Aktuell
Home | Lokales | Integration von Flüchtlingskindern — Interview mit Pia Steinrücke
Deutsch als Zweitsprache wird in verschiedenen Schulen unter anderem für Kinder aus Flüchtlingsfamilien angeboten.  Unser Archivfoto zeigt  Kathrin Gehrke, Lehrerin an der Oberschule am Wasserturm, beim Unterricht. Foto: t&w
Deutsch als Zweitsprache wird in verschiedenen Schulen unter anderem für Kinder aus Flüchtlingsfamilien angeboten. Unser Archivfoto zeigt Kathrin Gehrke, Lehrerin an der Oberschule am Wasserturm, beim Unterricht. Foto: t&w

Integration von Flüchtlingskindern — Interview mit Pia Steinrücke

as Lüneburg. Rund 357 Flüchtlinge aus Krisengebieten leben derzeit in Unterkünften der Stadt Lüneburg. Dabei ist nicht nur die Versorgung dieser Menschen wichtig, sondern die Stadt setzt gemeinsam mit Initiativen auch auf die soziale und kulturelle Integration. Die LZ sprach mit der designierten Bildungsdezernentin Pia Steinrücke darüber, welche Angebote es zur Bildung, Betreuung und Erziehung für Flüchtlinge im Kindes- und Jugendalter gibt und wo die Probleme sind.

Interview

Frau Steinrücke, wie viele Flüchtlingskinder leben derzeit in den Unterkünften und wie sind sie dort mit ihren Eltern untergebracht?

Pia Steinrücke: Zurzeit leben 58 Kinder im Alter von 0 bis 18 Jahren in den Unterkünften der Stadt, 17 in der Containeranlage am Ochtmisser Kirchsteig, 21 im Meisterweg und 20 in den Gebäuden auf dem Gelände der ehemaligen Schlieffenkaserne. Der Großteil der Kinder kommt aus Syrien, dem Irak und Afghanistan. Am Ochtmisser Kirchsteig haben wir erstmalig Familiencontainer eingerichtet, in denen jede Familie zwei Zimmer bewohnt und sich mit einer anderen Familie Küche und Bad teilt. Im Schlieffenpark sind Familien oder Mütter mit Kindern in Einzelzimmern untergebracht, dort stehen nur Großduschen zur Verfügung. Deshalb versuchen wir, dort möglichst wenige Kinder unterzubringen. Doch das gestaltet sich aufgrund der angespannten Unterbringungssituation schwierig, zumal der Flüchtlingsstrom nicht abreißt. Unser Bestreben ist es, dass Flüchtlinge aus Krisengebieten möglichst schnell eine Anerkennung bekommen, damit sie danach in Arbeit kommen und Wohnungen beziehen können. Das Verfahren zur Anerkennung dauert in der Regel sechs bis zwölf Monate. Das Problem ist allerdings, dass es in Lüneburg zu wenige Wohnungen gibt.

Besuchen die kleinen Kinder eine Krippe oder Kita, um so einen ersten Schritt zur Integration zu ermöglichen? 

Pia Steinrücke, designierte Bildungsdezernentin bei der Stadt. Foto: t&w
Pia Steinrücke, designierte Bildungsdezernentin bei der Stadt. Foto: t&w

Steinrücke: Wenn die Familien ankommen, wird mit Hilfe der Sozialarbeiter sofort Kontakt zu den Krippen, Kitas, aber auch zu Schulen im Umfeld der Unterkünfte aufgenommen. Wenn es im Umfeld keine Plätze gibt, gestaltet sich das schwieriger aufgrund der Fahrtkosten. Denn die müssten die Eltern eigentlich selber tragen, da sie Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz beziehen. Da diese gering sind, versuchen wir in der Anfangszeit Wege zu finden, um die Fahrtkosten zu finanzieren.

Begrüßen die Eltern diese Angebote oder verhalten sie sich eher ablehnend?

Steinrücke: Wir erleben die Eltern als sehr interessiert, wenn es um die Bildung und Integration ihrer Kinder geht.

Gibt es dabei denn rechtliche Hürden?

Steinrücke: Nein. Der Besuch von Krippen, Kitas und Schulen ist in unserem Staat verbrieftes Recht.

Was wird dafür getan, dass die Kinder schnell die deutsche Sprache lernen, um in der Kita nicht außen vor zu bleiben und in der Schule mitkommen?

Steinrücke: Sprache ist in der Tat der Schlüssel zu Bildung, Integration und Teilhabe. In Krippen und Kitas lernen die Kleinen im Miteinander spielerisch die deutsche Sprache. Je älter die Kinder sind, desto wichtiger ist es, sie beim Deutschlernen zu unterstützen. In den unterschiedlichen Schulformen gibt es Sprachlernklassen und den Sprachkurs Deutsch als Zweitsprache. Die Angebote erfolgen zentral, es werden dort grundlegende Deutsch-Kenntnisse vermittelt. Für Grundschüler gibt es dieses Angebot zum Beispiel an der Heiligengeistschule. Nach sechsmonatigem Unterricht besuchen die Kinder dann eine Grundschule. In den Schulen erfolgt dann eine zusätzliche Sprachförderung, dafür werden zusätzliche Lehrerstellen gewährt. Ganz wichtig ist aber die Unterstützung durch Ehrenamtliche. Wir sind sehr froh, dass es in Lüneburg viele Bürger gibt, die sich als Einzelperson oder im Rahmen der Willkommensinitiative engagieren. Die Volkshochschule bietet speziell für diese Ehrenamtlichen Kurse an.

Wie sieht es bei älteren Kindern aus, die unterrichtet werden sollen, aber noch kein Wort Deutsch können?

Steinrücke: Die Herausforderung ist da natürlich größer, weil das Zeitfenster zum Schulabschluss geringer ist und das Beherrschen der deutschen Sprache eine Voraussetzung ist, um einen Ausbildungsplatz zu bekommen.

Wo liegen neben der Sprachbarriere die größten Integrationshürden?

Steinrücke: Die Sprache ist die wesentliche Integrationsbarriere. Für alle anderen Prob­leme finden sich immer Lösungsmöglichkeiten. Erfreulich ist, dass es eine gute Akzeptanz der Kinder und Jugendlichen gibt. Sie verabreden sich mit Lüneburger Mitschülern, werden auch zu denen nach Hause eingeladen. Ein verbindendes Element ist auch der Sport, viele Vereine machen Angebote, um junge Menschen auf dem Spielfeld zusammenzubringen. So klappt Integration ganz einfach.

Manche Mädchen und Jungen haben Schlimmes erlebt, möglicherweise ein Kriegstrauma. Gibt es psychologische Hilfe?

Steinrücke: Bisher sind uns keine Fälle von Kindern mit Traumata in Lüneburg bekannt. Für die Eltern gibt es aber weitreichende Informationen, die unter anderem auch die psychologische Betreuung betreffen. Für alle Fälle haben wir in der Stadt die Kinder- und Jugendpsychiatrie, die an der Psychiatrischen Klinik Lüneburg angesiedelt ist.

Für die Unterbringung in den Unterkünften übernimmt der Landkreis die Kosten. Oberbürgermeister Ulrich Mädge und Landrat Manfred Nahrstedt haben wiederholt darauf hingewiesen, dass die Erstattungen von Bund und Land nicht auskömmlich sind. Wer zahlt für die Kita und die Schule? Stehen hierfür ausreichend Mittel zur Verfügung?

Steinrücke: Für den Besuch einer Krippe oder Kita müssen die Eltern von Flüchtlingskindern nichts bezahlen, sie sind gleichgesetzt mit Kindern von Hartz-IV-Empfängern. Der Landkreis erstattet der Kommune die Kosten. Materialien für den Schulunterricht werden aus dem Bildungs- und Teilhabepaket des Bundes finanziert, mit dem Kinder aus sozial schwachen Familien unterstützt werden. Für Klassenfahrten gewährt die Kommune einen Zuschuss, wenn das im Einzelfall notwendig ist.

Wo sehen Sie künftig Schwerpunkte zur Integration von Kindern und Jugendlichen?

Steinrücke: Ein weiterer Schritt sollte die noch stärkere Integration in den Stadtteilen sein. Schon jetzt passiert einiges in den Stadtteilhäusern. Aber wir sind bestrebt, weitere Angebote zu schaffen, damit junge Menschen direkt in der Nachbarschaft Freunde finden.

One comment

  1. Ein weiterer Schritt sollte die noch stärkere Integration in den Stadtteilen sein. Schon jetzt passiert einiges in den Stadtteilhäusern. Aber wir sind bestrebt, weitere Angebote zu schaffen, damit junge Menschen direkt in der Nachbarschaft Freunde finden.

    Die dürfen mit Ungläubigen doch nicht befreundet sein.