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Das Nadelwehr bei Wittorf ist eins von noch vier erhaltenen Wehren dieser Bauart in Niedersachsen. Insgesamt drei davon stehen an der Ilmenau. Foto: dth
Das Nadelwehr bei Wittorf ist eins von noch vier erhaltenen Wehren dieser Bauart in Niedersachsen. Insgesamt drei davon stehen an der Ilmenau. Foto: dth

Tourismuskonzept zur Rettung von Schleusen und Wehren gefordert

dth Bardowick/Handorf. Eine Patentlösung brachte die jüngste Versammlung des Vereins „Historische Ilmenau“ nicht. Zwar könnten Kanu-Paddler bei einer neu ins Spiel gebrachten Umbauvariante für die Ilmenau dank einer Bootsschleppe leichter von einer Wehrseite auf die andere gelangen (siehe Hintergrund, Variante4). Schiffbar wäre der Fluss für Kaliber wie den Lüneburger Salz-Ewer oder das Bardowicker Museumschiff allerdings auch dann nicht. Ein Lichtblick: Im Ringen um den Erhalt der denkmalgeschützen Bauensembles sprechen neuerdings der Wittorfer Verein und das zuständige Wasser- und Schifffahrtsamt (WSA) Lauenburg miteinander und nicht mehr nur übereinander.

WSA-Leiterin Bettina Kalytta hielt mit ihren Mitarbeitern bei der kürzlichen Mitgliederversammlung des Vereins im Handorfer Gasthaus Benecke einen Vortrag über den aktuellen Sachstand zum Umbau der Wasserstraße Ilmenau zwischen Fahrenholz und Lüneburg. Monatelang hatte sich seitens der Behörde bei der Umsetzung der Machbarkeitsstudie wenig getan wegen Personalmangels. Kalytta: „Uns fehlten schlichtweg die Bearbeiter.“ Gut für die Gegner des Konzepts, die durch die mögliche Reduzierung des Wasserstands Schäden an ihren Häusern befürchten, negative Auswirkungen auf die Landwirtschaft und den endgültigen Verlust der Schiffbarkeit der Ilmenau und selten gewordener Bauwerke. Doch jetzt will die Behörde an dem umstrittenen Konzept weiterarbeiten, das sich an den Anforderungen der EU-Wasserrahmenrichtlinie orientiert, für eine „möglichst naturnahe Umgestaltung und die ökologische Durchgängigkeit“ der Ilmenau.

Andreas Dohms, WSA-Sachbereichsleiter Neubau, skizzierte den weiteren Ablauf. Bei einem sogenannten Scoping-Termin werden Behörden, Sachverständige, Kommunen und Umweltverbände und „sonstige Dritte“ eingeladen, gemeinsam den weiteren Untersuchungsumfang der favorisierten Varianten 3 und 4 (siehe Hintergrund) festzulegen. In Verfahren folgen dann Umweltverträglichkeitsprüfung, Landschaftspflegerischer Begleitplan bis zur Einleitung eines Planfeststellungsverfahrens. Kalytta: „Die Baukosten allein sind nicht das Maß der Dinge.“ Der Prozess wird Jahre dauern. Hans-Jürgen Werner vom Bardowicker Museumsschiffverein unkte: „Bis dahin sind die Bauwerke vergammelt und von selbst zusammengefallen.“ Darauf Dohms: „Wir hoffen, dass die Wehre bis dahin durchhalten.“ Notfalls müssten die Schleusen, um die Standfestigkeit zu bewahren, zugeschüttet werden.

In den bisher untersuchten Varianten wurde die Instandsetzung der Bauensembles nicht berücksichtigt. Dazu WSA-Leiterin Kalytta: „Wir gehen davon aus, dass eine Instandsetzung nicht wirtschaftlich wäre.“ Zudem bedeute eine Instandsetzung eine geringere Lebensdauer für das Bauwerk als ein Neubau. Die Schleusen Bardowick und Wittorf sind mittlerweile wegen Baufälligkeit gesperrt (LZ berichtete). Dennoch würden die Bauwerke weiterhin „bedarfsgerecht unterhalten“ trotz Betriebsperre. Alles andere sei seine „politische Entscheidung, das muss auf höherer Ebene diskutiert werden“.

Bei der abschließenden Diskussion im Plenum meldete sich auch Lüneburgs Bundestagabgeordneter Eckhard Pols (CDU) zu Wort, der sich nicht nur um die Standfestigkeit von Häusern im Umfeld der Ilmenau sorgt, sollte der Wasserspiegel dauerhaft gesenkt werden. Da auf der Ilmenau keine gewerbliche Schifffahrt stattfinde, könne die Bedeutung der Ilmenau ab Lüneburg flussabwärts mit einem Tourismuskonzept gestärkt werden: „Dafür müssen wir uns auch ans Land wenden und die anliegenden Gemeinden mitnehmen. Zurzeit gibt es kaum noch Möglichkeiten, dass Sportboote hier anlegen können.“ Aber solange die Schleusen gesperrt sind …

Turbine für Nadelwehr?

Einen neuen Weg, um die historischen Nadelwehre an der Ilmenau zu erhalten, hat die samtgemeindeeigene „Abwassergesellschaft Bardowick“ (AGB) mit dem regionalen Wasserversorger Purena ausgelotet am Beispiel des Wittorfer Standortes: Es geht um den möglichen Einbau einer Turbine zur Stromerzeugung aus Wasserkraft. Eine politische Entscheidung, ob dieser Weg verfolgt werden soll, steht allerdings noch aus. Samtgemeindebürgermeister Heiner Luhmann sagte auf LZ-Nachfrage: „Wir haben nach Möglichkeiten gesucht, die Wehre und Schleusen noch anders zu nutzen, um da eine Wirtschaftlichkeit reinzubringen.“ Da allerdings Strom aus Wasserkraft relativ schlecht gefördert werde, könnte sich allenfalls ein Eigenverbrauch lohnen. Und zwar für den Betrieb des AGB-Abwasserhauptpumpwerks bei Wittorf, das das Abwasser zur Kläranlage in Lüneburg befördert. Die geschätzten Kosten für eine sogenannte Rohrmantelturbine, die neben dem Wehr im Bereich der Fischtreppen eingebaut werden könnte, liegen bei rund 250 000 Euro. Das Kalkül ist, dafür Fördermittel einzuwerben, die auch dem Erhalt des Wehres zugute kommen könnten. AGB und Purena kommen in dem Vorabkonzept zu dem Schluss, dass das Projekt realisierbar sei, wenn ein Teil der jährlich 100 000 Kilowattstunden für den Eigenbedarf verrechnet würde. Abzüglich des Kapitaldienstes (Zinsen und Abschreibungen) bliebe unter dem Strich ein Plus von jährlich 3000 Euro übrig. Luhmann: „Wir werden das Thema zunächst politisch beraten im Bau- und Umweltschutzausschuss.“ dth

Hintergrund

Im Oktober 2012 wurde unter Federführung des WSA Lauenburg, initiiert von Bund und Land, die Machbarkeitsstudie vorgelegt mit dem Titel „Umgestaltung der Bundeswasserstraße Ilmenau unter Beachtung der Anforderungen der Wasserrahmenrichtlinie“. Darin werden zunächst vier Umgestaltungs-Varianten (V0 bis V3) aufgezeigt, wie mit den Schleusen und Wehren bei Bardowick, Wittorf und Fahrenholz an der Ilmenau verfahren werden könnte. Später wurde die V4 in die Betrachtung aufgenommen. Eine Instandsetzung aller drei denkmalgeschützten Bauensemble wurde in der Studie nicht untersucht. Die Varianten im Überblick: o V0: Instandsetzung der Schleuse Bardowick, Neubau der Schleusen Wittorf und Fahrenholz mit automatisierter Technik. Bau neuer Wehranlagen an den drei Standorten mit Fischpass. Geschätzte Kosten: 18,9 Millionen Euro. o V1: Schleusen werden zu Abflussgerinnen reduziert: Tore, Ver- und Entsorgungsleitungen sowie entbehrliche Massivbauteile werden zurückgebaut. Die Nadeln werden dauerhaft gezogen. Geschätzte Kosten: 2,46 Millionen. o V2: Wie V1 plus kompletter Rückbau der Wehre. Kosten: 2,52 Millionen. o V3: Rückbau der Wehre. Im Schleusenkanal sowie im Wehrarm werden Sohlgleiten eingebaut, eine Art Rampen im Flussbett. Der Wasserstand würde auf 50 Prozent reduziert, Wassermengen darüber hinaus automatisch abfließen. Kosten: 3,73 Millionen. o V4: Die Ilmenau wird vollgestaut, Rückbau der Schleusen, neue Wehre mit Fischpass. Plus Bootsschleppe, etwa für Kanus. Kosten: 11,6 Millionen.