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Für Christina Englert (l.) und Janina Käsche gibt es kein traumhafteres Produkt als Schokolade. Sie fertigen Pralinen und Schokoladenwaren nach eigenen Rezepten. Foto: be
Für Christina Englert (l.) und Janina Käsche gibt es kein traumhafteres Produkt als Schokolade. Sie fertigen Pralinen und Schokoladenwaren nach eigenen Rezepten. Foto: be

Lüneburger Manufakturen: Die neue Lust auf Selbstgemachtes

as Lüneburg. Es ist die Leidenschaft für ein bestimmtes Lebensmittel, aus der sie schließlich eine Geschäftsidee entwickelt haben. Mit ihren Produkten, die sie in ihren Betrieben selbst herstellen, treffen sie die Geschmacksnerven von immer mehr Verbrauchern. Manufaktur statt Massenproduktion ist ein bundesweiter Trend. Lüneburg bildet da keine Ausnahme. Neben Lokalen, die seit Jahrzehnten ihr eigenes Bier brauen, sind es Geschäfte, die zum Beispiel bei Schokolade, Bonbons oder Nudeln auf Selbstgemachtes setzen. Die LZ besuchte drei Betriebe.

Rechts: Arno Fröhlich schaut Stefanie Heitmann zu, wie sie Nudelware zu Nestern legt. Foto: t&w
Rechts: Arno Fröhlich schaut Stefanie Heitmann zu, wie sie Nudelware zu Nestern legt. Foto: t&w

„Wir sind eine Kartoffel-Generation: Mit Nudeln wirst Du kein Geschäft machen können“, habe ihm Anfang der 80er-Jahre sein Vater entgegengehalten, erinnert sich Arno Fröhlich, Inhaber des Nudelkontors. Nachdem der Lüneburger sein Lehramtsstudium Biologie/Sport abgeschlossen hatte, sah er wenig Chancen auf einen Referendariatsplatz und kam mit einem Freund auf die Nudel. Mit einem Kleinkredit machten sie ihren ersten Laden in Hannover auf. „Die Maschinen waren geleast, das Nudelmachen haben wir bei dem Maschinenhersteller in Italien gelernt“, erzählt er. Die ersten Rezepte gabs vom Maschinenverkäufer. „Dann haben wir uns eingearbeitet. Es kommt auf die Griessorte an und wie viel Wasser man zusetzt. Und man muss einfach ein Händchen für die Teigherstellung haben.“ Am Anfang sei noch mancher Teig „in die Tonne gegangen, aber wenn man etwas wirklich gerne macht, gelingt es auch“. 1987 ging er dann mit dem Nudelkontor in Lüneburg an den Markt, war damals vor Ort Pionier in Sachen Manufakturbetrieb. Sein Erfolgsrezept gestern wie heute: „Wir verwenden keine Geschmacksverstärker und Aromen. Ravioli und Tortellini werden nur mit dem gefüllt, was die Saison hergibt.“ Produziert wird nur das, was täglich über den Tresen geht und als Pasta-Gericht im Laden verzehrt wird. 60 bis 80 Kilo Pastateig wird nach Rezept des Hauses pro Tag per Maschine angemischt, die geschnittene Ware schließlich zu Nestern gelegt. Verkauft wird sie nicht nur im Nudelkontor, sondern auch auf dem Markt in Hannover, einem Markt in Hamburg sowie an ein Lübecker Restaurant. „Die Rezepte entwickelt meine Frau Ursula.“ Testesser sind sie und ihr Mann. Die Reaktionen der Kunden sind für sie die Messlatte für ihre Produktion, bei der sich Arno Fröhlich seiner Devise verpflichtet sieht: weniger, aber dafür gut. Dass nicht noch mehr Betriebe den Schritt in die Manufaktur wagen, sieht er darin begründet, dass „die Auflagen für Lebensmittelherstellung heute enorm hoch sind“.

Vis-à-vis dem Nudelkontor können sich Christina Englert und Janina Käsche kein traumhafteres Produkt als Schokolade vorstellen. Dass sie mal feinste Pralinen und Schokoladenwaren in eigener Herstellung fertigen würden, hätten sie sich Mitte der 90er-Jahre nicht gedacht. Christina Englert wollte nach dem Studium der Kulturwissenschaften an der Uni Lüneburg eigentlich in der Musikbranche ankern, hatte schon ein gut dotiertes Jobangebot, Janina Käsche arbeitete bei Airbus in Hamburg als Fluggerätebauerin. Doch nach dem Magister machte Englert einen mehrmonatigen Abstecher nach Brüssel, dem Zentrum feinster Schokoladenherstellung, und war davon fasziniert. „Auf der Rückfahrt 2002 haben wir über die Geschäftsidee rumgesponnen, die besten Pralinen einzukaufen, um sie dann weiterzuverkaufen.“ Den Job in der Musikbranche, „um den mich viele beneidet haben“, sagte sie schnell ab. Fürs erste gingen die beiden Frauen mit dem „Pralinenhaus“ an der Abtspferdetränke an den Start. „Es war eine echte Nische.“ Sie kauften feinste Produkte aus Belgien, Frankreich, Italien und Spanien, vertrieben sie vor Ort und bundesweit. „Mit Erfolg, denn das gab es damals in Deutschland noch nicht“, sagt Janina Käsche.

Hansegiebel-Lollies sind eine der vielen Eigenkreationen von Hans Seelenmeyer und seinem Bruder Sven. Foto: t&w
Hansegiebel-Lollies sind eine der vielen Eigenkreationen von Hans Seelenmeyer und seinem Bruder Sven. Foto: t&w

Doch beide wollten mehr: ihre eigenen Ideen und ihren eigenen Geschmack umsetzen. Nachdem sie 2007 die Marke Edelmann & Paulig (nach den Namen ihrer Großeltern) ins Leben gerufen hatten, starteten sie bald darauf mit der eigenen Produktion, die 2012 in die Goseburg verlagert wurde. Am Anfang sei alles „learning by doing“ gewesen, Inspirationen holten sie sich auf vielen Reisen und aus zig Schokoladenbüchern. Hört sich einfach an, ist aber nicht so. Denn ein Geheimnis von köstlicher Schokolade ist die Temperierung, die für den richtigen Glanz, Bruch und Schmelz sorgt. Auch der Kakao-Anteil ist wichtig bei der Schoko-Kunst. „Alle Trüffelmassen für unsere Pralinen kreieren und fertigen wir selbst“, sagt Christina Englert. „Vom Tag vor Muttertag an wollen wir nun unseren Kunden Einblicke in die Handarbeit in unserer gläsernen Manufaktur geben, die dann in der Goseburg an den Start geht.“ Verkauft werden die Produkte die inzwischen auch bio-zertifiziert sind, und für die das Duo schon einige Preise eingeheimst hat , nicht nur im Laden, sondern auch bundesweit über einen Internet-Shop. „Der ist eine gute Ergänzung zum Laden, der aber unglaublich wichtig für die Vertrauensbildung ist.“

„Bonschen sind positiv besetzt. Wenn Kunden in unseren Laden kommen, sagen sie: Das riecht nach meiner Kindheit“, sagt Hans Seelenmeyer. Allein wie der Inhaber der Bonbonmanufaktur an der Lünertorstraße Bonbons ausspricht, lässt Kindheitserinnerungen von herrlichen Karamellen wach werden. Ja, die habe er früher auch heimlich mit seinen Geschwistern in seinem Kinderzimmer auf dem Herd einer Puppenstube ­fabriziert, verrät er lächelnd. 120 Sorten stapeln sich in Gläsern und Kästchen in dem Geschäft, etwa zwei Drittel davon produzieren Hans und Sven Seelenmeyer und ihr Team selbst.

Auf die Idee gekommen sei er bei Besuchen auf der dänischen Insel Bornholm, wo er solche Bonbonmanufakturen sah. „Ich hab zu Sven gesagt: Das müsste doch auch in Lüneburg gehen.“ Denn für Hans Seelenmeyer, der lange in der Musikbranche arbeitete, stand fest: Du musst umsatteln. Zu Hause habe er dann erstmal „Zucker verbrannt“ und schnell gemerkt: Das reicht nicht. In der Zentralfachschule der Deutschen Süßwarenwirtschaft in Solingen lernte er den Grundstock für die Zubereitung der Bonbonmasse. Aber wie dann die Masse aus Zucker, Glukose und Wasser versetzt mit Aromen und Säure in vielen Schritten per Hand so verarbeitet wird, dass daraus Rocks (Hartbonbons) mit bunten Motiven entstehen, das war eine Sache des Ausprobierens und Lernens.

Kreiert haben die Brüder auch den süßen Hansegiebel, das Lüneburg-Motiv haben sie beim Patentamt als Wort- und Bildmarke angemeldet. Mit verschiedenen Walzen wird eine große Auswahl an Typen und Aromen hergestellt, für die bunten Lollies hat Hans Seelenmeyer Formen aus Silikon gebaut. Es ist die Kreativität, die die Bonbonmacher an ihrem Handwerk schätzen. Aber es ist auch ein hartes Geschäft. Nicht nur wegen der körperlichen Arbeit, wenn der zwei Kilo schwere Teigklumpen zu Anfang der Produktion immer wieder über einen Metallhaken geschlagen werden muss, damit Luft eingearbeitet wird. „Reich kann man davon nicht werden, und es ist schwierig, gutes Fachpersonal für die Herstellung zu finden“, sagt Hans Seelenmeyer. Doch das Positive überwiegt: Mancher Kunde gerät ins Schwärmen über „den schönen Laden“, andere sind infiziert, wenn sie bei der Herstellung zuschauen und die Gerüche der natürlichen Aromen wie echtes Ingwer- oder Pfefferminzöl schnuppern.