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Volkmar Hinz entlässt die ersten knapp 5000 Glasaale in die Elbe, der Startschuss für die diesjährige Besatzaktion. Foto: t&w
Volkmar Hinz entlässt die ersten knapp 5000 Glasaale in die Elbe, der Startschuss für die diesjährige Besatzaktion. Foto: t&w

89 Kilogramm Hoffnung

off Bleckede. Die Hoffnung erreicht Bleckede in gekühlten Styroporkisten. Zu Tausenden winden sich auf vier Etagen ein bis drei Jahre alte Glasaale, rund zehn Zentimeter lange, spindeldürre Wildfänge, die an der französischen Atlantikküste aus dem Meer gefischt wurden und nun ihren Beitrag zur Zukunft des Aalbestandes an der Elbe leisten sollen. Ingesamt 89 Kilogramm, rund 295000 Tiere, stehen in diesem Jahr für die Besatzaktion an der Elbe zur Verfügung. Die ersten knapp 5000 Fische lässt Volkmar Hinz direkt an der Hafenbucht ins Wasser. Der Startschuss für die inzwischen zehnte Aktion von Landwirtschaftskammer Niedersachsen und Gemeinschaftsinitiative (GI) Elbefischerei.

Hinz begleitet den Aalbesatz als Fischereiexperte der Landwirtschaftskammer bereits seit Jahren, koordiniert auch dieses Mal die Verteilung der Jungfische. An 100 Stellen zwischen Schnackenburg und Bullenhausen setzen Helfer der Gemeinschaftsinitiative die Glasaale ins Wasser in der Hoffnung, damit die Zukunft des Aales in der Elbe zu sichern. „In acht bis zehn Jahren wandern die Alttiere dann zum Laichen ab und sterben danach“, sagt Hinz. „Doch wenn alles gut geht, kommt der Nachwuchs zurück.“ Und sorgt seinerseits wiederum für Nachwuchs.

Vor etwa 30 Jahren sind die Aalbestände in ganz Europa dramatisch eingebrochen, die Ursachen sind vielfältig und reichen von klimatischen Veränderungen über Fischerei, Vogelfraß und Wasserkraftwerke bis zu Schwimmblasenschäden durch eingeschleppte Parasiten und die verstärkte Entnahme von Glasaalen für den Export nach Asien. „Inzwischen wird der Fang von Glasaalen an der Atlantikküste intensiv überwacht“, sagt Hinz. „Die EU hat ihren Mitgliedstaaten Aalbewirtschaftungspläne auferlegt.“ Weitere Punkte im Rettungsplan Aal. Ob er gelingt, bleibt abzuwarten.

Bisher ist eine Erholung der Aalbestände nicht nachweisbar. „Von daher können wir auch noch keine messbaren Erfolge der Elbe-Besatzaktionen vorweisen“, sagt Hinz. Prognosen gingen davon aus, dass die Bestände in zwei bis fünf Jahren anfangen, sich langsam wieder zu erholen. „Doch die Lebenszyklen des Aals sind uns nach wie vor ein Rätsel.“ Man wisse zwar, dass die Tiere etwa im Alter von acht bis zehn Jahren zum Laichen durch den Atlantik in die Sargassosee an der nordamerikanischen Küste wandern. Doch viel mehr ist über die Fortpflanzung der Aale nicht bekannt. Alle Zuchtversuche sind bisher fehlgeschlagen. „Deswegen sind wir auch bei den Besatzaktionen nach wie vor auf Wildfänge angewiesen“, sagt Volkmar Hinz.

Mehr als 400 Euro hat ein Kilogramm Glasaal dieses Jahr gekostet, rund 43000 Euro die gesamte Aktion 2015. Davon tragen 60 Prozent Land und EU, den Rest übernehmen Fischer, Angler und weitere Förderer, die sich in der GI Elbefischerei zusammengeschlossen haben. Mit ersten Erfolgen der Besatzaktionen rechnet Hinz in ein, vielleicht auch erst drei Jahren. „Dann könnte der Nachwuchs der ersten ausgesetzten Aale von 2006 zurück sein.“