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Hiltrud Lotze (r.) hat für eine Nacht den Sitz im Bundestag gegen den Fahrradsattel getauscht, um die LZ-Austrägerin Sabine Gräber-Kruzinski auf ihrer nächtlichen Tour zu begleiten. Foto: t&w
Hiltrud Lotze (r.) hat für eine Nacht den Sitz im Bundestag gegen den Fahrradsattel getauscht, um die LZ-Austrägerin Sabine Gräber-Kruzinski auf ihrer nächtlichen Tour zu begleiten. Foto: t&w

LZ-Austrägerin nimmt Bundestagsabgeordnete mit auf Tour +++ mit LZplay-Video

kre Lüneburg. Es ist drei Uhr morgens, stockfinster und lausig kalt: Sabine Gräber-Kruzinski störts nicht. Die Frau ist putzmunter. In wenigen Minuten beginnt ihr Arbeitstag als LZ-Austrägerin der Landeszeitung im Bereich Bülows Kamp. ,,Ich mag den Job“, sagt sie. Bereits seit 20 Jahren trägt sie die LZ aus, ist mit Herzblut und Freude dabei: „Morgens gehört mir die Straße allein!“ Nur in dieser Nacht nicht, da hat sie einen prominenten ,,Austräger-Azubi“ an ihrer Seite.

Die Lüneburger SPD-Bundestagsabgeordnete Hiltrud Lotze begleitet Sabine Gräber-Kruzinski auf ihrer Tour. Weil die Politikerin, die in Berlin das Mindestlohngesetz mit auf den Weg gebracht hat, wissen will, wie die Menschen, die es betrifft, über das Gesetz denken. Menschen wie Sabine Gräber-Kruzinski, die jetzt nicht nur in aller Herrgottsfrühe aufstehen und Zeitungen austragen, sondern auch noch ihre Zeiten penibel in Stundenzetteln für die Abrechnung festhalten müssen. Lotze will mit ihrem Selbstversuch auch herausfinden, welche Auswirkungen das Paragrafenwerk auf Verlage wie die Landeszeitung hat.

Pünktlich um 3.15 Uhr treffen Hiltrud Lotze und ihre Mitarbeiterin Lina Sulzbacher auf dem Hof von Sabine Gräber-Kruzinski in der Christel-Rebbin-Straße ein auf Fahrrädern. Denn die Austrägerin erledigt ihre Tour mit dem Velo ,,das geht schneller“, sagt sie. Nur bei Schnee und Eis geht sie zu Fuß. Die Zeitungen werden dann auf einen Schlitten gepackt.

In vier Bezirken trägt Sabine Gräber-Kruzinski die LZ aus 190 an der Zahl, dazu kommen 27 ,,Fremdexemplare“, von „Bild“ bis „Zeit“. Außerhalb der Stadtgrenzen, auf Gut Willerding in der Gemeinde Wendisch Evern, kommen zudem auch noch die Briefe des „Lüneboten“ dazu. Dann wird die LZ-Trägerin auch zur Briefträgerin.

Zeitungszusteller brauchen Kondition und ein gutes Gedächtnis, das wird Hiltrud Lotze auf ihrer Tour schnell klar. ,,Kaum ein Tag ist wie der andere“, erklärt Sabine Gräber-Kruzinski. Manche haben die LZ nur an einem oder zwei Tagen in der Woche abonniert, andere haben sie für den Urlaub storniert oder ihre LZ Freunden und Bekannten in dieser Zeit zur Verfügung gestellt. Nicht zu vergessen die Neu-Abonnenten und die Probe-Abos. Wer die LZ an welchem Tag bekommt, das müssen die Austräger im Kopf haben. Denn ständig auf eine Liste zu schauen während der Tour, würde viel Zeit kosten.

Doch wenns nur das wäre: Der eine möchte die Zeitung morgens aus der Zeitungsrolle holen, der andere aus dem Briefkasten. ,,Weil die LZ gerne auch schon mal geklaut wird“, weiß Sabine Gräber-Kruzinski.

Es ist nach vier Uhr: Seit einer guten Stunde ist das LZ-Austräger-Politiker-Tandem unterwegs und Hiltrud Lotze sieht die Stadt zusehends mit den Augen einer Zeitungsausträgerin. „Ich kenne hier alle und jeden“, sagt Gräber-Kruzinski.

Das ist nicht gelogen. Die LZ-Austrägerin braucht gar nicht mehr hinzuschauen, um ihre ,,Azubine“ mit den notwendigen Informationen zu den Briefkästen und Zeitungsrollen zu schicken: „Achtung Stufe… Vorsicht, da hängt eine Blumenampel… Knallen Sie die Briefkästen nicht so laut, die Leute schlafen noch…“

Hiltrud Lotze kommt trotz der Kälte ordentlich ins Schwitzen und verliert das eine oder andere Mal die Orientierung angesichts der vielen Grundstücke, Gassen, Wege und Schleichwege während der Tour: „Ich habe überhaupt keine Ahnung mehr, wo wir gerade sind…“, gesteht die Bundestagsabgeordnete das eine oder andere Mal achselzuckend.

Die SPD-Politikerin hat sich auf den Termin vorbereitet, im Internet gelesen, dass die durchschnittliche Zeit vom Falten der Zeitung bis zum Einstecken in den Briefkasten maximal 24 Sekunden betragen soll. Wohl eher nur eine theoretischer Zeitspanne: „Mal dauerts länger, mal gehts schneller. Das hängt von den Gegebenheiten ab“, sagt Praktikerin Gräber-Kruzinski.

Hiltrud Lotzes Respekt vor der Leistung der Zusteller ist am Ende der Tour noch einmal deutlich gestiegen: „Das ist richtig harte Arbeit“, stellt sie anerkennend fest und setzt zum Abschluss scherzend nach: ,,Die Politik sollte sich aber auch um standardisierte Briefkästen kümmern.“ Denn das würde zumindest für ungeübte Politikerhände die Zeitungs-Zustellung erleichtern.