Aktuell
Home | Lokales | Neue Führung lädt ein auf den Lüneburger Kalkberg
Stadtführerin Sabine Büschelberger lädt ein zu einem Rundgang über den Kalkberg. Foto: ca
Stadtführerin Sabine Büschelberger lädt ein zu einem Rundgang über den Kalkberg. Foto: ca

Neue Führung lädt ein auf den Lüneburger Kalkberg

ca Lüneburg. Mons, Fons, Pons schon in der Dreieinigkeit des Stadtmottos, also Berg, (Sole-)Quelle und Brücke, spielt der Kalkberg eine Rolle. Erstmals taucht er laut Stadthistorikern 795 in den Annalen des fränkischen Reiches auf. Dort ist die Rede davon, dass Karl der Große an einem Ort namens Hliuni Station machte, was so viel wie Schutzburg bedeutet, möglicherweise der Ursprung des Stadtnamens Lüneburg. Die Stadt selbst wird in alten Urkunden erst eineinhalb Jahrhunderte später erwähnt, 956. Doch der Star der Stadtgeschichte steht nicht im Rampenlicht. Stadtführerin Sabine Büschelberger möchte das ändern: Sie bietet jetzt historische Führungen zum Thema an. Am Sonnabend, 18. April, feiert sie Premiere.

Vom Berg ist über die Jahrhunderte ein Hügel übrig geblieben. Je nach Quelle, sagt Sabine Büschelberger, war der Gipshut zehn- bis sechzehnmal so groß wie heute. Er ging über die heutige Neuetorstraße und den Schnellenberger Weg hinaus, ragte an die Sülzwiesen heran. Auch die Höhe ist geschrumpft auf nun 56 Meter, einst war er wohl nicht viel kleiner als der Turm von Michaelis.

Der Kalkberg von Süden aus gesehen: Auf der Kuppe erhebt sich ein mächtiger Turm. Daniel Frese schuf die Ansicht um 1610. Repro: A/mac
Der Kalkberg von Süden aus gesehen: Auf der Kuppe erhebt sich ein mächtiger Turm. Daniel Frese schuf die Ansicht um 1610. Repro: A/mac

Ein besserer, weil geologisch richtiger Name für den Kalkberg wäre Gipsberg. Den nämlich brachen die Ahnen dort bis in die 20er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Wer durch den Kalkberggrund geht, kann den terrassenförmigen Abbau erkennen, alles in allem sollen mehr als zwei Millionen Kubikmeter Gips gebrochen worden sein, schreibt die ehemalige Stadtarchivarin Dr. Uta Reinhardt in einem Aufsatz. Der kleine Bruder des Kalkbergs, der Schildstein, auf alten Ansichten mit einer Gipsmühle zu erkennen, wurde als Steinbruch gänzlich weggeknabbert. Gips war neben dem Salz Lüneburgs zweite große Einnahmequelle. Er steckt beispielsweise im Stuck des Schlosses in Ludwigslust und in der Kapelle auf dem Weinberg in Hitzacker.

Zurück zu den Anfängen. Wie ein natürlicher Ausguck erhebt sich der Berg aus der Landschaft, idealer Platz für eine Burg. Wie die ausgesehen haben mag, weiß man nicht genau. Sie war Sitz des Herrschers und den Lüneburgern verhasst. 1371 stürmten sie die Anlage und schleiften sie. Das hatte Auswirkungen auf das Kloster Michaelis, das sich im sicheren Schatten der Burg an den Berg kuschelte. Das Kloster wurde innerhalb der Stadtmauern neu errichtet.

Im Dreißigjährigen Krieg von 1618 bis 1648 erlangte das Plateau erneut Bedeutung. Die Schweden zogen auch in Lüneburg ein, bauten die Anlagen zu einer Festung aus. Stadtansichten aus dem 17. Jahrhundert zeigen auf dem Berg einen mächtigen Turm. Aus der militärischen Zeit sind zwei Zeugen erhalten: Ein Stück Befestigungsmauer ist zu finden an einem Weg, der sich hinter dem Getränkemarkt an der Kreuzung Schnellenberger Weg/Neuetorstraße ins Grün schlängelt; in Höhe der Kalkberg-Turnhalle gibt es zudem eine Baracke aus Stein, die aus der Schweden-Zeit stammen soll.

Die Kanone, die noch oben auf dem Berg thront ihre Schwester ist verschwunden , diente übrigens nicht der Verteidigung. Kettensträflinge mussten im 19. Jahrhundert den Stein brechen. Wenn einer von ihnen ausbüxte, feuerten Bewacher einen Schuss ab die Stadt wusste Bescheid, dass ein Bösewicht entwichen war. Das Zuchthaus steht noch, inzwischen bringt der Herbergsverein in dem renovierten Trakt Wohnungslose unter.

Dass sie da einen Schatz hatten, erkannten die Lüneburger erst spät. 1887 gründete sich um den Oberförster Hermann Busse ein Bürgerverein, der Naherholungsgebiete schaffen wollte: Über die Wege des Bockelsberges an der Ilmenau joggen und flanieren die Lüneburger immer noch gerne. Ebenfalls im Fokus hatte die Ur-BI den Kalkberg. Der Verschönerungsverein veranstaltete Basare und Sammlungen, aus dem Erlös bekam die Kalkbergkuppe einen bequemen Zugang mit einem Geländer, das noch heute seinen Dienst tut.

Ein Stück der alten Mauer hat der Arbeitskreis Lüneburger Altstadt restaurieren lassen. Curt Pomp zeigt den Mauerrest, der mit Schmierereien verunziert wurde. Foto: ca
Ein Stück der alten Mauer hat der Arbeitskreis Lüneburger Altstadt restaurieren lassen. Curt Pomp zeigt den Mauerrest, der mit Schmierereien verunziert wurde. Foto: ca

Bis 1922 wurde Gips abgebaut. Danach war der Weg endlich frei, die Reste zu retten. Eduard Schlöbcke war inzwischen der Mann, der gemeinsam mit anderen um den Gipshut kämpfte. 1928 schrieb er in seinem Kalkberg-Führer herzzerreißend: „Ist es doch, als ob ringsum am Berge heute noch qualvoll sich die Felsen öffnen, stumm vor Schmerz, aber laut und dringlich die Menschen anklagend ob ihrer rücksichtslosen Zerstörungswut.“ Die Bürgerbewegung hatte Erfolg: 1932 erklärten die Behörden den hohlen Zahn zum Naturschutzgebiet.

Das ist er bis heute. Und ein einzigartiges Öko-Fleckchen mitten in der Stadt. Aufgrund des besonderen Klimas und der Bodenformation haben dort Pflanzen und Tiere eine Heimat, die sonst viel weiter südlich zu Hause sind, manche stehen auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Arten. Sie tragen Namen leiser Poesie wie Nickendes Leimkraut, Mauerpfeffer und Gemeines Rapünzchen, schreibt der ehemalige Hochschullehrer und ausgezeichnete Kenner der Fauna und Flora, Prof. Dr. Kurt Horst, in einem Beitrag.

Nicht alles kann Sabine Büschelberger bei ihrer Führung erzählen. Doch wer sie knapp zwei Stunden lang begleitet, taucht ein in eine besondere Lüneburger Geschichte und wird zudem belohnt mit einem herrlichen Blick über die Stadt.

 

Bergtour

Sabine Büschelberger beginnt ihre Führung am Sonnabend, 18. April, um 16 Uhr am Eingang der Michaeliskirche. Mit Karten und alten Ansichten erklärt sie, wie groß der Berg einst war, wie Burg und Festung ausgesehen haben könnten. Sie betont, dass sie kaum über Geologie, Fauna und Flora spricht. Zu diesem Thema biete die Umweltschutzorganisation BUND Führungen an. Anmeldungen in der Tourist-Info am Rathaus unter Tel.: 08 00/22 050 05.