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Solidarität mit den Opfern des Naziterrors: Das fordert ein Zusammenschluss aus Initiativen wie dem Studierenden Bund der Linken oder der Antifa, der sich zum Auftakt des Prozesses gegen Oskar Gröning vor der Lüneburger Ritterakademie eingefunden hat. Foto: t&w
Solidarität mit den Opfern des Naziterrors: Das fordert ein Zusammenschluss aus Initiativen wie dem Studierenden Bund der Linken oder der Antifa, der sich zum Auftakt des Prozesses gegen Oskar Gröning vor der Lüneburger Ritterakademie eingefunden hat. Foto: t&w

Vor Gericht in Lüneburg: Der Buchhalter von Auschwitz

jj Lüneburg. Moralisch verantwortlich, juristisch unschuldig. Das verkürzt könnte die Linie sein, wie Oskar Gröning seine Geschichte verstanden wissen will. Ist das so? Oskar Gröning, der „Buchhalter von Auschwitz“, steht Dienstag in der Lüneburger Ritterakademie wegen Beihilfe zum Mord in 300000 Fällen vor den Richtern.

Gröning, 93, gehört zu den wenigen Angeklagten, die im Zentrum des Versuchs der deutschen Justiz stehen, doch noch einmal über die KZ-Verbrechen zu richten. Gröning leugnet nicht, dabei gewesen zu sein, er tritt Holocaust-Leugnern entgegen, sagte schon aus in NS-Prozessen. Ermittlungen gegen ihn selber wurden vor Jahrzehnten eingestellt. Die Begründung dafür fehlt bis heute, kein Einzelfall und kein Ruhmesblatt der deutschen Ermittler, Staatsanwälte und Richter.

Gröning ist Angeklagter und (vielleicht) Kronzeuge ungeheuerlicher Taten zugleich, womöglich der letzte, der darüber sprechen will. Und auch die Holocaust-Überlebenden, durch die Nebenklage vertreten, werden vielleicht ein letztes Mal aus der Tötungsfabrik berichten können, siebzig Jahre danach. Gröning sucht Vergebung. Die Ritterakademie ist für ihn wie der Vorhof zum Jüngsten Gericht. Er wird dort auf Überlebende treffen, deren Gesichter er wohl nicht wiedererkennt, die damals aber auf der Rampe von Auschwitz an ihm vorbeigegangen sind. Er wird in ihre Gesichter schauen müssen.

Gröning will aussagen, mit Medien aber spricht er vor der Verhandlung nicht mehr. Eine Annäherung in Zitaten aus älteren Interviews und Reportagen:

Aus der Spiegel-Story von Matthias Geyer, 2005:

„Ein neuer Transport war angekommen. Ich hatte Dienst auf der Rampe, mein Auftrag war, das Gepäck zu bewachen. Die Juden waren schon abtransportiert. Auf dem Boden lag jetzt nur noch Unrat, Übriggebliebenes. Plötzlich hörte man die Schreie eines Babys. Es lag auf der Rampe, eingewickelt in Lumpen. Eine Mutter hatte es zurückgelassen, vielleicht weil sie wusste, dass Frauen mit Kleinkindern sofort vergast wurden. Ich sah, wie ein anderer SS-Mann das Baby an den Beinen packte. Das Geschrei hatte ihn gestört. Er schleuderte das Baby mit dem Kopf gegen die Eisenstangen eines Lkw, bis es ruhig war.“

„Wenn man weiß, dass getötet wird, weiß man auch, dass gestorben wird. Das Schreckliche kam erst mit den Schreien.“

„Ich habe mich mit der Zeit eingelebt. Oder vielleicht besser: Ich habe mich in die innere Emigration begeben. Es gab ein ganz normales Leben in Auschwitz. Es gab einen Gemüseladen, in dem man auch Knochen kaufen konnte, um sich eine Suppe zu kochen. Es war wie in einer Kleinstadt. Ich hatte meine Dienstgruppe, und in der spielten Gaskammern keine Rolle. Das eine war das eine, und das andere war das andere.“

„Ich fühle mich schuldig gegenüber dem Volk der Juden, in einer Truppe gewesen zu sein, die diese Verbrechen begangen hat, ohne dass ich dabei Täter war. Das jüdische Volk bitte ich um Verzeihung. Und den Herrgott bitte ich um Vergebung.“

Aus einem BBC-Interview, Quelle: ZDF, Frontal 21

„Ich war Rädchen im großen Getriebe… Ich fand es als meine Aufgabe, jetzt in meinem Alter zu den Dingen zu stehen, die ich erlebt habe, weil ich den Leugnern sagen will, ich habe die Krematorien gesehen, die offenen Feuerstellen gesehen. Ich möchte gerne, dass du mir glaubst, dass die Schrecklichkeiten geschehen sind. Ich war dabei.“

„Wenn man in Auschwitz war, hat man das nicht jedem auf die Nase gebunden.“

Aus einem Spiegel Online-Artikel von Jörg Diehl:

„Ich bin mit dem ganzen Ablauf der Dinge, der Judenvernichtung, nie richtig fertig geworden“, offenbarte er im Februar 2014 einem Ermittler des niedersächsischen Landeskriminalamts. Und dann sagte Gröning: „Ich wollte auf keinen Fall in den Holocaust mit einbezogen werden.“