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Éva Pusztai-Fahidi ist mit ihrer Enkelin Luca zum Auschwitz-Prozess nach Lüneburg gekommen. Die 22-Jährige steht ihr zur Seite und macht als Fotografin Bilder für das Internationale Auschwitz Komitee. Die Großmutter hat nach dem Krieg als Außenhandels-Managerin für ein ungarisches Stahlkombinat gearbeitet und war daher oft im Ausland. Über ihre Erlebnisse hat sie ein Buch geschrieben: Die Seele der Dinge. Herausgegeben im Auftrag des Internationalen Auschwitz-Komitees, Berlin, und der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin: Lukas-Verlag. Foto: t&w
Éva Pusztai-Fahidi ist mit ihrer Enkelin Luca zum Auschwitz-Prozess nach Lüneburg gekommen. Die 22-Jährige steht ihr zur Seite und macht als Fotografin Bilder für das Internationale Auschwitz Komitee. Die Großmutter hat nach dem Krieg als Außenhandels-Managerin für ein ungarisches Stahlkombinat gearbeitet und war daher oft im Ausland. Über ihre Erlebnisse hat sie ein Buch geschrieben: Die Seele der Dinge. Herausgegeben im Auftrag des Internationalen Auschwitz-Komitees, Berlin, und der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin: Lukas-Verlag. Foto: t&w

Éva Pusztai-Fahidi spricht im NS-Prozess: „Warum bin gerade ich am Leben geblieben?“

Dienstag sagt die Auschwitz-Überlebende Éva Pusztai-Fahidi im Prozess um Beihilfe zum Mord in 300000 Fällen in Lüneburg aus. Sie sieht den Prozess auch als Abrechnung mit der deutschen Justiz.

ca Lüneburg. In den Augen der SS-Männer seien die Häftlinge weniger als nichts gewesen. Doch sie habe sich ihnen überlegen gefühlt, sagt Éva Pusztai-Fahidi. „Meine Seele wollten sie mir wegnehmen, ich habe sie nicht gelassen.“ Sie hat an Goethes Faust gedacht, an die Texte von zehn Wagner-Opern, die sie gelesen hatte, deren Musik sie in sich spürte. „Ich habe mich über ihnen gefühlt.“ Ein innerer Schutzraum in Auschwitz. Den sie gebraucht habe, um ihre Würde nicht zu verlieren, wenn sie kahl geschoren, nackt, namenlos vor den Bewachern stand. Einem von damals sitzt sie jetzt im Prozess gegenüber: Oskar Gröning, der als Buchhalter im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau gearbeitet hat und wegen Beihilfe zum Mord in 300000 Fällen angeklagt ist. Es sei ihr eine „Genugtuung“, dass dieses Verfahren laufe und die Mordmaschinerie zeige.

Éva Pusztai-Fahidi ist 89 Jahre alt, eine zierliche Frau mit festem Händedruck, mit wachen lächelnden Augen. Sehr gefasst erzählt sie in einem altertümlichen Deutsch mit charmanter ungarischer Färbung, wie sie 49 Verwandte in den Lagern der Nazis verlor. Wie ihre Mutter, „eine dekorative Dame von 39 Jahren“, ihre Cousine und deren sechs Monate altes Kind auf der Rampe ins Gas geschickt wurden. Dass sie nicht weiß, wann und wie ihr Vater starb.

Und dass sie sich immer wieder fragt: „Warum bin gerade ich am Leben geblieben? Warum, warum?“ Zweimal habe sie der berüchtigte KZ-Arzt Josef Mengele statt ins Gas zur Zwangsarbeit geschickt: „Er hat mich zum Leben verurteilt.“

Sie lebte mit ihrer großbürgerlichen Familie in der Tradition der österreichischen K.u.K-Monarchie in Debrecen, lernte Ungarisch, Deutsch, Slowakisch. Achtzehneinhalb glückliche Jahre in Liebe habe ihre Familie ihr geschenkt, bis sie im Juni 1944 von der ungarischen Gendarmerie, die mit den Nationalsozialisten kooperierte, festgenommen und dann in einem Zug nach Auschwitz deportiert wurde.

Kraft habe ihr dort eine „Zweitfamilie“ gegeben: Die Wachmannschaften hielten Zählappelle ab, immer in Fünfer-Reihen. Sie sei in ihrer Gruppe die Älteste gewesen, die anderen 17, 16 und 14 Jahre alt. Éva Pusztai-Fahidi erzählt, wie sich die Mädchen Trost und Hoffnung gespendet haben, wie es half zu überleben.

Nach sechs Wochen wurde sie aus Auschwitz zur Sklavenarbeit in die Sprengstoffwerke Allendorf geschickt, Münchmühle war ein Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald bei Weimar. Es gelang ihr am Kriegsende, bei einem Todesmarsch zu entkommen.

Im Gerichtssaal hört sie zu, „wenn meine Lagerbrüder und Lagerschwestern erzählen“, auch wenn alle Geschichten ähnlich klingen, sei doch jede anders. „Auch wenn es Widersprüche gibt, ist jede Geschichte wahr. Jeder hat sie erlebt.“

Die alten Menschen, die da sprechen, wirken nicht verbittert. Éva Pusztai-Fahidi erklärt, warum das so sein kann: “ Zu hassen ist ein Zustand, der die Seele verwüstet man spürt ihn auf der Haut. Wenn man es so lässt, bleibt man ein Opfer. Ich will nicht hassen, weil ich meine Seele schonen will.“

1945 wollte sie nie wieder nach Deutschland zurückkehren, nie wieder ein deutsches Wort sprechen. Das ändert sich 1989, als Stadtallendorf sie und andere ehemalige KZ-Häftlinge einlädt, der Ort, in dem sie mit Hunderten anderen in der Sprengstofffabrik schuften musste. Stadtallendorf ist nach dem Krieg durch Flüchtlinge aus einem Dorf zu einer Stadt gewachsen.
„Als ich ankam, wurde ich auf Deutsch freundlich angesprochen, menschlich. Ich merkte, dass Deutsch nicht nur gebrüllt werden muss. Leute haben sich geschämt, um Verzeihung gebeten. Menschen, die damals gar nicht dabei waren.“

Ein anderes Deutschland. Das erlebt sie auch, wenn die 4. Strafkammer des Landgerichts in der Ritterakademie verhandelt: „Das Gericht macht es sehr gediegen“, sagt sie mit diesem Wort, bei dem man an eine lange vergangene gute Zeit denkt, „immer mit entsprechender Würde.“ Sie sei dankbar, dass die Verbrechen von Auschwitz nun in einem Prozess zum Thema werden. Spät, aber eben nicht zu spät.

Sie wünscht sich etwas, was das Gericht nur schwer leisten kann: eine Abrechnung mit der deutschen Justiz, die jahrzehntelang den millionenfachen Mord in den Lagern nicht aufgeklärt hat oder Täter oftmals mit lächerlichen Strafen davonkommen ließ. Die Hitler und Himmler als Drahtzieher und die vielen anderen zumeist nur als willige Helfer einordnete. Es wird am Ende eben auch sehr auf die Begründung des Urteils ankommen, die der Vorsitzende Franz Kompisch und seine Kollegen geben.

Wenn Éva Pusztai-Fahidi als Nebenklägerin hinter der Reihe der Rechtsanwälte sitzt, hat sie den Angeklagten Gröning im Blick. Ungeschickt verteidige der sich, verwickle sich in Widersprüche. Sie glaubt ihm nicht, dass er nur dreimal an der Rampe von Auschwitz gestanden haben will, wo die SS über Leben und Tod entschied. Als Buchhalter habe er „Ordnung gemacht, jeden Tag. Wie sollte es sonst gehen? Es kamen neue Züge“. Dafür habe man Platz gebraucht. Sie sagt: In 57 Tagen seien per Bahn 147 Transporte aus Ungarn in Auschwitz angekommen. Von 437000 Menschen „kamen 340000 sofort ins Gas und wurden verbrannt“.

„Er weiß, was die Wahrheit ist“, sagt die Ungarin. Die solle Gröning anerkennen und dazu stehen. Sein Lügengebäude möge zusammenbrechen unter den Schicksalen der Juden, die davon berichten, was sie in Auschwitz erdulden mussten. „Wenn er sagen würde: Jetzt im Alter begreife ich, was ich getan habe, dann wäre da eventuell die Möglichkeit, ihm zu verzeihen.“ Doch ob das auch die täten, die nicht mehr im Gericht sein können? Denn sie sitze dort nicht allein, sondern eben auch für 49 Menschen aus ihrer Familie, die ermordet wurden.

„Sünden dieser Art verjähren nicht“, sagt die 89-Jährige. „Nicht, als sie getan wurden, nicht heute, morgen oder übermorgen.“ Aber es gibt eine Zukunft. So wie in Stadtallendorf, wohin sie wieder reist, wo Menschen Verantwortung für das Grauen übernehmen und das zeigen, was vor 70 Jahren so unmöglich schien: Menschlichkeit.