts mit bestimmten Schülertypen oder Schularten zu tun hat, sondern sehr viel mit dem Schulklima. „Meine Befürchtung ist, dass Schule mehr und mehr zu einer ‚Mess-Station’ verkommt. Alles wird gemessen, bepunktet und benotet. Das ist natürlich ein schöner Nährboden für Mobbing, wenn es ständig um Konkurrenz geht“, sagt Wenzel. Für ihn gibt es an Schulen zu wenig Möglichkeiten, um sich als Bildungseinrichtung zu profilieren und eine gute Schüler-Lehrer-Beziehung aufzubauen. Wenn es einem Lehrer gelänge, ein gutes Verhältnis zu Schülern und Eltern aufzubauen und auch mit anderen Lehrern offen über Probleme und Geschehnisse zu sprechen, so ist sich Wenzel sicher, würde Mobbing im Keim erstickt. „Durch das Tabuisieren, durch das Nicht-Besprechen und Nicht-Transparent-machen haben die Täter große Chancen, weil sie denken, dass ihnen sowieso nichts passiert“, kritisiert Wenzel. Dabei kann Mobbing durchaus rechtliche Konsequenzen mit sich ziehen und Täter können belangt werden – im Netz wie auf dem Schulhof gleichermaßen.

Weitreichende Konsequenzen für Täter

„Das Internet ist kein rechtsfreier Raum. Auch wenn ‚Mobbing’ an sich kein Strafbestand ist, sind es Beleidigung, Nötigung, Bedrohung und üble Nachrede sehr wohl“, weiß Medienanwalt Christian Solmecke. Wer andere im Netz verhöhnt, verletzt das Persönlichkeitsrecht der betroffenen Person und muss gegebenenfalls Schadenersatz zahlen. Strafmündig sind in Deutschland Jugendliche ab 14 Jahren. Die Möglichkeiten gegen beleidigende Inhalte auf sozialen Netzwerken vorzugehen sind mittlerweile sehr gut. Der schnellste und effektivste Weg führt über Facebook selbst. Nach Kenntnis von illegalen Inhalten ist das Unternehmen verpflichtet, diese zu löschen. „Facebook reagiert auf Anwaltsschreiben mittlerweile meist innerhalb von 24 Stunden. Der Staatsanwalt hat auch die Möglichkeit, über Facebook die IP-Adresse und möglicherweise auch die weitere Facebook-Kommunikation des Täters heraus zu verlangen“, sagt Solmecke. Handelt es sich um Jugendliche Täter, drohen Jugendarrest und Schadensersatzansprüche von bis zu mehreren tausend Euro. Auch wer unter beleidigenden Postings einfach nur den „Like Button“ klickt, kann unter Umständen zur Rechenschaft gezogen werden.

Hilfe für Mobbing-Opfer

Mobbing ist zermürbend und macht krank. Für Betroffene ist der einzige Ausweg die Flucht nach vorn, denn Mobbing hört nicht von alleine auf. „Wer Mobbing geheim halten will, vor Scham oder Angst, wird keine Lösung finden“, weiß Wenzel. Ein Gespräch mit Eltern oder Freunden ist ein guter erster Schritt. Wenzel rät, auch den Klassenlehrer, den Vertrauenslehrer oder den Schülerrat um Hilfe zu bitten. „Wenn alle miteinander kommunizieren und kooperieren, kommt man in der Regel auch zu einer Lösung des Problems“, ist er sich sicher. Eine aktuelle Studie stützt seine Einschätzung. Sie ergab, dass Cybermobbing in den meisten Schulen konsequent geahndet wird und dem oder den Tätern disziplinarische Konsequenzen drohen. Wem es unangenehm ist, persönlich über Probleme und Ängste zu sprechen, findet immer mehr Anlaufstellen im Netz. Hier bekommen Betroffene anonym Hilfe in Chats, Foren und via E-Mail. Auch die kostenlose Telefonberatung „Nummer gegen Kummer“ hilft Jugendlichen bei Problemen jeder Art.

Auch Lehrer können sich gezielt auf das Thema Mobbing an Schulen spezialisieren und weiterbilden. Inzwischen gibt es eine Vielzahl von Großteils kostenlosen Angeboten, um sich Kompetenzen im richtigen Umgang mit Mobbing an Schulen zu holen. Vor allem Lehrerverbände bieten Seminare, Fortbildungen und Broschüren rund um das Thema an. Zudem können sich Lehrer an den Personalrat der Schule wenden oder sich auf zahlreichen Plattformen im Internet informieren. Die Polizei bietet regelmäßig Seminare zum Thema Mobbing an Schulen oder Elternabenden an und klärt Eltern und Lehrer gleichermaßen auf.

Wenn Eltern den Verdacht haben, ihr Kind werde in der Schule schikaniert und ausgegrenzt, sollten sie das Gespräch mit Kind und Lehrer suchen und sich gegebenenfalls Hilfe von außen holen. Es gibt speziell auf Mobbing spezialisierte Psychologen und Mobbing-Coaches, die auch in die Schulklasse gehen und mit allen Beteiligten sprechen. Im Kampf gegen Mobbing muss letztendlich jeder seinen eigenen Weg finden, um der Schikane ein Ende zu setzen. Benjamin jedenfalls hat seinen Weg gefunden und durch sein Video wieder neuen Mut gefasst. Er will sich in Zukunft nicht mehr so leicht unterkriegen lassen.

Ein Beitrag von Meike Stephan, onlinefacts.de

5 Kommentare

  1. „Wenn es einem Lehrer gelänge, ein gutes Verhältnis zu Schülern und Eltern aufzubauen und auch mit anderen Lehrern offen über Probleme und Geschehnisse zu sprechen, so ist sich Wenzel sicher, würde Mobbing im Keim erstickt.“ Umkehrschluss: Wer als Lehrer Mobbing in seiner Klasse hat, ist ein schlechter Lehrer, der all das oben Aufgeführte versäumt hat. Na prima, Herr Wenzel. Solche Typen wie Sie wünscht man sich als Meteorologen, aufgrund Ihrer Kompetenz würde es dann nie mehr schlechtes Wetter geben ! Wer solche Aussagen wie oben trifft und es nötig hat, sich dermaßen auf dem Rücken der KollegInnen zu profilieren, kann der genug Empathie für das schwierige Thema „Mobbing“ aufbringen ? Ich habe da so meine Zweifel.

  2. Mobbing ist ein Problem des Schulsystems und der Schulpolitik“ , stimmt so nicht. Es ist ein gesellschaftliches Problem des Kapitalismus. Ellenbogen raus und schon geht es los.

    • Mobbing ist zuallererst ein negativ zu bewertendes Resultat von Prozessen innerhalb einer Gruppe. Ellenbogen besitzen übrigens nicht nur Kapitalisten. Und: Glaube doch keiner, dass bei solchen Prozessen die Lehrkraft als Vertrauensperson frühzeitig hinzugezogen wird, egal, welch toller Hecht man ist.

  3. Wie oft werden die irreführenden Ergebnisse dieser Studie eigentlich noch unrecherchiert nachgeplappert?
    Die Studie (von 2013) kommt auf 16,6 % Betroffene, das ist jede/r Sechste, nicht Fünfte. Die Autoren hielten es auch nicht für notwendig, Cybermobbing überhaupt zu definieren und werteten jegliche Onlineauseinandersetzung als Cybermobbing. Reduziert man diese Studie auf die als „nachhaltig“ ausgewiesenen Fälle, kommt man auf 3,3 % Betroffene, was sich dann auch mit Erfahrungen aus der Praxis deckt.

    Details dazu: http://www.medien-sicher.de/2013/07/schluss-mit-der-cybermobbing-hysterie/

    • Danke für den Link, Herr Steppich ! Wie wohltuend sachlich und hilfreich (und ohne Schuldzuweisungen), welch Unterschied zu diesem merkwürdigen Artikel !