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Mittagstisch bei der Kindertafel: Leiterin Birgit von Paris sitzt oft mit dabei. Für viele Mädchen und Jungen ist die Tafel ein zweites Zuhause. Foto: t&w
Mittagstisch bei der Kindertafel: Leiterin Birgit von Paris sitzt oft mit dabei. Für viele Mädchen und Jungen ist die Tafel ein zweites Zuhause. Foto: t&w

Kindertafel der Paul-Gerhardt-Gemeinde feiert 20. Geburtstag +++ mit LZplay-Video

ca Lüneburg. Die Bilanz der Kindertafel flattert auf einem Transparent am Eingang: 5125 Mittagessen, 1000 Stunden Hausaufgabenhilfe, 1200 Stunden Spiele und Freizeitangebote, und das Jahr für Jahr. Das soziale Herz der Paul-Gerhardt-Gemeinde in Neu Hagen pumpt kräftig und ausdauernd. Aus kleinen Anfängen hat sich ein Sozialzentrum entwickelt, das für Dutzende Familien Anlaufstelle und Hoffnung bedeutet. Jetzt feiert die Kindertafel ihren 20. Geburtstag.

Leiterin Birgit von Paris und ihre 56 überwiegend ehrenamtlichen Helfer betreuen 55 Kinder, darunter 15, die mit ihren Familien vorm Bürgerkrieg in Syrien geflohen sind. Hausaufgabenhilfe, Mittagessen, Freizeitangebote wie Fußball, Weben, Geschichten hören mit Lesepaten. Doch es geht um mehr. Die Kindertafel bedeutet das, was Kirche und Glauben ausmacht: Nächstenliebe.

„Viel wichtiger als die Hilfe bei Hausaufgaben ist, dass wir soziale Bedürfnisse erfüllen“, sagt Birgit von Paris. Da sitzen Mädchen und Jungen, die furchtbar traurig sind, weil ihre Eltern sich trennen. Kinder, die zu Hause kein Essen bekommen. Flüchtlingskinder, die kaum ein Wort Deutsch sprechen und sich in einer neuen Heimat zurechtfinden müssen. Da sind Mädchen, die gerne mal in die Stadt gehen möchten, sich scheu für Jungs interessieren, deren Familien das aber für unehrenhaft halten und mit Verboten reagieren. Birgit von Paris lächelt fast ein bisschen schelmisch und sagt: „Da finden wir Hintertürchen, mit denen alle leben können.“

Angefangen hat alles mit einem Mittagstisch, den der damalige Pastor Jürgen Wesenick 1995 eingerichtet hatte. Etwas später kam Birgit von Paris dazu. Mittagessen sollte sie austeilen. Ein bisschen Ehrenamt. Wesenick ging, sie blieb. Was ebenfalls blieb, war der stetige Wandel: mehr Familien, die nicht mehr allein klarkommen, mehr Alleinerziehende, mehr Zuwanderer, die aus ihrer Heimat fliehen vor Krieg und Hunger. Zum Mittagstisch kamen Hausaufgaben- und Nachhilfe dazu. Ehrenamtliche helfen bei Anträgen, kochen mit Müttern, die so andere Frauen kennenlernen und ein Verständnis entwickeln können, dass die Gesellschaft in Deutschland in vielen Dingen offener ist als beispielsweise in muslimischen Ländern.

Irgendwann mussten die Helfer auch Grenzen setzen. Heute gilt als Eintrittskarte eine Hartz-IV-Bescheinigung. Denn wer genug verdient, kann nach Meinung der Aktiven selbst dafür sorgen, dass sein Kind betreut wird. Die Paul-Gerhardt-Gemeinde trägt und erträgt die Kindertafel, denn das bedeutet Einschränkungen: Zig Räume und den Keller haben die Kinder in Beschlag genommen. Auf der Empore der Kirche lagert Birgit von Paris allen möglichen Kram, den sie bei Basaren oder Tombolas in Bargeld für die Tafel umsetzt.

Ihren Etat von rund 110000 Euro pro Jahr erwirtschaften sie und ihre Mitstreiter selbst. Immer wieder muss sie Firmen als Sponsoren gewinnen, zu Veranstaltungen, stundenlang mit Passanten sprechen, die dann ein paar Euro oder auch nichts geben. Birgit von Paris lächelt tapfer und nennt es „Öffentlichkeitsarbeit“.

Manchmal hat sie keine Lust mehr. „Da schimpfe ich über den Saustall und frage mich, warum ich mir das antue.“ Doch dann schläft sie eine Nacht darüber und steht wieder mit ihrem Mann Peter im Gemeindehaus an der Bunsenstraße, denn: „Es macht Spaß, die Kinder geben so viel zurück.“

Zweimal feiert die Tafel mit Ehemaligen und geladenen Gästen, am Sonntag, 3. Mai, können alle kommen: Los geht es um 10 Uhr mit einem Gottesdienst an der Bunsenstraße, danach beginnen ein Kinderfest und Kaffeetrinken.

Nachfolger gesucht

Es sollte ihr letzter Geburtstag sein: 20 Jahre Kindertafel, danach wollte sie sich verabschieden. Doch Birgit von Paris bleibt: „Es gibt keinen Nachfolger.“ Seit mehr als einem Jahr ist sie auf der Suche. Doch niemand hat Lust oder kann es sich leisten, ehrenamtlich 40, manchmal 60 Stunden die Woche zu arbeiten. Sie sagt: „Ich möchte nicht, dass es irgendwann heißt, die Alte geht nie.“

Der Abschied und die ungeklärte Nachfolge waren Thema im Kirchenvorstand, bei Superintendentin Christine Schmid und beim Geschäftsführer des Diakonieverbandes, Gabriel Siller. Fazit: Eine Leitungsstelle müsse mit gut 70 000 Euro kalkuliert werden.

Damit wäre der Großteil der Spenden weg. So viel Geld, sagt die Leiterin, werden sich Kirche und Diakonie angesichts sinkender Einnahmen nicht aus dem Ärmel schütteln können. Birgit von Paris räumt ein: „Hier ist alles auf mich zugeschnitten, das hat die Entwicklung mit sich gebracht.“ Damit sind die Schuhe, in die der Nächste steigen soll, sehr groß.