Aktuell
Home | Lokales | LZ begleitet Rettungsdienst
Ein Fall von rund 380 im Jahr für Rettungsassistent Christian Köller (l.): Im Rettungswagen werden Patienten von ihm und Sanitäter Sven Bollmann versorgt. Foto: t&w
Ein Fall von rund 380 im Jahr für Rettungsassistent Christian Köller (l.): Im Rettungswagen werden Patienten von ihm und Sanitäter Sven Bollmann versorgt. Foto: t&w

LZ begleitet Rettungsdienst

Von Maximilian Matthies

Lüneburg. Ein Mann liegt am Boden, ist in eine Rettungsdecke aus silber glänzender Folie gehüllt, zwei junge Ersthelfer haben ihn schon in die stabile Seitenlage gedreht. Was ihn quäle, kann der Mann nicht äußern. Es ist aber offensichtlich: Er hat zu viel Alkohol getrunken. Jetzt ist der Schluckspecht umgekippt, kann nicht mehr allein aufrecht stehen. Ein Fall für die Männer im Rettungswagen.

In der Wache am Schnellenberger Weg bekommt Rettungs­assistent Christian Köller den Notruf aus der Zentrale auf sein Funkgerät gesendet: C2 Alkohol , Mann Mitte 40, Thorner Platz. Sofort macht er sich auf den Weg, begleitet wird er von Sanitäter Sven Bollmann. Angekommen am Zielort, müssen die beiden nicht lange suchen. Ein junger Mann winkt den Rettungswagen zur richtigen Stelle. Der Betrunkene liegt auf hartem Stein vor einer Garage, steter Tunnelblick, er kann nicht aufstehen. Seine Retter hieven ihn auf eine Krankentrage und schieben ihn ins Fahrzeug. Wieviel er getrunken habe? Das will der Mann nicht sagen, lallt etwas von „zwei Bier“. Sein Zustand zeugt von deutlich mehr. Er wird zur Ausnüchterung ins Klinikum gebracht, dort aber nicht lange verweilen wie sich noch zeigen wird.

Die LZ begleitet Rettungsassistent Christian Köller und seinen Kollegen bei ihrer Schicht. Der 33-Jährige ist stellvertretender Leiter der DRK-Wache in Lüneburg und an diesem Tag mit Rettungswagen 40-83-2 im Einsatz. Von 15 bis 23 Uhr. Ob ihn die Alkohol-Einsätze stören? „Nein, das sind ja meistens auch Kranke.“

Viel schlimmer, weil belastender, seien Einsätze mit Kindern in Notsituation. Einmal konnte ein Säugling nicht wiederbelebt werden plötzlicher Kindstod. Christian Köller hat über das traurige Ereignis mit Familie, Freunden und Kollegen gesprochen. „Reden hilft bei sowas.“

Der Lüneburger ist Familienvater, hat eine dreijährige Tochter und zwei kleine Söhne, die Zwillinge sind gerade ein Jahr alt. Der Vater rückte im vergangenen Jahr 380 Mal zu Einsätzen aus, 2015 sind es nach drei Monaten Elternzeit-Pause schon wieder mehr als 70.

Köller fährt schon lange im Rettungswagen. Er startete beim DRK als Zivildienstleistender im Januar 2003. Noch im selben Jahr erhielt er eine Stelle als Rettungssanitäter und erlebte seine erste „Todesnacht“ mit vier Leichen: Einer hatte sich erhängt, einer vor die Bahn geworfen, einer die Pulsadern aufgeschnitten, einer konnte nicht wiederbelebt werden. Christian Köller ließ sich nicht abschrecken. Im Gegenteil: Er machte später eine Ausbildung zum Rettungsassistenten, für die er sogar rund 3500 Euro aus eigener Tasche habe zahlen müssen. Manchmal wünsche er sich mehr Anerkennung für seinen Beruf, „dass man mal einen Kaffee ausgegeben bekommt“. Das habe mittlerweile Seltenheitswert. Die Einsätze nicht.

Der nächste kommt schon. Ein junges Mädchen, 15 Jahre alt, ist im SaLü zusammengebrochen. Blaulicht, Martinshorn, freie Fahrt. Es dauert nicht mal acht Minuten, bis der Rettungswagen am Schwimmbad angekommen ist. Dort werden die Helfer sehnlichst erwartet. Das Mädchen ist kreidebleich, zittert, klagt über starke Kopfschmerzen. Die DRK-Crew misst den Puls, 100 zu 70, schwacher Kreislauf. Sie habe ein Flackern vor Augen. Ob sie schon mal Migräne gehabt habe? „Ja.“ Ob sie schon ihre Regelblutung bekomme? „Ja.“ Was sie gegessen und getrunken habe? „Ein Brötchen und ein Glas Wasser.“ Definitiv zu wenig, um schwimmen zu gehen.

Nun muss sie in die Kinderklinik. Beim Verlassen der Krankenstation am Schwimmbadeingang raunt eine SaLü-Mitarbeiterin Christian Köller noch zu, das Mädchen komme aus Berlin. Ein neuer Verdacht keimt auf: Möglicherweise hat sie sich in der Hauptstadt mit Masern angesteckt. Der Vater wird nach Impfungen befragt. Rettungssanitäter Sven Bollmann schreibt den Bericht in ein elektronisches Medical Pad, ein Tablet, womit jeder Einsatz genau dokumentiert und das Protokoll sofort versendet wird. Dadurch wissen die Ärzte im Krankenhaus meistens schon, was ein Patient hat, bevor er überhaupt eingeliefert wird, im Falle des Mädchens lautet die erste Diagnose: beginnender fieberhafter Infekt. Der Einsatz im SaLü ist Nummer 8496 für das Lüneburger DRK in diesem Jahr. Und nicht der letzte für Christian Köller an diesem Tag.

Um kurz vor 20 Uhr meldet sich die Einsatzzentrale wieder. Ein älterer Herr, 89 Jahre alt, klagt über Atemnot. Er wohnt in Kirchgellersen. Mit Sonderrechten prescht der Rettungswagen über die Landstraße, andere Autos machen bereitwillig Platz. Das sei nicht immer so. Oft reagierten sie zu spät oder gar nicht. Köller hatte auf einer Einsatzfahrt auch schon einen Unfall, erntete daraufhin gar eine Anzeige wegen fahrlässiger Körperverletzung. „Es wird immer automatisch auch von einer Teilschuld ausgegangen“, sagt er. Eines von vielen Berufsrisiken der Lebensretter. Das damalige Verfahren sei aber eingestellt worden. Einmal im Jahr wird er bei einem Fahrsicherheitstraining geschult. Dass wieder ein Unfall passieren könnte, darüber grübele er nicht nach, „sonst könnte ich den Job nicht machen“.

Der Rettungswagen ist rechtzeitig in Kirchgellersen. Diesmal sind auch eine Notärztin und ein Sanitäter vom Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) vor Ort. Auf das Klingeln an der Haustür reagiert zuerst niemand. Leichte Unruhe. Dann kommt der Patient doch zur Tür, er kann noch laufen, sinkt im Wohnzimmer aber in einen Sessel. Am Morgen sei er schon beim Arzt gewesen: Wasser in der Lunge. Das muss weichen. Der Patient bekommt eine Infusion, ihm wird ein Mittel zum Entwässern gespritzt. Unter reichlich Kabelsalat um ihn he­rum wird der Mann auf die Trage gelegt und in den Rettungswagen verfrachtet. Auch er kommt ins Klinikum.

Dort macht Köller Begegnung mit einem Bekannten. Der Alkoholisierte vom Kreideberg wankt aus dem Krankenhaus. „Da können wir nichts machen, jeder hat seinen freien Willen, vielleicht sehen wir ihn heute Abend nochmal wieder“, sagt der Rettungsassistent. Wieviel Alkohol im Blut gemessen wurde, danach erkundigt er sich trotzdem: 3,3 Promille. Für den Experten ist klar: „Kein Gelegenheitstrinker.“

Oft müssen die Retter ausrücken, weil sich jemand besinnungslos betrunken hat. „Das nimmt gerade im mittleren Alter zu.“ Auch die Aggressivität sei bei manchen Patienten angestiegen, etwa bei Drogen- oder Alkoholabhängigen. Im vergangenen Jahr zählte das Lüneburger DRK 20 Übergriffe auf die Besatzung im Rettungswagen, in diesem Jahr waren es schon sechs, darunter einer auf Sven Bollmann. Ein junger Mann, Anfang 20, wurde abgeholt und während des Transports handgreiflich. Der Sanitäter musste sich wehren, setzte den Mann auf die Straße, rief die Polizei. Vor dem Eintreffen der Beamten aber war der aggressive Patient schon verschwunden. Warum er auf Krawall gebürstet war, weiß Bollmann, darf es aber nicht sagen: „Ärztliche Schweigepflicht.“

Probleme mit gewaltbereiten Patienten kennen auch andere Retter, einige überlegten schon, Pfeffersprays mitzunehmen. „Müssen Lebensretter bald etwa Waffen tragen?“, fragt sich Bollmann.

Den Betrunkenen sieht Köller an diesem Abend übrigens nicht mehr wieder, um 23 Uhr hat er Feierabend. Ab ins Bett, am nächsten Tag muss er wieder topfit sein, um Leben zu retten.

Lüneburger Rettungsdienste suchen Ehrenamtliche

DRK und ASB sind stets auf der Suche nach Ehrenamtlichen. Im DRK-Kreisverband Lüneburg sind rund 450 Personen ehrenamtlich tätig. Sie engagieren sich in verschiedenen Bereichen wie Betreuungsgruppen, etwa nach Evakuierungen, im Sanitätsdienst, zum Beispiel bei Großveranstaltungen wie den Sülfmeistertagen, in der Versorgungsgruppe (Feldküche), in der Rettungshundestaffel, als Gruppenleiter für das Jugendrotkreuz und den Schulsanitätsdienst, als Helfer bei Blutspendeterminen, in den Vorständen der Ortsvereine, sie betreuen Angebote für Kinder und Jugendliche oder besuchen Einrichtungen für Senioren. Das DRK bietet eine fachgerechte kostenlose Ausbildung, eine intensive Einarbeitung und Betreuung. Im ASB-Ortsverband engagieren sich 80 bis 100 Ehrenamtliche. Sie werden für den Katastrophenschutz, zum Beispiel nach einer Elbeflut, im erweiterten Rettungsdienst als ausgebildete Sanitäter oder bei der schnellen Eingreiftruppe, etwa bei Evakuierungen oder größeren Busunfällen, eingesetzt. Bei beiden Rettungsdiensten werden Fortbildungen zum Rettungssanitäter ermöglicht, die über drei Monate dauern.