Aktuell
Home | Lokales | Neu Neetze: Streit um Straßenausbau
Die Milchbergsiedlung in Neu Neetze entstand in den 1960er-Jahren. Seitdem setzen die Anwohner ihre Straßen selbst instand. ,,Das stärkt die Dorfgemeinschaft, finden sie. Gegen einen Ausbau der Straßen mit Pflastersteinen wehren sie sich. Foto: cw
Die Milchbergsiedlung in Neu Neetze entstand in den 1960er-Jahren. Seitdem setzen die Anwohner ihre Straßen selbst instand. ,,Das stärkt die Dorfgemeinschaft, finden sie. Gegen einen Ausbau der Straßen mit Pflastersteinen wehren sie sich. Foto: cw

Neu Neetze: Streit um Straßenausbau

kre Neu Neetze. „Wenn sich die Gemeinde erpressen lässt, brauchen wir im Ort bald nichts mehr auszubauen“. Starke Töne des Neetzer Bürgermeisters Heinz Hagemann. ,,Kein Ausbau gegen den Willen der Bürger“, erinnern dagegen die Anlieger der Milchbergsiedlung in Neu Neetze das Gemeindeoberhaupt an seine 2011 gegebene Zusage. Dass der 63-jährige parteilose Rathauschef sich daran nicht mehr erinnern kann — oder will –, macht viele der Anlieger zornig. Denn in Sachen Straßenausbau macht die Politik jetzt mächtig Druck. Sie hat das Thema „Milchberg“ erneut auf der Agenda. Und alles deutet darauf hin, dass es dieses Mal auch zum Abschluss gebracht werden soll.

Über den Sinn eines Straßenpflasters in der Milchbergsiedlung wird schon lange gestritten: „Ein Pflaster ist hier völlig unnütz. Mit dem Geld sollte besser das Internet ausgebaut werden“, sagt etwa Achim Deutsch, der seit 30 Jahren in der Siedlung wohnt. Dass die Straßen statt mit einer Asphaltschicht oder Pflastersteinen nur mit Mineralgemisch befestigt sind, stört den Rentner nicht. Genauso wenig wie Claudia Kriz, die 2012 mit ihrer Familie aus der Großstadt nach Neu Neetze gezogen ist. Der Natur und der unbefestigten Straßen wegen. Denn für die meisten der Anwohner hat der leicht unebene Zustand des Mineralgemischs einen verkehrsberuhigenden Charakter, während für die Ratsmehrheit um Bürgermeister Heinz Hagemann die Sandwege in der Siedlung vor allem eines sind: lästige Staubpisten. Der Bürgermeister ist überzeugt, dass es den Anwohnern weniger um den Erhalt des Siedlungs-Charakters, als vielmehr ums Geld geht: „Wenn der Ausbau der Straße für die Anwohner kostenfrei wäre, würden die uns die Tür einrennen“, ist er überzeugt.

Eine erste Kostenschätzung — vor vier Jahren aufgestellt — geht von 300000 Euro aus. 90 Prozent davon müssten die Anwohner tragen, zehn Prozent die Gemeinde. Hagemann ist schon lange Bürgermeister in Neetze, hat so manch politische Schlacht erfolgreich geschlagen — zum Beispiel den Ausbau des Jürgenstorfer Weges. Damals ebenfalls höchst umstritten. Und heute? Alles gut! „Da beschwert sich niemand mehr!“, sagt Hagemann. Für ihn ein Beleg mehr dafür, dass Politik standhaft bleiben muss. Auch wenn der Wind einem kräftig ins Gesicht blase. Da hält es Hagemann mit dem SPD-Recken Franz Müntefering mit der „Politik der klaren Kante.“

Nur teilen nicht alle im Rat diese Auffassung: CDU-Fraktionschef Karsten Johansson etwa ist gegen den Ausbau. „Und wir werden einem entsprechenden Beschluss im Rat nicht zustimmen“, kündigt der Christdemokrat auf LZ-Anfrage an. Ebenso wie viele Anwohner sieht er den jetzigen Ausbauzustand der Straßen als ortsbildprägend. ,,Und man muss auch nicht immer mehr Landschaft mit Pflastersteinen gegen den Willen der Anwohner versiegeln“, mahnt Johansson.

Apropos Anwohner: Die haben selbst eine Umfrage durchgeführt. Das Ergebnis: Von den 54 Haushalten hatten sich 44 gegen den Ausbau und zwei dafür ausgesprochen. Einem Anwohner ist es egal, ein weiterer wollte an der Befragung nicht teilnehmen. „Acht Anwohner haben wir nicht angetroffen“, berichtet Anliegerin Claudia Wesch.

Die Unterschriftenliste wurde Hagemann vor drei Wochen überreicht, doch der Bürgermeister ist wenig beeindruckt. Seine Sorge: Haben die Bürger wirklich frei von nachbarschaftlichem Druck ihre Meinung äußern können oder hat der eine oder andere nur unterschrieben, um seine Ruhe zu haben?
Ein Gedankenspiel, das Johansson nur schwer nachvollziehen kann. Denn schon vor zwei Jahren hatte seine Fraktion angeregt, dass die Gemeinde selbst die Stimmung der Anwohner abfragen sollte. „Das hat die Gemeinde jedoch abgelehnt.“

Immerhin soll demnächst eine Bauausschuss-Sitzung stattfinden, bei der nicht nur über die bis dahin ermittelten Ausbaukosten diskutiert, sondern auch die betroffenen Anwohner selbst gehört werden sollen. Das haben die Männer und Frauen vom Milchberg mit ihrem Aufruhr immerhin schon erreicht — dass nicht mehr hinter verschlossenen Türen über ihre Köpfe hinweg über den Ausbau beraten und beschlossen wird.