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Der Auschwitz-Überlebende Tibor Bolgar sagte gestern im Gröning-Prozess aus.. Foto: phs
Der Auschwitz-Überlebende Tibor Bolgar sagte gestern im Gröning-Prozess aus.. Foto: phs

KZ-Überlebender Tibor Bolgar sagt im Gröning-Prozess vor dem Landgericht aus

ca Lüneburg. Wie andere ungarische Juden waren Tibor Bolgar und seine Familie nach dem Einmarsch der Deutschen nach Auschwitz deportiert worden. Mehr als drei Tage seien sie in Viehwaggons nach Polen gefahren worden, schilderte der 90-Jährige dem Gericht. Mit den Händen hätten Menschen in den Boden des maroden Wagens ein Loch gekratzt, um ihre Notdurft zu verrichten. Wohin es ging, hätten sie nicht gewusst: „Wir dachten, ein Arbeitslager.“

In Auschwitz angekommen, schickte die SS seine Mutter und seine dreizehnjährige Schwester „ins Badehaus, statt Wasser kam Gas. Eine Handbewegung entschied über Leben und Tod“. Am Abend seien die Frauen verbrannt worden, das Wort Krematorium möge er dafür nicht nutzen, das wäre „zu freundlich“.

Ihn und seinen Vater hielten die Wachleute an der Rampe für arbeitsfähig. Die beiden kamen in eine Baracke, dort habe es eine Schale Gemüsesuppe für sechs Männer gegeben, keine Löffel. Beim Austeilen verstand Bolgar das Wort Hund. Später habe er sich oft gewünscht, die Aufseher hätten ihn und seine Leidensgenossen so gut wie Hunde behandelt.

Bolgar blieb nur drei Tage im Lager. Er sollte nach Warschau, um das nach einem Aufstand zerstörte Ghetto aufzuräumen. Die SS habe dafür Handwerker gebraucht, als Elektriker kam er infrage. Doch da die Rote Armee vorrückte, zogen die Deutschen sich zurück. Er habe zu denen gehört, die auf dem ersten Todesmarsch der Geschichte von Wachmannschaften in Richtung Bayern getrieben wurden.

Fünf Tage lang. Ohne Wasser, ohne Essen. Irgendwann seien sie an einen Fluss gekommen, die SS habe sie hineingeschickt. Als ein Häftling nicht herauskam, hätten die Männer zwei Hunde auf ihn gehetzt, die ihn „zerrissen“, das Opfer sei von SS-Leuten danach unter Wasser gedrückt worden. Bis es starb.

Bolgar kam nach Dachau, von da ins Außenkommando Mühldorf in die Rüstungsproduktion für Flugzeuge. „Es hieß Lager 60“, sagte er. 60 sei die Zahl der Tage gewesen, nach denen die Häftlinge zumeist starben. Bolgar überstand die Leiden. „Wir waren verlauste Skelette“, berichtet er. Schließlich war es so augemergelt, dass er in ein anderes Camp gebracht werden sollte, wo SS-Leute mit Maschinengewehren warteten, um die Gefangenen zu töten. Es kam anders, die Alliierten zwangen die Deutschen zum Rückzug, die Häftlinge nahmen sie mit. Bolgar steckte in einem Zug, der „irrtümlich“ von amerikanischen Bombern angegriffen wurde. Er überlebte wieder.

Schließlich wurde er von der US-Armee befreit. Die Soldaten brachten die Juden in eine ehemalige Einrichtung der Hitler-Jugend. Sie bekamen Essen. Doch die halb verhungerten Männer aßen so viel und die Soldaten hatten so wenig medizinisches Wissen, dass es dramatische Folgen hatte: „Das Essen war zu fett, mehr als 300 von uns starben daran.“ Bolgar lag tagelang danieder, doch er gewann noch einmal gegen den drohenden Tod.
Wie durch ein Wunder überstand auch Bolgars Vater die Grauen der Lager. Aus seinem Ort in Ungarn, sagte Bolgar, hätten von 1100 Juden nur 155 überlebt.

Ruhig schildert der alte Mann, der heute in Kanada lebt, was ihm geschah. Nach dem Krieg habe er die Welt gehasst: die einen dafür, was sie ihm und den Juden antaten, und die anderen dafür, dass sie zu wenig halfen. „Aber mir wurde klar, dass man mit Hass nicht leben kann.“ Den Holocaust überlebt zu haben, sei ein Geschenk und eine Verpflichtung: Die Unmenschlichkeit dürfe nicht vergessen werden. Deshalb gehe er in Schulen und Kirchen, um zu berichten: „Ich komme nicht als Überlebender, sondern als Zeuge.“ Dadurch, dass er spreche, würden auch andere zu Zeugen: „Wir müssen uns erinnern.“

Zu Wort kam auch Ilona Elaine Kalman, die als Nebenklägerin auftritt. Sie wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg geboren. Ihre Eltern seien beide Überlebende gewesen, die ihre ersten Partner durch den Nationalsozialismus verloren hätten. So sei auch ihre Halbschwester Edith in ­Auschwitz im Alter von sechs Jahren ermordet worden.

Für den Prozess sei sie dem deutschen Volk dankbar, es gehe um eine „historische Abrechnung“. Die Journalistin Kalman hat Bücher über das Schicksal ihrer Verwandten geschrieben, von 34 Angehörigen, die mit dem Zug nach ­Auschwitz deportiert wurden, hätten nur zwei überlebt.
Im Gerichtssaal über die zu sprechen, die ermordet wurden, so Ilona Elaine Kalman, sei eben auch eine Erinnerung an die kleine Schwester, die sie nie kennenlernen durfte, die aber immer noch bei ihr sei.

 

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