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Das dritte Zippelhaus, ein schmaler zweigeschossiger Fachwerkbau, wurde gegen Ende des 17. Jahrhunderts errichtet, direkt am Wasser gelegen. 1887 wurde das Haus von den Bardowicker Gemüsebauern aufgegeben. Repro: nh/Mühlenverein
Das dritte Zippelhaus, ein schmaler zweigeschossiger Fachwerkbau, wurde gegen Ende des 17. Jahrhunderts errichtet, direkt am Wasser gelegen. 1887 wurde das Haus von den Bardowicker Gemüsebauern aufgegeben. Repro: nh/Mühlenverein

Das Bardowicker Zippelhaus in Hamburg

pet Bardowick. Eine Straße, gesäumt von schmucken Geschäftshäusern, ist es heute. Unter anderem ein Verlag, ein Restaurant und ein Immobilienmakler haben im „Zippelhaus“ am Zollkanal, gegenüber der Hamburger Speicherstadt, ihren Sitz. Aber nur die wenigsten wissen, welche Geschichte hinter dem „Zippelhaus“ steckt und welche besonderen Beziehungen über Jahrhunderte durch das „Zippelhaus“ zwischen dem großen und mächtigen Hamburg und dem kleinen beschaulichen Bardowick bestanden. Über die Geschichte des „Zippelhauses“ berichtete jetzt Bardowicks Samtgemeinde-Archivarin Ursula Schwanitz-Roth im voll besetzten Gildehaus.

Als Bardowick nach der Zerstörung durch die Truppen von Heinrich dem Löwen im Jahr 1189 seine Bedeutung als Warenumschlagplatz für den Fernhandel verloren hatte, so Schwanitz-Roth, verlegten sich die findigen Bardowicker auf einen anderen Erwerbszweig. Für den seien die Bedingungen am Ort ideal gewesen und sind es immer noch, den Anbau von Gemüse und Kräutern.

Neben dem nahen Lüneburg wurde Hamburg bald zum wichtigsten Absatzmarkt. Darüber, wann das erste knackige Gemüse nach Hamburg verschifft wurde, „sind uns keine Nachrichten überliefert“, erklärte Ursula Schwanitz-Roth. Aber ein „Küchenrechnungsbuch“ des Hospitals St. Georg belegt, dass „ab 1455 in Hamburg Gemüselieferungen aus Bardowick auftauchen.“ Woche für Woche gingen große Mengen an Rüben, Kohl, Zwiebeln, Erbsen, Bohnen, Pastinaken, aber auch Lavendel und Thymian nach Hamburg.

Ursula Schwanitz-Roth berichtete vor fast 100 Besuchern über die lange Geschichte des „Zippelhauses“ in Hamburg. Foto: t&w
Ursula Schwanitz-Roth berichtete vor fast 100 Besuchern über die lange Geschichte des „Zippelhauses“ in Hamburg. Foto: t&w

Es war ein langer und beschwerlicher Weg. 24 bis 36 Stunden soll es gedauert haben, wenn die Bardowicker Gemüsebauern ihre Erzeugnisse vor Hunderten von Jahren mit einem Ewer über Ilmenau und Elbe bis ins Herz von Hamburg verschifften, so Schwanitz-Roth. An verschiedenen Plätzen und Märkten brachten sie dann ihre Ware an den Mann.

1535 wurde den Bardowickern unentgeltlich ein Haus in der Nähe der kurz davor abgerissenen Stadtmauer und der Katharinenkirche zur Verfügung gestellt. Hier konnten sie ihre Wagen lagern — und auch verkaufen. Ein Privileg, denn andere Händler durften ihre Ware nur auf Märkten an den Mann bringen. Es war das erste „Zippelhaus“ — der Name kommt aus dem Plattdeutschen: „Zippel“ bedeutet „Zwiebel“. Das Haus lag direkt am Wasser, so dass die Gemüseewer direkt bis zum Lager fahren konnten und dort entladen wurden.

Zum Ende des 16. Jahrhunderts bekamen die Bardowicker ein neues „Zippelhaus“ zugewiesen, verbunden mit einem Vertrag, der bis ins 19. Jahrhundert hinein gültig war und in dem sich die Hamburger verpflichteten, das Haus auf ihre Kosten instand zu halten. Ursula Schwanitz-Roth: „Bedeutsam an diesem Vertrag ist, dass er zwischen zwei gleichwertigen Parteien geschlossen wird — dem Hamburger Rat und dem Rat von Bardowick.“
Noch einmal 100 Jahre später gab es ein drittes „Zippelhaus“, einen zweigeschossigen Fachwerkbau — im Erdgeschoss hatten die 85 Höfe, die ihr Gemüse anlieferten, ihre Lager, über eine Leiter gelangten die Bardowicker Frauen, meist unverheiratete Töchter, Schwestern oder Witwen aus der Familie, die das Gemüse verkauften, ins Obergeschoss, wo sie schliefen.

Als Hamburg Ende des 19. Jahrhunderts seinen Hafen erweiterte, wurde das „Zippelhaus“ abgerissen, ein viertes „Zippelhaus“ entstand an der Deichstraße 27 — vier Stockwerke hoch und unterkellert. Das Gebäude steht noch heute, gilt, so Ursula Schwanitz-Roth, als „ältester erhaltener Speicher Hamburgs“ und ist unter dem Namen „Bardowicker Speicher“ bekannt.

Als dann die Verkehrsmittel schneller wurden, war das Ende der Bardowicker „Zippelhäuser“ gekommen, das Haus an der Deichstraße wurde 1920 aufgegeben, die Bardowicker Marktfrauen fuhren täglich nach Hamburg und zurück, das Gemüse wurde ebenso regelmäßig geliefert — seit 1962 ist der Gemüsegroßmarkt auf dem Meßberg der große Umschlagplatz für die Bardowicker Bauern und ihre Kollegen.

Warum denn die Bardowicker Gemüsebauern offensichtlich Privilegien genossen, wie sie andere Kollegen nicht hatten, darüber gibt es seit langem wilde Spekulationen. Eine davon, berichtete Ursula Schwanitz-Roth: „Es wird gemutmaßt, dass es sich um eine Gegenleistung handeln könnte, da Hamburg vor allem im Hafenbereich große Mengen von Quadersteinen verbaut haben soll, die von den Ruinen der zerstörten Stadt Bardowick stammten.“ Die Bevorzugung der Bardowicker sei also, erzählte Schwanitz-Roth, „eine Art Wiedergutmachung für das erlittene Ungemach der einstmals stolzen Stadt“.

Obwohl diese Vermutung in mehreren Chroniken geäußert wird, sei ihre Wahrscheinlichkeit gering. Dagegen spreche etwa, so Ursula Schwanitz-Roth, dass es in Bardowick zur Zeit seiner Zerstörung im ausgehenden 12. Jahrhundert kaum steinerne Bauten gegeben habe. „Auch besaß der Ort keine Stadtmauern, sondern allenfalls Stadtwälle aus Erde mit hölzernen Palisaden.“ Vielleicht sei der Grund für die Bevorzugung der Bardowicker ja auch ein ganz anderer: „Die Produkte waren einfach so gut, dass die Hamburger nicht auf sie verzichten wollten.“

Die nächste Veranstaltung in der vierteiligen Vortragsreihe zur Heimatkunde, organisiert vom „Kulturraum Bardowick“ und dem „Windmühlenverein Bardowick — Verein für Heimatkunde“, findet am Freitag, 5. Juni, 19 Uhr, im Gildehaus statt. Müllermeister Eckhard Meyer spricht dann über „Die Bardowicker Windmühle“.

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