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Lüneburg: NS-Prozess startet in einer Woche

rast Lüneburg. Eines der letzten großen NS-Verfahren beginnt am Dienstag kommender Woche unter schärfsten Sicherheitsvorkehrungen in Lüneburg. Aufgrund des starken öffentlichen Interesses tagt die 4. Große Strafkammer am Landgericht in der Ritterakademie. Von Dienstag, 21. April, an muss sich der ehemalige Waffen-SS-Mann Oskar Gröning wegen Beihilfe zum Mord in 300000 rechtlich zusammentreffenden Fällen verantworten. Die angeklagten Fälle beziehen sich aus Beweisgründen lediglich auf die Zeit vom 16. Mai bis 11. Juli 1944. Der heute 93 Jahre alte Gröning war damals, wie ihn die New York Times nannte, Buchhalter im Konzentrationslager Auschwitz. Im Prozess treten 62 Nebenkläger auf, Opfer der NS-Zeit oder ihre Angehörigen.

Die Polizei ist auf alles vorbereitet. Insgesamt haben sich 56 Medienvertreter für das Verfahren akkreditieren lassen die New York Times wird ebenso berichten wie ungarische oder russische Medien. Aus Großbritannien entsenden BBC News, The Times, The Guardian und ITV News Prozessbeobachter. Für Übertragungswagen werden im weiteren Umfeld der Ritterakademie extra Parkplätze ausgewiesen. Allein die ARD wird mit drei Fahrzeugen präsent sein.

Rechtsanwalt Thomas Walther aus Kempten vertritt 32 Nebenkläger. Foto: nh
Rechtsanwalt Thomas Walther aus Kempten vertritt 32 Nebenkläger. Foto: nh

Neben den Plätzen für die Journalisten bietet die Ritterakademie Platz für 60 normale Besucher, auch sie müssen sich schärfsten Kontrollen unterziehen. Sie werden nach Waffen und gefährlichen Werkzeugen dazu zählen zum Beispiel auch Feuerzeuge durchsucht, ebenso nach möglichen Wurfgegenständen wie Flaschen, Dosen, Obst, Eier, Haarbürsten oder Farbbeutel. Das gilt auch für Flugblätter, Transparente, Trillerpfeifen, Glocken und „ähnliche zur Verursachung von Lärm geeignete Gegenstände“ sowie für Kugelschreiber und Füllfederhalter. Zuhörer dürfen auch keine Taschen dabei haben. Das Gericht hat das Kopieren der Ausweise der Zuhörer für die schnelle Identifizierung von Störern angeordnet.

Bereits einen Tag vor dem Prozess gibt das Internationale Auschwitz Komitee eine Pressekonferenz in Lüneburg. Mit dabei sind die Rechtsanwälte Thomas Walther und Professor Dr. Cornelius Nestler, die die Nebenkläger vertreten. Erscheinen werden zu diesem Termin auch die Auschwitz-Überlebenden Eva Pusztai-Fahidi aus Budapest und Hedy Bohm aus Toronto sowie Judith Kalmann aus Toronto, Halbschwester der in Auschwitz im Alter von sechs Jahren ermordeten Eva Weinberger.

Eva Pusztai-Fahidi wuchs in einer großbürgerlichen jüdischen Familie in Debrecen auf. Pusztai-Fahidi wurde mit ihrer Familie am 29. April 1944 von der ungarischen Gen­damerie zunächst ghettoisiert, am 14. Mai in Viehwaggons nach Auschwitz gebracht. Ihre zehnjährige Schwester und ihre Mutter wurden sofort vergast, ihr Vater starb in der Haft. Eva Pusztai wurde nach sechs Wochen im KZ als Zwangsarbeiterin für die Sprengstoffwerke Allendorf und Herrenwald ins KZ-Außenlager Münchmühle des Konzentrationslagers Buchenwald überstellt. Bei Kriegsende 1945 konnte sie bei einem Todesmarsch fliehen.

Unterdessen kündigt die als Holocaustleugnerin bekannte Ursula Haverbeck-Wetzel, Jahrgang 1928, an: „Wir sind in großer Anzahl“ bei Gericht anwesend. Nach Informationen der Antifaschistischen Aktion Lüneburg/Uelzen hat für den angekündigten Prozess-Besuch am Sonnabend ein Vorbereitungstreffen in Thüringen stattgefunden. Sie geht davon aus, dass auch Neonazis nach Lüneburg kommen werden und ruft ihrerseits zur Unterstützung der Nebenkläger, Zeugen und ihrer Angehörigen auf.

5 Kommentare

  1. Muss man den Prozess wirklich noch führen? Der Mann ist 93 Jahre alt, war zur Tatzeit Anfang 20.
    Eine Haftstrafe muss er aufgrund seines hohen Alters wohl nicht mehr befürchten.

    Sicher ist die Mitgliedschaft in der Waffen SS bedenklich, aber ich glaube man konnte sich die Tätigkeiten im Krieg nicht wirklich aussuchen. Den jungen Männern die damals in die SS gingen wussten sicher nicht, was auf sie zukommt. Wer dann nicht ordentlich in dem Mordapparat mitgemacht hat, musste wohl selbst um sein Leben fürchten.

    Ein Buchhalter, Anfang 20 die Beteiligung am Massenmord im Konzentrationslager Ausschwitz vorzuwerfen ist für mich als Außenstehender schwer nachvollziehbar.

    • Ernst Erich Schöller

      Stellen Sie sich einfach vor, ein Zwanzigjähriger würde heute Abend bei Ihnen über den Gartenzaun klettern und Ihnen und allen Ihren Familienangehörigen schnell mal an beiden Füßen die große Zehe abhacken. Wenn Sie den in siebzig Jahren wieder treffen würden, was glauben Sie, wie schwer nachvollziehbar wäre Ihnen dann wohl ein Strafprozess gegen diesen Mann? Und wenn der Ihnen dann erzählt, er habe Sie, Ihre Eltern, Ihre Geschwister, Ihre Frau und Ihre Kinder seinerzeit nur verstümmelt, weil ihm sein Gang-Leader andernfalls die Ohren abgeschnitten hätte, wieviel Verständnis für die einstmalige Zwangslage des Greises könnten Sie dann wohl aufbringen?

      • Wenn er seine Tat heute bereuen würde und glaubhaft versichern würde, dass er es nicht freiwillig getan hat, dann würde ich ihm vergeben.

        • Ernst Erich Schöller

          Gut. Aber eben darum geht es bei diesem Prozess: Um die Glaubhaftigkeit der Versicherungen von Herrn Gröning in Bezug auf die Umstände, unter denen er – freiwillig oder unfreiwillig – Beihilfe zum Mord in 300.000 rechtlich zusammentreffenden Fällen in der Zeit vom 16. Mai bis zum 11. Juli 1944, also in weniger als zwei Monaten, geleistet hat.

          Lesenswert: http://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/40325395

  2. @ Walter Uller

    Ich glaube auch nicht, dass es zu einer Haftsrafe kommt. Aber um Vergeltung kann es angesichts eines solchen alle menschliche Vorstellungskraft sprengenden Verbrechens auch gar nicht gehen. Es geht um zwei Dinge: 1.) Um die unmissverständliche Auskunft des demokratischen Rechtsstaates, dass Völker- und Massenmord Verbrechen sind, die niemals verjähren und immer geahndet werden. 2.) Um Aufklärung: In den Worten des großen deutschen Juristen und Rechtsgelehrten Fritz Bauer: „Die Auseinandersetzung mit unserer jüngsten Vergangenheit erfordert gewiss ein Wissen um Fakten, aber das genügt nicht, nötig ist auch der Versuch ihrer Deutung, ohne die keine Folgerung und keine Lehre gezogen werden können. Leider ist es eine typisch deutsche Eigenschaft, den Gehorsam schlechthin für eine Tugend zu halten. Wir brauchen die Zivilcourage, Nein zu sagen.“ (Generalstaatsanwalt, * 16.07.1903, † 01.07.1968)

    Ich würde mir wünschen, Herr Gröning käme auf den Gedanken, sich zu Prozessbeginn hinzustellen und eine Erklärung abzugeben, in welcher er 1.) bekundet, er verstehe es als seine (vollkommen ungenügende, aber ihm heute einzig noch mögliche) Sühneleistung, nach bestem Wissen und Gewissen zur Erhellung der damaligen Umstände und seiner Rolle in ihnen beizutragen und 2.) er distanziere sich mit aller Entschiedenheit von dem verblendeten Hetz- und Lügenpack um die Holocaustleugnerin Ursula Haverbeck-Wetzel und ihrer krakeelenden sogenannten Neonazi-Freunde vor den Toren des Gerichtsgebäudes. Er schäme sich und verwahre sich dagegen, von so einem rohen und gewaltbereiten Haufen unbelehrbarer Geschichtsklitterer für ihre destruktiven und unappetitlichen Zwecke instrumentalisiert zu werden, und er bitte sie, nach Hause zu gehen und für alle Zeiten zu schweigen.

    Friedrich Andresen