Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Finanzexperte Ulf Schönheim und Bio-Landwirt Marten Koch setzen auf Kooperation. Verbraucher können ökologische und soziale Betriebe als Aktionäre unterstützen. Foto: ca
Finanzexperte Ulf Schönheim und Bio-Landwirt Marten Koch setzen auf Kooperation. Verbraucher können ökologische und soziale Betriebe als Aktionäre unterstützen. Foto: ca

Die Öko-Aktionäre: Anleger investieren in lokale Betriebe

ca Lüneburg. Wenn Banken kaum Zinsen zahlen, dann können Investoren zumindest eine Rendite für die Gesellschaft erzielen. Vereinfacht ist das die Idee der Regionalwert Aktiengesellschaft, die sich gerade gründet und auf die Kooperation von Betrieben rund um Hamburg setzt. „Vom Acker bis zum Teller“, umreißt Vorstand Ulf Schönheim das Konzept. Einer, der gerne mitmachen möchte, ist Marten Koch, dessen Familie in Glüsingen einen Öko-Bauernhof betreibt. Er verspricht sich Kapital und die Vorteile eines Verbunds von Unternehmen.

Kochs Familie hat sich seit Jahrzehnten der ökologischen Landwirtschaft verschrieben. Auch deshalb liegen ihr die generellen Ziele der Regionalwert AG nahe, eben ein ökologisches und soziales Wirtschaften. Betriebe sollen Nachwuchs ausbilden, sodass sie zukunftsfähig sind, schonend mit Natur und Ressourcen umgehen, miteinander arbeiten und so Kapital in der Region halten. Das funktioniert unter anderem, indem der Aktionär auch Kunde ist: Der Verbraucher kauft quasi in „seinem Betrieb“ ein, weiß, woher sein Blumenkohl, Brot oder Bier kommt.

Schönheim schwebt eine Rundumversorgung vor: Landwirte, Bäcker, Gastronomie kooperieren. Der Traum ist, eine Brauerei zu finden, die sich gründet oder beteiligen möchte. Zudem sollen Händler Waren kaufen und an Partner weitervermitteln. Vergangenes Jahr fanden sich 45 Gründungsmitglieder zusammen, die Geld investierten. Eine Aktie kostet 500 Euro, dazu kommen Gebühren von fünf Prozent. „Manche besitzen eine, andere 100 Aktien“, sagt Schönheim.

Es gibt Besonderheiten: Die Gesellschaft ist nicht börsennotiert. Wer Anteile kauft, muss der Gesellschaft namentlich bekannt sein und die Aktien können nur mit Zustimmung der Gesellschaft wieder verkauft werden. Zudem ist das Stimmrecht der Aktionäre auf maximal zwanzig Prozent der Stimmrechte beschränkt. Vorstand Schönheim sieht das als Schutz vor Übernahme durch Spekulanten. Doch es dürfte überhaupt fraglich sein, ob ein klassischer Investor Interesse an dieser AG hat. Denn wenn Gewinne erwirtschaftet werden, entscheiden die Aktionäre darüber, ob sie ausgeschüttet werden oder in der Gesellschaft bleiben, um in Projekte gesteckt zu werden. Für Schönheim ist dies zumindest in den ersten Jahren das Mittel der Wahl.

Aktuell arbeit der 43-Jährige mit seinem Ko-Vorstand, dem Landwirt und Projektmanager Malte Bombien, daran, neue interessierte Unternehmen zu finden, die sich beteiligen wollen. Die würden auf Wirtschaftlichkeit und ökologisch-soziale Komponenten abgeklopft, bevor sie als Partner infrage kämen. Zudem suchen die Vorstände nach Anlegern, 35 Interessenten haben sie neben den Gründungsaktionären bereits, rechnen mit weiteren. Fünf Millionen Euro würden sie gerne für das aktuelle Projekt einsammeln, gehen aber davon aus, dass es realistischerweise eher 1,25 Millionen werden.

Das Geld könnte auch Marten Koch helfen. Die Kochs, die mit Ständen auf dem Lüneburger Wochenmarkt und in Hamburg vertreten sind, haben harte Zeiten hinter sich. Vor zwei Jahren mussten die Glüsinger, wie berichtet, einen Insolvenz­antrag stellen. Das habe mit Altlasten aus der Gründungszeit zu tun, erklärt Koch. Doch die Familie habe sich berappelt. Aus der Insolvenzmasse haben sie ihre Verkaufswagen zurückgekauft. Der 24-jährige Sohn, Landwirtschaftsmeister Lennart Koch, hat die Landwirtschaft übernommen und zum Beispiel versetzbare Hühnerställe gebaut die Bioeier seien jede Woche ausverkauft.

Das nächste Ziel ist, die Hofgebäude vom Insolvenzverwalter zurückzuerwerben. Auch die 72 Hektar Land, die an die Niedersächsische Landgesellschaft verkauft und dann gepachtet wurden, sollen bis 2021 wieder in Besitz des Hofes übergehen. Dabei soll die Zusammenarbeit mit der Aktiengesellschaft helfen.

Angst, nicht mehr Herr im eigenen Haus zu sein, hat Koch nicht: Die AG wolle Unternehmen eigenständig agieren lassen, zudem sei es gut, wenn Fachleute bei größeren Investitionen einen Blick auf Projekt und Finanzierung werfen.

Weil ihn der Ansatz überzeugt, lädt Koch gemeinsam mit der AG seine Kunden als mögliche Neu-Aktionäre zu einer Informationsveranstaltung am heutigen Montag, 13. April, ein. Beginn ist um 19 Uhr im e.novum am Munstermannskamp 1.