Donnerstag , 8. Dezember 2016
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„Ich bin die einzige Zeugin, die den Nazis vergeben hat.“ -- Eva Mozes Kor (Foto), Auschwitz-Überlebende und Nebenklägerin im Prozess um Oskar Gröning, verlaß heute ihre Erklärung. Foto: t&w
„Ich bin die einzige Zeugin, die den Nazis vergeben hat.“ -- Eva Mozes Kor (Foto), Auschwitz-Überlebende und Nebenklägerin im Prozess um Oskar Gröning, verlaß heute ihre Erklärung. Foto: t&w

„Den Nazis vergeben“: Auschwitz-Überlebende verliest am zweiten Prozesstag Erklärung +++ mit Videos und Fotogalerie

lz Lüneburg. Zweiter Tag im NS-Prozess gegen Oskar Gröning in Lüneburg: Der 93-Jährige wird weiter zur Anklage — Beihilfe zum Mord in 300 000 Fällen — vernommen. Auch Nebenklägerin Eva Mozes Kor (81 Jahre alt) erhält das Wort. Die Auschwitz-Überlebende erklärt: Im Mai 1944 sei sie mit ihrer Familie in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert worden, an der Rampe wurden sie und ihre Zwillingsschwester von der Familie getrennt. Die Schwestern seien Opfer der Zwillings-Experimente von Josef Mengele geworden. Beide überlebten, ihre Familie nicht. Eva Mozes Kor sagt: „Ich bin die einzige Zeugin, die den Nazis vergeben hat.“ Das spreche die Täter nicht frei, denn sie sollten „Verantwortung für ihr Handeln übernehmen“. Von dem Angeklagten erwarte sie eine „klare Aussage“ darüber, was in Auschwitz passierte, um „das Nazi-Problem in den nachfolgenden Generationen mit zu beheben.“

Auch andere Nebenkläger hätten sich deutlichere Aussagen von Oskar Gröning gewünscht: „Er sagt, er trage eine moralische Mitschuld, doch wie er diese Schuld genauer definiert, dass sagt er nicht“, sagt etwa Hety Bohm. Der Prozess verlaufe anders, als sie erwartet habe. „Wenn ich Herrn Gröning zuhöre, an was er sich erinnert, ist das bezeichnend.“ Denn an seiner Einstellung von damals, als SS-Unterscharführer in Auschwitz, habe sich bis heute nichts geändert: „Er ist, wer er ist“.

Nebenklägerin Eva Pusztai-Fahidi meint: „Der Angeklagte spricht nur in Phrasen“. Auch sie ist Überlebende von Auschwitz, sagt weiter: „Der Prozess ist trotzdem eine Genugtuung, auch wenn er erst nach 70 Jahren stattfindet, was zu spät ist“. Der Prozess solle der jungen Generation aufzeigen, „sich von nationalsozialistischem Gedankengut zu distanzieren“.

Auch Rainer Höß, der Enkel des ehemaligen Lager-Kommandanten Rudolf Höß in Auschwitz, ist zum Prozess in die Ritterakademie gekommen. Es sei „einer der wichtigsten Prozesse überhaupt im Nachkriegsdeutschland“. Denn er zeige, die „viele Facetten, wie die Nazis agierten.“ Höß: „Das ist erschreckend.“ Beim Angeklagten sieht Höß auch eine „rechtliche Schuld“. Wie berichtet hatte Oskar Gröning am ersten Prozesstag eine moralische Mitschuld eingestanden.

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