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Max Eisen zeigt eine Kopie des Bildes seiner Familie, das 1940 entstand. Er überlebte, seine Angehörigen starben in Konzentrationslagern. Foto: be
Max Eisen zeigt eine Kopie des Bildes seiner Familie, das 1940 entstand. Er überlebte, seine Angehörigen starben in Konzentrationslagern. Foto: be

NS-Prozess in Lüneburg, Tag Nr. 3: Der organisierte Massenmord

ca Lüneburg. Bevor der Prozess beginnt, zeigt Max Eisen die Kopie eines Fotos. Es zeigt ihn, seine Brüder, seine Eltern im Jahr 1940. Der alte Mann lächelt bei der Erinnerung. Gleich tritt er in den Zeugenstand, dann wird er berichten, wie seine Familie ermordet wurde. In Auschwitz. Er spricht konzentriert, mit ruhiger Stimme, erzählt von einem Grauen, das man aus Geschichtsbüchern kennt. Doch hier in der Ritterakademie, in der die 4. Strafkammer des Landgerichts an pietätvoll in schwarzes Tuch eingeschlagenen Tischen sitzt, bei dem man an Trauerflor denkt, da trifft den Zuhörer die Schilderung des fabrikmäßigen Massenmordes mit einer ungeheuren Wucht. Und, fast um es noch schlimmer zu machen, sagt der angeklagte ehemalige SS-Mann Oskar Gröning auf die Frage des Anwalts Günther Feld, ob die Schilderungen übertrieben seien: „Nein, nicht übertrieben.“

Gröning ist der Beihilfe zum Mord in rund 300000 Fällen angeklagt. Er hat schon vor Jahren eingeräumt, als SS-Mann im Konzentrationslager Auschwitz gearbeitet zu haben. Dort sei er in der Geldverwaltung tätig gewesen, habe sich aber nicht selber am Morden beteiligt. Er habe sich aber nicht vorstellen können, dass ein Jude das Lager lebend verlassen könne.

Max Eisen wurde 1929 in Ungarn geboren. 90 jüdische Familien leben in seinem 5000-Einwohner-Ort. Dass etwas Grauenvolles auf sie zukommt, ahnen sie. 1938 habe es eine Rundfunk-Sendung gegeben, zu der Ansprache hätten sich Familie und Freude versammelt. Max Eisen, der heute in Toronto lebt, wechselt vom Englischen ins Deutsche, als er den Kernsatz zitiert: „Wir werden die Juden ausradieren!“

Schließlich besetzen die Deutschen das Land. Im April 1944, so schildert es Eisen, treiben ungarische Helfer die Juden zusammen, 450 Menschen in diesem Ort. Seine Mutter trägt die zweijährige Schwester, eine Karre dürfen sie nicht mitnehmen. Die Frau des Rabbis, des Geistlichen, tragen die beiden Söhne auf einem Stuhl. Es geht zu einer Ziegelei, rund 20000 Menschen seien dort gefangen worden.

Viehwaggons bringen sie ins polnische Auschwitz, drei Tage, drei Nächte. Unerträglich. „Wir standen wie Ölsardinen, konnten uns nicht bewegen. Wir schliefen im Stehen.“ Die Menschen machen unter sich weg, keine Toilette: „Der Boden war mit Kot und Urin bedeckt.“ Es gibt kein Wasser, manche schreien vor Durst. Als der Zug stoppt, sind draußen Stimmen zu hören: Wer Geld oder Schmuck gebe, bekomme etwas. Sie werfen ihre Habe hinaus: „Aber es gab kein Wasser.“ Neben Eisen sterben Menschen, niemand holt die Leichen aus dem Wagen.

In der Nacht kommt der Zug in Auschwitz an. Sie müssen raus auf die Rampe. „Meine Mutter hielt meine Schwester im Arm. Sie musste nach links, meine Großeltern und meine Tante auch.“ Links bedeutet: nicht arbeitsfähig, Gaskammer. Eisen, Vater und Onkel dürfen nach rechts. Sei werden mit heißem und eiskaltem Wasser abgeduscht, die Haare werden geschoren. Einem Mann fällt die Brille herunter. Er bückt sich zum Suchen auf alle Viere, weil er so kurzsichtig ist. Eisen: „Ein SS-Mann trampelt auf ihm herum, ich hörte die Rippen brechen.“ Tot.

Die Männer müssen arbeiten, mit den Sensen aufs Feld, Sümpfe trockenlegen. Eines Tages werden Vater und Onkel „selektiert“. Später kann Eisen sich noch „zwei Sekunden“ verabschieden: „Mein Vater hat zu mir gesagt: Wenn du überlebst, musst du der Welt sagen, was hier geschieht.“

Der Sohn verlässt das Lager am 12. Januar 1945 auf einem sogenannten Todesmarsch. Es geht nach Österreich in die Nähe von Linz, wo er im Mai 1945 von amerikanischen Truppen befreit wird.

Ob der Angeklagte Gröning damals auf der Rampe in Auschwitz gestanden habe, könne er nicht sagen, schildert Max Eisen.

Am Nachmittag berichtet Bill Glied (85), wie seine Schwester und seine Mutter in Auschwitz starben, und wie er mit seinem Vater später in ein Außenlager von Dachau verlegt wurde, um für das Bauprojekt eines Unternehmens zu schuften.

Gröning hört zu, er wirkt relativ unbeteiligt, hat die Arme vor der Brust verschränkt, nur manchmal sinkt er etwas tiefer in seinem Stuhl. Er bestreitet nicht, quasi als Buchhalter in Auschwitz gearbeitet zu haben: Er habe geholfen, Geld der Häftlinge einzusammeln. Dienst an der Rampe im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, an der über Leben und Tod entschieden wurde, will der 93-Jährige nur dreimal versehen haben. An den Tötungen habe er keinen Anteil gehabt.

Daran haben die Anwälte der Nebenklage Zweifel. Sie fragten unter anderem, wie der Alltag Grönings ausgesehen habe. Die Antwort klingt nach einem Tag bei der Sparkasse, bei der er in Nienburg gelernt hatte: acht bis zwölf Uhr Dienst, Mittagessen anderthalb Stunden, Dienst bis 17 Uhr, Feierabend. Zumeist habe er Konten verwaltet, im Hauptlager hätten Häftlinge Geld besitzen dürfen, um in einem Laden einzukaufen: „Das wurde umgetauscht in Lagergeld.“ Die Erfassung und Verwaltung dessen, was die SS dem Gepäck der Juden stahl, sei „eine Nebenaufgabe gewesen, die erledigt werden musste“.

Auf Nachfrage räumt Gröning ein, er habe einmal „in die Kasse gegriffen“: Für 30 Dollar kaufte er sich eine zweite Pistole, damit er sich den Gang zur ein Kilometer entfernten Waffenkammer „ersparen“ kann, ein „unangnehmer“ Weg.

Als ihn am Morgen ein Anwalt fragt, ob die „Ausrottung“ der Juden seiner Meinung nach „das richtige Mittel“ gewesen sei, antwortet Gröning: „Das ist heute natürlich anders zu beantworten als damals. Da bin ich jetzt ganz anderer Meinung.“ Die Jugend sei damals von der Propaganda der Nazis eingefangen worden.

Rechtsanwalt Thomas Walther, der als Anwalt der Nebenklage das Verfahren maßgeblich anschob, reagiert empört auf Grönings Art. Der rede in einer Sprache, die „an eine Pfadfindergruppe im Sommercamp“ erinnert: „Das ist unwürdig und entspricht kaum dem, was die Menschen erlebt haben.“

Der Prozess wird am kommenden Dienstag, 28. April, um 9.30 Uhr fortgesetzt.

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