Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Chrysanthemen aus Chinakohl, Rosen aus Radieschen und Blätter aus Zucchini: Einen wahren Augenschmaus hat Irma Oster aus Bienenbüttel gezaubert. Foto: phs
Chrysanthemen aus Chinakohl, Rosen aus Radieschen und Blätter aus Zucchini: Einen wahren Augenschmaus hat Irma Oster aus Bienenbüttel gezaubert. Foto: phs

Das Auge isst mit: Gemüseschnitzerei nach asiatischer Tradition +++ mit Video von LZplay

emi Bienenbüttel. Irma Oster greift nach einem V-förmig zusammengebogenen Dosendeckel und einem zerschnittenen Chinakohl, das obere Drittel des Kopfes hat sie vorher abgetrennt. Dann beginnt die 59-Jährige mithilfe der scharfen Deckelkanten, von oben nach unten feine „Strähnchen“ aus dem weißen, festeren Teil der äußeren Kohlblätter herauszuschneiden. Nur die Streifen bleiben am Stiel, der Rest der Kohlblätter wird entfernt. Strähnchen für Strähnchen arbeitet sich die Bienenbüttelerin zu den inneren Blättern vor bis die Streifen allmählich zu Blütenblättern werden und der schnöde Kohlkopf sich in eine weißblühende Chrysantheme verwandelt.

Carving, Obst- und Gemüseschnitzen, nennt sich das jahrhunderte alte Kunsthandwerk aus Asien, das sich laut Oster in Deutschland mehr und mehr zum Trend entwickelt. Die gebürtige Tadschikin hat das Schnitzfieber vor rund sechs Jahren bei einer Hochzeitsfeier gepackt. „Ich habe dort einen Schwan aus Ananas auf dem Buffet-Tisch gesehen und war sofort fasziniert.“ Sie kaufte sich Bücher und übte zunächst anhand von Schritt-für-Schritt-Anleitungen. „Angefangen habe ich mit Kohlrabi-Blumen das ist fürchterlich schief gegangen“, erinnert sich Irma Oster lachend. Später ging sie beim zweifachen Weltmeister im Gemüse- und Früchteschnitzen, Xiang Wang aus China, in die Lehre, lernte auch kompliziertere Techniken.

Heute schnitzt die 59-Jährige im Handumdrehen prächtige Rosen aus Rote Bete, macht aus Äpfeln elegante Schwäne und zaubert gezackte Blätter aus Zucchini. Ihr Lieblingsmaterial birgt gleichzeitig auch die größte Herausforderung; je nach Schwierigkeitsgrad des Motivs arbeitet Irma Oster zwischen drei und fünf Stunden an der kreativen und essbaren Dekoration für kalte Platten und Salatbuffets: „Am liebsten schnitze ich Muster in Melonen da sieht man am Ende ein schönes Schaustück, das das Auge freut.“

Die Grundkenntnisse des Obst- und Gemüseschnitzens vermittelt sie seit dem vergangenen Jahr auch in Anfänger-Kursen an der Lüneburger Volkshochschule können Interessierte etwa Kunstwerke aus Kohlrabi und Rettich herstellen. „Jeder kann das lernen“, ermutigt Irma Oster. „Geduld, Fingerfertigkeit und gute Augen“ brauche man allerdings schon. Für die einfachen Schnitzmuster reichen kleine, spitze Küchenmesser oder gebogene Dosendeckel aus, für filigranere Arbeiten sind Thaimesser die perfekten Werkzeuge.

Beim zu bearbeitenden Material können die Künstler aus den Vollen schöpfen beziehungsweise aus dem Einkaufsregal. „Wann immer ich ein schönes Gemüse- oder Obststück sehe, nehme ich es mit und fange einfach an“, sagt Irma Oster. Auch Ehemann Viktor ist inzwischen auf den Geschmack gekommen: Er schnitzt Gesichter aus Kürbissen und stellt seine Werke auf der Straße vor dem Haus aus, um die Nachbarn zu erfreuen.

Viel Zeit und Mühe steckt das Ehepaar in seine Werke doch ihre Kunst ist vergänglich. Irma Oster nimmt es sportlich. Egal, ob schnöder Rettich oder prachtvoller Pfau irgendwann landet alles im Topf. „Wenn die Deko essbar ist, umso besser!“ Für die Bienenbüttelerin ist es „das schönste Geschenk“, Menschen Freude zu bereiten.