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Die Sechstklässler Johannes und Jule Marie (stehend) beim praxisorientierten Arbeiten: Sie haben mit ihrer Tischgruppe das richtige Verhalten für den Zukunftstag geübt. Foto: be
Die Sechstklässler Johannes und Jule Marie (stehend) beim praxisorientierten Arbeiten: Sie haben mit ihrer Tischgruppe das richtige Verhalten für den Zukunftstag geübt. Foto: be

Wenn plötzlich die Leistungsspitze wegbricht

ahe Embsen. Dass Eltern frei wählen können, an welcher Schule ihr Kind nach der Grundschule weiter lernen soll, ist ein hohes Gut. So bleibt es jedem selbst überlassen, das eigene Kind auf das Gymnasium mit dem breitesten Angebot an Fremdsprachen, den Sohn auf die Oberschule mit dem guten Ruf in Sachen Berufsorientierung oder die Tochter auf die nächstgelegene Schule zu schicken, auf die ja auch deren beste Freundin wechseln will. Das Problem der freien Wahl, die derzeit kein Lokalpolitiker anzutasten gedenkt: Der Elternwille ist nicht exakt vorhersehbar. Einige Schulen sind jedes Jahr sehr beliebt, manche werden mal sehr stark angewählt, dann wieder eher schwach und wieder andere bluten langsam aus. Die Integrierte Gesamtschule (IGS) Embsen steht 2015 vor einem besonderen Problem: Es fehlt die richtige Mischung.

Noch sind es nur Trendzahlen, keine festen Anmeldungen für die weiterführenden Schulen, doch schon die haben in der Embsener Schule und beim Landkreis als Träger die Alarmglocken läuten lassen: Gerade mal eine Handvoll Schüler mit Gymnasialempfehlung wechselt danach im Sommer auf die IGS vor den Toren der Hansestadt (LZ berichtete). Bei 25 Kindern mit Hauptschul- und 47 mit Realschulempfehlung würden die leistungsstarken Schüler fehlen, um jahrgangsübergreifend die gesamte Bandbreite abzudecken. „Ich bin selbst sehr erschüttert“, sagt Schulleiterin Eva-Maria Peetz angesichts der nackten Zahlen. Denn zum Kern der IGS-Arbeit gehört, dass genügend Schüler aller Leistungsstärken vertreten sind. Das Prinzip wird sogar bis in die einzelne Tischgruppe einer Klasse verfolgt.

Bei einer ersten Ursachenforschung hat die Rektorin zwei wesentliche Gründe für die drohende Schieflage ausgemacht: „Dass wir auf dem Dorf und nicht in der Stadt sind, ist ein Standortnachteil. Und viele Eltern wissen offenbar noch nicht, welch gute Arbeit wir hier leisten.“

Ein 30-köpfiges Kollegium unterrichtet aktuell rund 400 Schüler, unterstützt von zwei Sozialarbeitern. Die im Aufbau befindliche Schule hat fünf 7. Klassen, vier 6. und fünf 5. Klassen. „In den vergangenen Jahren haben wir immer genügend Kinder mit Gymnasialempfehlung bekommen, auch wenn es da natürlich noch mehr hätten sein dürfen“, sagt die Schulleiterin. Warum es ausgerechnet in diesem Sommer einen Einbruch bei den Schülern mit ausgesprochen guten Noten zu geben scheint, kann sie sich so recht nicht erklären. Zumal eine Elternbefragung vor einigen Jahren über alle Jahrgänge hinweg eigentlich genügend Potenzial für die zweite IGS im Landkreis offenbart hatte.

An der Arbeit, die sie und ihr Team leisten, kann es nicht liegen, ist sie überzeugt. „Wir haben ein junges, hoch motiviertes Kollegium und auch für leistungsstarke Schüler eine Menge Angebote. So haben wir zum Beispiel einen Club, so heißen unsere Arbeitsgemeinschaften, für junge Forscher, also für Schüler, die in den Naturwissenschaften ihre Interessen und Stärken haben.“ Ihre Stellvertreterin Ulrike Hannemann ergänzt: „Auch im musischen Bereich haben wir viel zu bieten. Wir haben zwei Schulbands, zudem läuft gerade das Projekt Young Voices, bei dem unsere Schüler Musicalstücke einstudieren, die wir bei einem großen Konzert in der O2-Arena in Hamburg präsentieren werden.“ Sie listet weitere Angebotsbeispiele auf: „Es gibt einen Kochclub, einen Gartenclub und einen für Erste Hilfe.“ Auf einen sportlichen Erfolg verweist Nils Heinrichs, didaktischer Leiter: „Unsere Volleyballer sind Bezirksmeister geworden.“ Peetz schwärmt geradezu: „Wir haben irre Sportanlagen. Und auch die zweite Fremdsprache ab Klasse 6, egal ob Französisch, Latein oder Spanisch, bieten wir eh auf gymnasialem Niveau an.“

Die Schule will nun noch mehr Öffentlichkeitsarbeit machen als ohnehin schon. Sie will noch mehr Eltern deutlich machen, dass Embsen ein ganz ähnliches Konzept hat wie die deutlich stärker angewählte IGS Lüneburg; dass auch die IGS Embsen eine gymnasiale Oberstufe bekommen wird; dass die Schüler hier sehr individuell betreut werden, um das „enorme Potenzial“, das in vielen Schülern stecke, zu Tage zu fördern; dass die ausführlichen Leistungsberichte einer IGS viel deutlicher als ein Zeugnis mit Noten klar machen, was ein Schüler gut kann und was noch nicht so gut; dass die Schüler hier womöglich etwas mehr Zeit haben als am Gymnasium, um ihr Leistungspotenzial voll auszuschöpfen. Hinrichs sagt: „Bei uns macht jeder Schüler die Erfahrung, dass er irgendwas besonders gut kann. Dadurch wird er auch in der Gruppe anders wahrgenommen. Das stärkt die Gemeinschaft und das Selbstbewusstsein des Einzelnen.“ Ulrike Hannemann hat die Erfahrung gemacht: „Unsere Schüler gehen wirklich gern zur Schule.“

Vom Landkreis fühlt sich die Schule durchaus gut unterstützt. „Die Busverbindungen könnten besser sein, gerade aus der Stadt Lüneburg heraus, aber auch da ist der Kreis dran, das zu verbessern“, sagt Hinrichs. Peetz ist zuversichtlich, dass es mit der richtigen Mischung im Sommer doch noch klappen könnte. Sie versichert: „Wir werden den Kopf nicht in den Sand stecken. Die Stadt können wir nicht herholen, aber Embsen hat eben andere Vorteile als Lüneburg.“

10 Kommentare

  1. Werner Schneyder

    Die Grundschulempfehlung und damit die „Mischung“ wird dotal überschätzt. Die Empfehlung reicht kaum 2 Jahre, dann werden die Karten neu gemischt. Wer von „Mischung'“ redet, denkt noch dreigliedrig.

    Es gibt insbesondere in NRW IGSen, die haben kaum einen gymnasialempfohlenen Schüler und dennoch eine gut funktionierende gymnasiale Oberstufe. Es geht darum, von jedem Schüler Leistung zu verlangen, aber auch entsprechend zu fördern. Und das kann auch die IGS Embsen.

  2. Horst Schröter

    Hier verstehe ich die Schulleitung nicht: Wo steckt denn das Problem, dass nun keine „Leistungsspitzen da sind?“ Fällt dann das System IGS in sich zusammen? Wenn das der Fall sein sollte, muss man hier der gesamten Planung einen dicken Fehler unterstellen.

    • Genau da liegt das Problem, wenn sie mit Bundesligaspielern trainieren, lernen sie automatisch von deren Fähigkeiten und Talenten, wenn sie nur mit Landesligapielern trainieren findet deutlich weniger Befruchtung statt. Andersherum gibt es das zweite Problem der Bundesligaspieler in der Kreisklasse, die entwickeln sich dort kaum weiter und passen sich dem Niveau langsam an. Nicht nur im Sport, in jeder Verhaltensforschung kann man diese Phänomene beobachten, nur unsere ideologischen Schulpolitiker wollen davon nichts gewusst haben und starten ein Feldversuch an den Kindern nach dem anderen. Hauptsache nicht von ihrer Ideologie abweichen.

      • wenn das weltbild doch bloß immer so einfach wäre, nicht wahr? bundesligaspieler fahren auch gern mal ohne führerschein.

      • „wenn sie mit Bundesligaspielern trainieren, lernen sie automatisch von deren Fähigkeiten und Talenten“. Es wird aber kein gleichwertiger Bundesligaspieler aus Ihnen. Anderes Beispiel: Auch wenn Sie pro Tag mindestens fünf Kommentare schreiben, lernen Sie nicht automatisch korrekte Rechtschreibung. Schade eigentlich…

        • was denn , außer rechtschreibung keine argumente? schade eigentlich.

        • Herbart
          es ist brotlose kunst, wenn man tore schießt. nur dumme zahlen dafür. ich finde es ziemlich bescheuert, wenn man millionäre beim toreschießen zujubelt. noch bescheuerter finde ich es, wenn man sie als positive beispiele nimmt.

        • wenn sie mit Bundesligaspielern trainieren, lernen sie automatisch von deren Fähigkeiten und Talenten”. Es wird aber kein gleichwertiger Bundesligaspieler aus Ihnen.
          wer will dieses niveau? Matthäus? mailand oder madrid, hauptsache italien?

  3. Auch hier rennt man Tingeltangel hinterher. Ich bin selber Lehrer, wenn ich eine Klasse übernehme, dann nehme ich sofort Verbesserungen an der Sitzordnung vor und löse die Gruppentische (von mir „Stammtische“ genannt) auf. Ich habe es nämlich nicht so gern, wenn die Hälfte der Schüler mir den Rücken zudreht und die Tafel (igitt, wie altmodisch !) nur unter Verrenkungen erblicken kann. Ich akzeptiere nicht, dass die Sitzordnung zum Kommunizieren (oder Quatschen) mit den Nachbarn geradezu auffordert. Aber ich bin ja auch ein eher altgedienter Pädagoge, der nicht jeden Stuss mitmachen muss.

    • Altmodisch !! Früher haben wir es ja nicht geschafft einen Abschluss zu machen. Ganz geschweige denn von Lehre oder Uni. Der deutsche Dipl.Ing. ist ja weltweit verlacht (nicht akzeptiert). Also schnell Bachelor und Master her. Es muss ja alles geändert werden … alles muss neu und „besser“. Aber jetzt mal Spaß beiseite (oder trauriger Ernst) …. Wenn ein bestimmter Leistungs-Level nicht erreicht werden kann, werden die Schwachen nicht gefördert … sondern der Level einfach runtergesetzt … bis irgendwann ihn alle schaffen. Bin weltweit viel unterwegs … „Made in Germany“ zählt NOCH etwas .. aber nicht mehr lange. Andere Länder (die billiger produzieren) holen mit der Produktionsqualität auf. Bleibt also nur noch die Entwicklung und Forschung in Deutschland. Und da arbeiten wir gerade (sehr erfolgreich) dran dies auch noch zu verlieren !