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Der gebrechliche Oskar Gröning, 93 Jahre alt, ruht sich in einer Verhandlungspause abgeschirmt hinter der Ritterakademie aus.
Der gebrechliche Oskar Gröning, 93 Jahre alt, ruht sich in einer Verhandlungspause abgeschirmt hinter der Ritterakademie aus.

Zweiter Tag im NS-Prozess – Todesmarsch in die Gaskammern

rast Lüneburg. „Es hat keine Exzesse gegeben, es ist alles ruhig vonstatten gegangen. Je nach Bedarf wurden die Vieh- oder Güterwagen geöffnet. Die Juden brauchten ihr Gepäck nicht auf der Rampe abzustellen. Ihnen ist gesagt worden: ,Dafür gibts Personal.“ Ruhig und mit klarer Stimme erzählt Oskar Gröning, wie der Ablauf im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau an der sogenannten Rampe II war, wo den Ankommenden mitgeteilt wurde, dass sie zur „Desinfektion“ geführt würden, tatsächlich aber umgebracht wurden: „Am Ende des Lagers standen Krematorium und Räume für die Vergasung.“ Am zweiten Verhandlungstag gegen den 93-jährigen Gröning vor der 4. Großen Strafkammer des Landgerichts Lüneburg in der Ritterakademie geht es um den direkten Tatvorwurf, die Beihilfe zum Mord in mindestens 300000 Fällen, also um die Zeit der „Ungarn-Aktion“ vom 16. Mai bis zum 11. Juli 1944.

Gröning selbst war vom 28. September 1942 bis Kriegsende Freiwilliger der Waffen-SS und als Buchhalter in der Häftlingsgeldverwaltung in Auschwitz tätig, er zählte und registrierte das Geld der Ankommenden und lieferte es weiter in die Reichshauptstadt nach Berlin. Am zweiten Prozesstag wird er gezielt nach seinen Tätigkeiten in Birkenau gefragt. Er erklärt mit Hinweis auf eine schwere Krankheit, Flecktyphus, für die Zeit zum Start der Ungarn-Aktion: „Ich war lange Zeit nicht in Birkenau gewesen, ich habe in Quarantäne in Kattowitz gelegen.“ Er sei zum Unterscharführer befördert worden: „Unteroffiziere brauchten keinen Wachdienst mehr zu machen.“ Kurz darauf räumt er ein: „Ich habe nur dreimal den Dienst für Kameraden übernommen.“ Einmal eine ganze Schicht, beim zweiten Mal sechs Abendstunden und beim dritten Mal von 14 bis 18 Uhr. Was er da zu tun habe, habe er nicht gewusst: „Vorher habe ich mich in der Unterkunft informieren lassen, wie das ablief.“

Und dann schildert er mit monotoner Stimmlage und emotionslos die Abläufe an Rampe II in Birkenau, formuliert eben wie ein Buchhalter: „Das war viel ordentlicher als das auf Rampe I.“ Der Ablauf habe sich ziemlich von dem in Auschwitz I unterschieden, „auch von der Qualität“. Aber „wenn drei Züge gleichzeitig ankamen, gings turbulent zu“. Das Lager sei etwa 500 Meter lang und 60 Meter breit gewesen, durch elektrische Zäune und Posten des Wachkommandos an beiden Enden gesichert gewesen: „Der Vorgang war hier viel schneller, weil man direkt vor Ort war.“ Mit dem Vorgang meint Gröning die Tötungsmaschinerie, den Massenmord an Juden.

Jeder einzelne Transport habe 40 bis 45 Waggons gehabt, in jedem hätten sich 80 ungarische Juden befunden, die ihr Gepäck in den Wagen lassen mussten. Sie mussten sich in Fünferreihen vor den Waggons aufstellen: „Sie mussten nicht mehr mit Lastwagen transportiert werden, sie gingen zu Fuß zum Ende des Lagers.“ Dahin, wo sich Verbrennungs- und Gaskammern befanden ihr Todesmarsch. Auf die Frage des Vorsitzenden Richters Franz Kompisch, in welcher Stimmung die Ankommenden waren, antwortet Gröning knapp: „Unbedarft, vollkommen ahnungslos.“ Der nächste Zug sei erst aufgemacht worden, als die Rampe wieder frei und gesäubert war, so sauber wie in Auschwitz selbst habe sie aber nicht immer sein können: „Die Kapazität der Gaskammern und Krematorien war reichlich begrenzt. Man rühmte sich damit, dass in 24 Stunden 5000 Leute versorgt werden konnten.“ Der Angeklagte wählt das Wort versorgt, vermeidet den Begriff ermordet.

Das Geschehen an der Rampe selbst habe er nur aus der Entfernung beobachtet. „Sie waren an der Rampe eingesetzt und wussten nicht, was Sie da sollten?“, fragte Kompisch. Gröning: „Wir hatten keine Anweisung. Wir passten auf, dass keiner Diebstähle begeht, die hätten wir verscheucht.“ Er habe zwar eine Pistole getragen „die nur mich schützen sollte und nicht dazu da war, um an der Rampe Streitigkeiten zu entscheiden“. Dafür sei das Wachkommando zuständig gewesen. Das Gericht präsentiert Gröning einen „Verpflichtungsschein“ eines anderen Unterscharführers mit dem Hinweis auf dessen Verschwiegenheitspflicht und seine Erklärung, er sei belehrt worden, er werde mit dem Tode bestraft, „wenn ich mich an Judeneigentum jeglicher Art vergreife“. Gröning hat nach seiner Aussage eine solche Erklärung in Auschwitz nicht unterschrieben.

Gegen Gröning wurde bereits 1978 ermittelt, das Verfahren damals aber eingestellt. Damals hatte er seine Hauptaufgabe mit der Arbeit in der Geldverwaltung angegeben, aber auch gesagt: „Daneben wurden die Angehörigen der HGV (Häftlingsgeldverwaltung) regelmäßig zu Diensten auf der Rampe eingeteilt.“ Und er sagte laut einem Protokoll: „Da waren wir ja ständig anwesend.“ Nun sagt er, 1978 sei er bei der Polizei in Nienburg das erste Mal nach dem Krieg mit dem damaligen Geschehen konfrontiert worden, „ich habe dem Herren ein Bild des ganzen Komplexes geben wollen“, dabei auch Schilderungen anderer einfließen lassen: „Ich wäre sicher vorsichtiger gewesen, wenn ich gewusst hätte, dass diese Vernehmung auf mich gemünzt war.“

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