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Der Andrang war bereits vor der Pressekonferenz  groß. Foto: jj
Der Andrang war bereits vor der Pressekonferenz groß. Foto: jj

Lüneburger NS-Prozess + + + Besser spät als nie + + + Videos und Fotogalerie von der Pressekonferenz

jj Lüneburg. ,,Besser spät als nie“, sagt die Auschwitz-Überlebende Eva Pusztai-Fahidi. Deswegen ist der Dienstag in Lüneburg beginnende NS-Prozess gegen den „Buchhalter von Auschwitz“ Oskar Gröning für sie und andere Holocaust-Überlebende und deren Angehörige so ungeheuer wichtig.

„Besser spät als nie“, das gilt auch für die deutsche Justiz, die über Jahrzehnte in der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit und der Verfolgung von Schuldigen versagt habe, sagen Opfer und Nebenkläger. Die Anwälte vertreten im Prozess vor dem Landgericht, es tagt aus Platzgründen in der Ritterakademie, mehr als fünfzig jüdische Mandanten, deren Angehörige im Sommer 1944 in Auschwitz ermordet wurden. „Fast alle unsere Mandanten wurden auf der Rampe zur Arbeit selektiert und haben Auschwitz, Todesmärsche und andere Lager überlebt“, heißt es in einer Pressemitteilung der Anwälte.

Der ehemalige SS-Mann Gröning ist für die Mandanten und die Anklage Teil der Tötungsmaschinerie gewesen. Er habe Gepäck,Wertsachen und Geld der Deportierten bei der Ankunft in Auschwitz eingesammelt und verwaltet, dem NS-Regime so wirtschaftliche Vorteile verschafft. Und er habe gewusst, was mit aussortierten Häftlingen geschieht. Dass er noch einmal angeklagt wird, siebzig Jahre danach, und obwohl bereits ein Ermittlungsverfahren vor Jahrzehnten gegen ihn eingestellt wurde, liegt vor allem an neuen Ermittlungen der Zentralen Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen nach dem Urteil gegen John Demjanjuk 2011. Der ehemalige KZ-Wachmann war wegen Beihilfe zum Mord verurteilt worden. Im Zuge der neuen Ermittlungen führte die Staatsanwaltschaft Hausdurchsuchungen bei 30 ehemaligen SS-Männern durch. Bisher kam es nur im Fall Gröning zur Hauptverhandlung.

Pressekonferenz des Internationalen Auschwitz Komitees in Lüneburg.
Pressekonferenz des Internationalen Auschwitz Komitees in Lüneburg.

„Wer einmal als Häftling in Auschwitz-Birkenau gewesen ist, der weiß etwas, was niemand anderes wissen kann. Alle Menschen haben eine gute Phantasie, aber das, was dort vorging, das können nur diejenigen wissen, die dort gewesen waren.“ Deswegen sei der Prozess ein so wichtiger Moment in ihrem Leben, sagte Eva Pusztai-Fahidi bei der Pressekonferenz der Nebenklage und des Internationalen Auschwitz-Komitees im völlig überfüllten Gemeindehaus St. Nicolai. Sie hat mehr als vierzig nahe Verwandte in Auschwitz verloren. Sie hasse Gröning nicht als Person, aber das, was er getan habe. Ihr gehe es nicht um Strafe, sondern um ein Urteil. „Sünden müssen verurteilt werden. Und was in Auschwitz-Birkenau getan wurde, war eine  Sünde. Es muss verurteilt werden. Ein Verbrechen für die Ewigkeit.“

„Gröning war Teil der Maschinerie, es ist für die nächsten Generationen wichtig, dass sie erfahren, was dort Schlechtes passiert ist“, sagte eine andere Überlebende. Angesichts der Versäumnisse der deutschen Justiz bedankte sich eine Verwandte eines KZ-Überlebenden, dass diese Taten jetzt in Lüneburg aufgearbeitet würden.

Eva Pusztai-Fahidi wurde gefragt, was sie von Gröning im Prozess erwarte: ,,Das er Verantwortung übernimmt. Der Herrgott selbst war im Vergleich zu einem SS-Mann in Auschwitz-Birkenau ja niemand. Was sollte ich von ihm hören wolle? Er sollte einsehen, was es bedeutet hat, das er dort war. Wenn er nichts auf der Welt getan hätte, nur gerade dort gestanden wäre bei der Rampe, als meine Familie angekommen ist. Ich habe 49 Namen, die ich aufzählen kann, 49 Namen meiner Großfamilie. Die vorbeimarschiert sind, als der Gröning dort stand auf der Rampe. Was soll ich von ihm hören wollen, was kann er mir sagen? Kann er meinen 49 Familienmitgliedern das Leben wieder zurückgeben? Ich bin sehr gespannt, was er mir sagen kann. Wird er mir sagen, dass er nichts getan hat. Er ist einfach nur dort gestanden. Das kann ich ihnen als Antwort geben.“

Auf die Frage, warum der Prozess erst jetzt stattfinde, sagte ein Nebenkläger: Die Rechtslage sei in Deutschland nie eine andere gewesen, nur der Umgang der Justiz mit der deutschen NS-Geschichte und ihren Tätern. Es sei eben nicht so, dass Hitler und Himmler die Schuldigen und der Rest nur Mitläufer gewesen seien. Dieses Verfahren werde zeigen, ob Oskar Gröning bei seinem Glauben, er habe sich die Hände nicht schmutzig gemacht, bleiben könne. „Er war Rädchen im großen Getriebe der arbeitsteiligen Verrichtung des Mordens. Er hat einen Beitrag geleistet“, heißt es von den Nebenklägern: Nur weil die Jusitz es fünf Jahrzehnte versäumt habe, Recht zu sprechen, könne doch jetzt niemand guten Gewissens fragen: Warum jetzt?

Die Anklage konzentriert sich auf die Vernichtung der Juden aus Ungarn im Sommer 1944. Sie sei nur möglich gewesen, heißt es in der Mitteilung der Nebenkläger, weil viele, darunter auch der Angeklagte „an dem industriell arbeitsteilig organisierten Massenmord mitgewirkt haben. Die Vernichtungsmaschinerie war auch auf diejenigen angewiesen, die sich ,nicht die Hände schmutzig machen‘ wollten, aber ihren Beitrag zum Massenmord erbracht haben“.

 

Zitate von Überlebenden:

„Wir haben  lange auf den Prozess gewartet“

„Es geht nicht um die Strafe, es geht um das Urteil.“

„Besser spät als nie.“

„Die Sünden müssen verurteilt werden. Und was in Auschwitz-Birkenau getan wurde, war eine Sünde, ein Verbrechen für die Ewigkeit“.

„Nur wer da war, in Auschwitz, kann das verstehen“.

„Es ist auch eine Anklage an die deutsche Justiz, die lange verzögert hat, die sich jahrzehntelang geweigert hat, gegen Naziverbrecher vorzugehen.“

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Auschwitz-Überlebende Eva Pusztai-Fahidi

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Prof. Dr. Cornelius Nestler vertritt die Nebenkläger

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Pressekonferenz des Internationalen Auschwitz-Komitees mit der Nebenklage

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Eva Pusztai-Fahidi

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Eva Pusztai-Fahidi

Fotos: jj

 Weitere Bilder finden Sie in unserer FOTOGALERIE

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