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Die Redakteurin und Autorin Judith Kalman (stehend), hier mit ihrer Schwester Elaine, sagte vor Gericht: Meine Halbschwester Eva und mein Vater haben mir die Last eines geerbten Schuldgefühls auferlegt. Foto: be
Die Redakteurin und Autorin Judith Kalman (stehend), hier mit ihrer Schwester Elaine, sagte vor Gericht: Meine Halbschwester Eva und mein Vater haben mir die Last eines geerbten Schuldgefühls auferlegt. Foto: be

NS-Prozess Tag 5: Die geerbte Schuld, überlebt zu haben

rast Lüneburg. „1944 hat sich meine ganze Welt verändert“, sagt Eugene Lebovitz aus dem amerikanischen Aventura. Er war fünfzehneinhalb Jahre alt, als er in seinem Heimatort in Ungarn samt Familie ins Ghetto, eine alte Ziegelei, gesteckt wurde. Als gefragt wurde, wer sich freiwillig für Arbeit auf einem Bauernhof meldet, war die Familie dabei — doch es ging nicht auf einen Hof, die Familie wurde in einen Viehwaggon gesteckt, „wo sonst neun Pferde stehen“, und nach Auschwitz deportiert: „Was für ein Wunder, dass 90 Menschen darin drei Tage und drei Nächte verbringen konnten.“ Der Mann, dem die Häftlingsnummer 8997 auf den Arm tätowiert wurde, erinnert sich noch genau an die Ankunft und die erste Zeit danach in Auschwitz-Birkenau: „Die meisten Menschen waren da keine Menschen mehr.“

Der heute 86-jährige Lebovitz erzählte am fünften Tag im Prozess vor der 4. Großen Strafkammer des Landgerichts gegen den „Auschwitz-Buchhalter“ Oskar Gröning, dem Beihilfe zum Mord in 300000 Fällen vorgeworfen wird, seine Geschichte, ebenso wie Judith Kalman (61), Tochter eines Holocaust-Überlebenden, die ihre. Zudem gab der Historiker Dr. Stefan Hördler aus Weimar Einblicke in die Struktur und Befehlsgewalt des Lagers Auschwitz und die Arbeitsweise der Verwaltung.

Direkt nach der Ankunft an der Rampe wurde Eugene Lebovitz von seinen Eltern getrennt: „Leute zeigten mir den Rauch: ,Da gehen deine Eltern hin.“ Er habe plötzlich einen merkwürdigen Geruch wahrgenommen, das sei an einem Tag gewesen, als es „mehr Leute gab, als sie überhaupt durch das Krematorium schleusen konnten“. Später wurde er auch von seinem Bruder getrennt, er selbst kam in ein Außenlager und hatte Glück, dass er Deutsch sprechen konnte. So teilte ihn ein SS-Mann für den Telefondienst ein: „Ich musste nicht zur Zementfabrik, die jungen Leute dort haben das nur zwei Tage ausgehalten.“ Dann erzählt Lebovitz vom im Januar 1945 gestarteten Todesmarsch durch den eisigen Winter mit Erschießungen, so habe man bei einem Zwischenstopp an einem Krematorium 40 Menschen vor seinen Augen erschossen. Und als man ihn und andere später aus einem Waggon in einen Wald jagte und auf die Juden schoss, „hatte ich Glück, dass ich hingefallen bin“: „Körper lagen auf mir drauf, ich habe mich ausgegraben.“ Vor seiner Befreiung half ihm, dass er auch Russisch sprach, ihn ein Offizier mit Kleidung und Pistole ausstattete. Er wurde sogar zum Zug gebracht — zum Zug nach Prag, in die Freiheit. Seine beiden Brüder und seine Schwester hatten überlebt, 47 Cousins, Onkel und Tanten aber wurden ermordet.
Vor Gericht sagt Lebovitz: „Ich bin glücklich, dass ich hier sein kann.“ Das Verfahren gebe ihm „ein sehr gutes Gefühl, dass die Menschen nicht vergessen“. Nicht vergessen — die Worte stehen auch auf seiner Anstecknadel. Und er sagt: „Ich danke Gott, dass ich keinen Hass in mir trage.“

Judith Kalman war noch nicht geboren, als ihre Halbschwester Eva Edith Weinberger im Alter von sechs Jahren in Auschwitz vergast wurde. Sie spricht vor Gericht vom „Schuldgefühl der zweiten Generation, über die geerbte Schuld, überlebt zu haben“. Ihr Vater gehörte in seinem ungarischen Heimatort zu einer angesehen, wohlhabenden Familie und sollte zur Zwangsarbeit eingezogen werden: „Er entwischte dem von Eichmann ausgeworfen Netz.“ Allerdings nicht für lange. Er kam ins KZ. Judith Kalman: „Für Vater ist der Krieg früh und dramatisch zu Ende gegangen.“ Er sei auf einem Todesmarsch gewesen, als die Deutschen vor den Russen flohen. Als sie die Brücke über einem Fluss überquerten, habe er einen ungarischen Unteroffizier aufgefordert, den Fluss „zurückzuüberqueren, sonst landen sie bei den Deutschen“: „200 jüdische Zwangsarbeiter folgten meinem Vater über die mit Sprengstoff gesäumte Brücke. Er hatte sich selbst befreit.“ Nach dem Krieg gründete der Mann, der 120 seiner Verwandten verloren hatte, eine neue Familie — so verdanke Judith Kalman, wie sie sagt, ihr Leben letztlich dem Tod ihrer Halbschwester Eva.

Der Angeklagte Oskar Gröning hatte zu Beginn des Verfahrens ausgesagt, während der Zeit der Ungarn-Aktion höchstens dreimal als Vertretung für Kameraden Dienst an der Rampe verrichtet zu haben, um das zurückgelassene Gepäck der Verschleppten zu bewachen. Wegen seiner Beförderung zum Unterscharführer sei er von solchen Aufgaben ausgenommen worden. „Das halte ich für vollkommen unglaubwürdig“, äußert der Historiker Dr. Stefan Hördler zu dieser Aussage, gerade Unteroffiziere hätten dort Dienst schieben müssen, Gröning hätte aber eine Ausnahme sein können, denn: „Sein Bereich war mehr der Stubendienst.“

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