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So geht Wirtschaft: Unternehmer Karl-Heinz Hebrok (l.) mit Minister Olaf Lies in der Lünewell GmbH. Foto: t&w
So geht Wirtschaft: Unternehmer Karl-Heinz Hebrok (l.) mit Minister Olaf Lies in der Lünewell GmbH. Foto: t&w

Appell gegen Wohlfühlstimmung

us Lüneburg. Volle Auftragsbücher, gute Konjunkturaussichten, gesundes Wachstum — für viele heimische Mittelstandsbetriebe läuft es richtig rund. Für Olaf Lies, Niedersächsischer Minister für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr, fast zu rund, er sorgt sich um die Investitionsbereitschaft im Mittelstand. „Wir haben in Deutschland eine Wohlfühlstimmung, doch sich darauf auszuruhen, ist fahrlässig“, sagte er. Lies war jetzt auf Einladung der Investitions- und Förderbank Niedersachsen (NBank) nach Lüneburg gekommen, gemeinsam mit Vertretern aus Wirtschaft und Finanzwelt ging es beim NBank-Forum „Chancen für den Mittelstand“ um Wettbewerbsfähigkeit, Innovationen und die Frage, wie dem wachsenden Fachkräfteproblem begegnet werden kann.

„Die gegenwärtige wirtschaftliche Phase könnte nicht besser sein, aber jetzt ist nicht der Zeitpunkt des Ausruhens, sondern des Investierens“, sagte Lies vor rund 200 Teilnehmern in den Produktionshallen der Lünewell GmbH im In­dustriegebiet Hafen. Hierzu zähle auch die Sicherung des Fachkräftebedarfs, die gerade den Mittelstand vor große Probleme stelle, wie Lies mit Bezug auf eine aktuelle Umfrage der IHK Lüneburg-Wolfsburg ausführte. Danach hätten 58 Prozent der regionalen Unternehmen in den vergangenen zwei Jahren Probleme gehabt, Stellen zu besetzen. Einer Studie der Prognos AG zufolge würden bis zum Jahr 2030 in der Region 55000 Fachkräfte fehlen.

„Abwarten wird nicht funktionieren“, mahnte Lies. Der Zuwanderung von Fachkräften aus dem Ausland komme daher immer größere Bedeutung zu, auch mit Blick auf wachsende Märkte hiesiger Unternehmen im Ausland. Lies bekräftigte zudem den hohen Stellenwert der dualen Ausbildung für die Fachkräftesicherung, Zustimmung aus dem Publikum gab es für seinen Hinweis: „Wir brauchen in den Betrieben nicht nur Leute mit Hochschulabschluss.“ Ein wichtiger Faktor sei zudem die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, zugleich müssten sich die Unternehmen aber fragen, ob sie nicht auch durch höhere Gehälter in Niedriglohn-Bereichen der Entwicklung fehlender Fachkräfte entgegensteuern könnten.

Doch auch die öffentliche Hand selbst sei aufgerufen, ihre Zukunftsinvestitionen jetzt anzugehen, sagte Lies, der die Gelegenheit nutzte, sich erneut für den Lückenschluss der A39, das Schiffshebewerk in Scharnebeck und den Ausbau des Schienenverkehrs einzusetzen. Er beklagte eine zunehmende Infrastrukturfeindlichkeit in der Öffentlichkeit, die häufig mit Investitionsfeindlichkeit einhergehe. „Man kann nicht gegen alles sein“, machte der Minister mit Blick auf die stockenden Infrastrukturprojekte in Niedersachsen und den bundesweiten Ausbau der Strom­trassen oder Themen wie TTIP deutlich. Auch müsse die Politik das „Verlässlichkeitsmaß“ im Auge behalten, gerade mittelständische Unternehmen seien darauf angewiesen, Planungs- und Investitionssicherheit nicht nur von einem Legislaturabschnitt bis zum nächsten zu haben.

Dass selbst investitionswillige Unternehmen bisweilen auf Hindernisse stoßen, machte Heiko Ernst, Vorstandsmitglied der Volksbank Lüneburger Heide, deutlich. Er kritisierte die hohen bürokratischen Hürden bei der Antragstellung von Fördermitteln: „Es kann nicht sein, dass man für eine einfache Reitanlage 48 verschiedene Anträge stellen muss.“ Das schrecke viele Kunden ab. Dafür zeigte Dr. Sabine Johannsen, Vorstandsmitglied der NBank, Verständnis, sie machte aber auch deutlich, dass die EU für jeden Euro, den sie gebe, Belege brauche.

Karl Reinhold Mai, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse, empfahl, „möglichst früh“ den Weg zu den Geldinstituten zu suchen, „nicht erst, wenn die zu finanzierende Maschine schon bestellt oder geliefert ist“. Vertrauen in die Zusammenarbeit mit Banken sei ebenso wichtig wie die Bilanzen der Unternehmen, „ein Aspekt, der heute leider viel zu oft in den Hintergrund tritt“.

Doch es gab auch positive Beispiele an diesem Abend, auf die Mitgastgeber und Lünewell-Hausherr Matthias Hebrok hinwies. „Wir haben uns trotz der deutlich besseren Ostförderung für den Standort Lüneburg entschieden, und das, obwohl der Osten nur 25 Kilometer von uns entfernt ist.“ Allerdings beklagte auch er den „Wust an Bürokratie“, den ein Förderantrag stets mit sich bringe. Fachkräftesicherung betreibe sein Unternehmen „nicht nur dadurch, dass wir in Lüneburg geblieben sind“, sondern ganz konkret durch nahezu kostenlose Verpflegung im Betrieb, einen Blumenstrauß zum Geburtstag „und bei Krankheit einen Besuch zu Hause“ — ein Aspekt, der bei den Gästen eher andere Assoziationen weckte.