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Lange Schlange vor der Ritterakademie. Besucher, die einen Platz bekommen wollten, mussten früh vor Ort sein. Der Zugang für Medienleute wurde im Vorfeld geregelt. Foto: t&w
Lange Schlange vor der Ritterakademie. Besucher, die einen Platz bekommen wollten, mussten früh vor Ort sein. Der Zugang für Medienleute wurde im Vorfeld geregelt. Foto: t&w

NS-Prozess in Lüneburg: Tag Nr. 3 — Angeklagter Gröning irrt sich + + + News, Fotos und Videos

mm Lüneburg. Am dritten Tag im Lüneburger NS-Prozess wurde Oskar Gröning, der wegen Beihilfe zum Mord in 300 000 Fällen angeklagt ist, von den Anwälten der Nebenkläger befragt. Dabei verstrickte sich der 93-Jährige in Widersprüche.

Zum Prozessauftakt hatte Gröning noch behauptet bei der sogenannten Ungarn-Aktion von Mai bis Juni 1944 im KZ-Auschwitz nicht von Anfang dabei gewesen zu sein. Er habe wegen Flecktyphus noch in Quarantäne in Kattowitz gelegen. Nun Kehrtwende: Schon Anfang 1943 sei er erkrankt, habe deshalb auch keinen neuen Antrag auf Versetzung gestellt. „Die Ungarn-Aktion habe ich von Anfang an miterlebt.“

Weiter wurde Gröning, der in der Häftlingsgeldverwaltung als Buchhalter eingesetzt war, gefragt, ob es Griffe in die Kasse gegeben habe. Das verneinte der SS-Mann zunächst. Um später zuzugeben: „Einmal habe ich zu meinem Vorteil in die Kasse gegriffen, um mir von einem Schwarzhändler eine zweite Pistole zu besorgen“.

Auch Zeugen wurden gehört. Wie Max Eisen, der als 15-Jähriger im Zuge der Ungarn-Aktion aus der Tschechoslowakei nach Auschwitz deportiert wurde. Er überlebte als Einziger aus seiner Familie. Der 86-Jährige kam nun zum Prozess aus Kanada nach Lüneburg. Er schilderte, wie die Transporte von statten gingen, wurde auch gefragt, ob er das Gesicht von Oskar Gröning wieder erkennen würde: „Er könnte an der Rampe gewesen sein, vielleicht aber auch nicht“, erklärte Eisen.

Mehr zum dritten Verhandlungstag am Freitag in der LZ.

Aufarbeitung in der Ritterakademie

ca Lüneburg. 60 Journalisten warten an der Ritterakademie. Sie sind früh am Morgen da, auch wenn der Prozess gegen Oskar Gröning erst um 9.30 Uhr starten soll. Jeder will einen guten Platz, will versuchen, Bilder von Gröning, den Szenen im und vor dem Gericht einzufangen. Mehr als 120 Besucher stehen Schlange, um in den Saal zu gelangen. Die Polizei passt auf, dass sie nicht auf die Straße laufen, denn der Verkehr rollt wie gehabt.

Wichtig ist nicht nur der Vordereingang: Der Vorsitzende Richter Franz Kompisch und seine Kollegen, Staatsanwälte, Dolmetscher, vor allem der Angeklagte sollen durch Seitentüren ins Haus gelangen. Um 9 Uhr soll Gröning da sein, heißt es unter der Hand von der Polizei. Doch es dauert eine Viertelstunde länger, bis er in einem roten Kleinwagen mit Werbeaufdruck einer Schneverdinger Firma vorfährt. Zwei Dutzend Medienleute filmen, wie der 93-Jährige aussteigt, sich auf einen Rollator stützt. „Wie gehen Sie in den Prozess?“, rufen die Reporter. Grönings Anwalt Hans Holtermann wiederholt immer wieder: „Es gibt keine Erklärungen.“ Doch Gröning sagt, er sei „unschuldig“, erwarte einen „Freispruch“.

Er schiebt mit seinem Rollwagen zu einer Eisentür, umringt von Fotografen und Kameraleuten, es ist eng. Einer der Kollegen ratscht mit seiner Technik an einem Streifenwagen entlang. Lüneburgs Polizeichef Hans-Jürgen Felgentreu schaut nüchtern auf das Gedränge: „Am nächsten Verhandlungstag ziehen wir hier ein Absperrband, dann geht es einfacher.“

Derweil drängen sich am Haupteingang immer noch Besucher, die zur Verhandlung wollen. Die ehemalige Scharnebecker Lehrerin Heike Martin sagt: „Es ist überfällig, dass der Prozess geführt wird.“ Lange Zeit habe sich die Justiz nicht um die Verbrecher in der NS-Zeit gekümmert. Es sei wichtig, dass viele zur Verhandlung kommen.

Ein paar Meter weiter wartet David Wiebetz, er unterrichtet an der Lüneburger Herderschule Deutsch und Politik. Er sieht die Verhandlung als eine der „letzten Möglichkeiten“, Zeitgeschichte hautnah zu erleben. Er will später auch mit seinen Schülern darüber sprechen. Damit ist es für ihn aber nicht getan: Gemeinsam mit Mädchen und Jungen arbeitet er an einem Projekt, das Flüchtlinge unterstützt, die in der Unterkunft am Ochtmisser Kirchsteig leben: Aus der Geschichte zu lernen, bedeutet auch, heute Verantwortung zu übernehmen, findet der Pädagoge.

Gute Platzhalter

Lüneburger stellen sich an, damit Angehörige ohne Wartezeit ins Gericht kommen

Die Idee heißt Platzhalter, ist simpel und erfordert frühes Aufstehen und Geduld: Astrid Steinert und ihre Mitstreiter von der Antifa haben sich am ersten Prozesstag bereits um 6.15 Uhr vor der Ritterakademie getroffen, um als erste in der Schlange zu stehen. Doch sie wollten nicht unbedingt selber in den Gerichtssaal, um das Verfahren gegen den ehemaligen SS-Mann Oskar Gröning zu verfolgen. Sie haben ihren Plan mit Thomas Walther abgestimmt, der als Rechtsanwalt die Nebenklage vertritt.

Astrid Steinert und die Antifa organisieren die Aktion Platzhalter: Lüneburger stellen sich an, um für jüdische Familien Plätze im Gericht freizuhalten. Foto: ca
Astrid Steinert und die Antifa organisieren die Aktion Platzhalter: Lüneburger stellen sich an, um für jüdische Familien Plätze im Gericht freizuhalten. Foto: ca

„Angehörige der Opfer sollen sich nicht selber anstellen müssen“, erklärte die Lüneburgerin ihren Ansatz. Als Vertreter der jüdischen Familie Kalman und andere kommen, tauschen die „Platzhalter“ mit ihnen die Plätze. Der Vizepräsident des Landgerichts, Burghard Mumm, nimmt sie in Empfang und lässt sie ins Gebäude.

Es geht Astrid Steinert und ihren Freunden noch um etwas anderes. Sie wollen verhindern, dass Rechtsextremisten in den Saal gelangen. Denn die Zahl der Zuhörer ist auf 60 begrenzt. Die Gruppe schafft es, dass Neonazis wie Thomas Wulff nicht ins Gebäude kommen.

Gleichwohl sorgte ein gutes Dutzend Rechter für einen Eklat. So verteilte ein 79-Jähriger Flugblätter, die den Massenmord und die Gaskammern von Auschwitz leugnen. Die Polizei setzte den Senior fest und leitete ein Verfahren wegen des Verdachts der Volksverhetzung ein. Zudem erteilten die Beamten 13 Platzverweise gegen mutmaßliche Neonazis, die Parolen skandierten. Neben Wulff traf es auch Holger Niemann, der für die UWL im Kreistag sitzt und Landesvorsitzender der extremistischen Partei Die Rechte ist.

Spannend ist, dass die Akteure vom rechten Rand nicht da stehen, weil sie Gröning als einen der ihren sehen. Ursula Haverbeck, die in der braunen Szene zu den Agitatorinnen zählt, leugnet den Mord an Juden und die Gaskammern. Sie sagt: „Gröning ist umgekippt worden.“ Denn der Angeklagte bestreitet den Massenmord in Auschwitz nicht, sagt klar, er habe an der Rampe gestanden, wo die Opfer ankamen. Er fühle sich aber nur moralisch verantwortlich, nicht im juristischen Sinne. Das wiederum verhagelt den Neonazis ihre absurde These, dass es die Gaskammern nie gegeben ha-be. ca

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