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Merle Clarke weiß nur für die nächste Woche, wie und wo sie ihre Tochter Judy unterbringen soll.  Als Elternvertreterin des Bardowicker Kindergartens Am Forsthaus sucht sie mit anderen Betroffenen nach Lösungen. Foto: t&w
Merle Clarke weiß nur für die nächste Woche, wie und wo sie ihre Tochter Judy unterbringen soll. Als Elternvertreterin des Bardowicker Kindergartens Am Forsthaus sucht sie mit anderen Betroffenen nach Lösungen. Foto: t&w

Kitas: Das Streik-Dilemma

dth Lüneburg/Bardowick. Merle Clarke kann privat zumindest noch für die erste Woche des angekündigten Kita-Streiks eine alternative Betreuung für ihre Tochter organisieren mit Hilfe flexibler Arbeitszeiten und Unterstützung von Verwandten. Das Glück haben nicht alle. Als Elternvertreterin im Bardowicker Kindergarten „Am Forsthaus“ sucht Clarke mit anderen Eltern einen Weg, die negativen Folgen des Kita-Streiks abzumildern. Wie vielerorts in Stadt und Kreis Lüneburg werden auch im Domflecken die Angestellten in den kommunalen Kindergärten „Am Forsthaus“ und „Eichhof“ die Arbeit niederlegen (LZ berichtete). Allein dort sind insgesamt 225 Kinder betroffen. Parallel zu den Elternbemühungen versucht die Gemeinde Bardowick noch kurzfristig, einen Notbetrieb auf die Beine zu stellen. Seltsame Blüten in der Debatte um den Umgang mit dem Streik offenbarte am Donnerstagabend eine Diskussion in Barum zwischen Eltern, Gemeinde und Belegschaft während einer eigens einberufenen Sitzung des Kindertagesstättenausschusses. Barums ehrenamtlicher Bürgermeister Torsten Rödenbeck (CDU) berichtete, Eltern hätten ihm per E-Mail angekündigt, Kinder bei ihm im Vorgarten abzuladen, sollte die Gemeinde keine Notbetreuung hinbekommen.

Exemplarisch zeigte die Diskussion mit rund 30 Elternvertretern im Barumer Gasthaus Flindt das Dilemma auf, das weiterhin vielerorts die betroffenen Akteure umtreiben wird. Den Erziehern fällt es etwa laut Barums stellvertretender Kindergartenleiterin Anja Büßow schwer, in den Streik zu treten. Sie sagte zu den Eltern: „Wir haben schließlich einen sozialen Beruf ergriffen. Wir wollen euch nicht treffen, aber wir wollen etwas bewegen.“ Über die Länge des Streiks schwieg sie sich aus. Die Rede ist von wenigen Tagen bis hin zu zwei Wochen oder unbefristet. Die Eltern äußerten hingegen Solidaritätsbekundungen mit den Angestellten, so unterstrich etwa der Vater Stefan-Michael Laudan das verfassungsmäßig verbriefte Streikrecht, um Arbeitnehmerforderungen durchzusetzen. Sollten die Forderungen nach höheren Gehältern aber durchgesetzt werden, säßen, je nach Kommune und Finanzierungsmodell, die Eltern wieder mit im Boot. Doch auch Vater Dennis Ehlert sagte: „Die Gebühren sind teilweise so hoch, dass es sich für meine Frau schon jetzt kaum noch lohnt, dafür arbeiten zu gehen.“

Kurz klang in der Runde die Frage an, ob nicht die Gemeinde Barum, deren Kindergarten rund 60 Kinder betreut, aus dem Flächentarifvertrag aussteigen und die Angestellten auf eigene Faust besser bezahlen könnte. Dazu sagte Barums Bürgermeister Torsten Rödenbeck (CDU) im Anschluss auf LZ-Nachfrage: „Ich werde das im Herzen bewegen, sehe das aber als wenig realistisch an.“ Die 1900 Einwohner große Gemeinde Barum schultert schon jetzt jährlich ein Defizit von rund 190000 Euro für den Kindergartenbetrieb. Nur rund 75000 Euro der Gesamtkosten würden über Elternbeiträge gedeckt. Eine Faustregel für Kommunen, ob nun Samtgemeinden oder Einzelkommunen Träger sind, sieht eine Drittelung der Betriebskostendeckung vor: Ein Drittel Zuschüsse, ein Drittel Kommune, ein Drittel Elternbeiträge. Rödenbeck verweist für Vorschläge zur Entlohnung der Erzieherinnen auf die Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (Allerheiligentor 2-4, 60311 Frankfurt/Main / www.vka.de).

Eine Mutter warf in die Runde: „Als Eltern haben wir uns dazu entschlossen, Verantwortung für Kinder zu übernehmen. Das können wir jetzt nicht einfach auf die Kommune abwälzen.“ Zur Frage, ob die Eltern nicht die Kindergartenräume während des Streiks nutzen dürften, um die Betreuung zu organisieren, sagte Christin Wormstedt von der Bardowicker Samtgemeindeverwaltung, dass für 25 Kinder mindestens ein Erzieher und ein sozialpädagogischer Assistent im Einsatz sein müsste. Würde die Gemeinde Barum den Kindergarten für eine selbstorganisierte Betreuung den Eltern überlassen, wäre im Barumer Fall der ehrenamtliche Bürgermeister für alle Personen- und Sachschäden haftbar. Auch bei anderen Räumlichkeiten wäre die Versicherungsfrage zu klären.

Stattdessen sucht die Gemeinde Barum nach qualifizierten Kräften, auch Ruheständlern, die bereit wären einzuspringen (Kontakt: verwaltung@gemeinde-barum.de). Für die zwei Kindergärten im Flecken Bardowick hingegen sah die Bardowicker Verwaltung bereits eine Chance, im Verlauf der kommenden Woche für einen Bruchteil der Kinder eine Notbetreuung auf die Beine zu stellen. Sprecherin Petra Gebert sagt: „Montag wird es aber nichts, hoffentlich danach. Wir werden die Eltern kurzfristig informieren.“

Keine Sorgen müssen sich wegen des Streiks Nutzer von Kindergärten machen, die in Trägerschaft beispielsweise von Kirchengemeinden, DRK oder AWO sind. So etwa in Bienenbüttel im Landkreis Uelzen. Bürgermeister Dr. Merlin Franke (CDU) sagt: „Unsere Kitas haben keinen kommunalen Träger, das heißt, unsere Kitas sind nicht vom Streik betroffen.“

Die rechtliche Seite
Der Streik in den Kindertagesstätten stellt viele berufstätige Eltern vor ernsthafte Probleme, die keine Betreuung für ihre Kinder finden. „Einfach zu Hause bleiben mit der Begründung, dass die Kita wegen Streiks geschlossen bleibt, geht nicht nicht ohne Weiteres“, stellt der Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberberbandes Lüneburg Nordostniedersachsen (AV), Bernd Wiechel, klar. Zwar regelt der Paragraph 616 des Bürgerlichen Gesetzbuches, dass Arbeitnehmer unter Fortzahlung der Bezüge von der Arbeitspflicht freizustellen sind, wenn der Arbeitnehmer „für eine verhältnismäßig nicht erhebliche Zeit durch einen in seiner Person liegenden Grund ohne sein Verschulden an der Dienstleistung verhindert wird“. Typische Beispiele für einen Anspruch auf Sonderurlaub im Arbeitsrecht sind etwa der Unfall auf dem Weg zur Arbeit, der dringende Arzttermin (der außerhalb der Arbeitszeit nicht möglich ist) oder etwa die gerichtliche Vorladung. Auch bei der Geburt eines Kindes oder bei einem Todesfall sowie der eigenen Hochzeit kann der Arbeitnehmer frei machen, ohne dass es auf seinen Jahresurlaub angerechnet wird oder er eine Gehaltskürzung hinnehmen muss. Nur: „Besteht der gleiche Hinderungsgrund zur gleichen Zeit für mehrere Arbeitnehmer, greift der Paragraph 616 dezidiert nicht“, sagt der AV-Jurist. Als Beispiele gelten winterliche Straßenverhältnisse, Hochwasser oder Bahnstreik: In diesen Fällen obliege es den Arbeitnehmern, ihren Arbeitsweg so zu planen, dass sie trotz dieser Widrigkeiten pünktlich am Arbeitsplatz ankommen. Um nachträglichen Ärger zu vermeiden, rät Wiechel daher, in jedem Fall den Arbeitgeber zu informieren und um Unterstützung zu bitten: Angefangen von kurzfristigen möglichen Urlaubstagen über Freistellung bis hin zu Flexibilisierung von Arbeitszeit oder Arbeitsort. „Auch wer sein Kind während des Kita-Streiks mit zur Arbeit bringen möchte, sollte dies vorab mit Kollegen und Betrieb abklären“, rät Wiechel. lz
Gehälter
Die Gewerkschaften fordern eine höhere Eingruppierung von rund 240000 Beschäftigten bundesweit. Die durschnittliche Einkommensverbesserung läge bei zehn Prozent. Dies lehnen die Kommunen als Arbeitgeber als zu hoch ab. Derzeit erhält eine Erzieherin im fünften Berufsjahr 2768 Euro brutto monatlich. Zum Vergleich: Eine Sachbearbeiterin im Bürgeramt oder ein Feuerwehrmann (Brandmeister) verdienen 2585 Euro brutto im Monat, eine Sachbearbeiterin in der Personalverwaltung oder ein staatlich geprüfter Techniker 2798 Euro brutto monatlich.

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2 Kommentare

  1. Mandy Jungmann

    Man sollte in dieser ganzen Thematik nicht vergessen, dass es hier nicht nur um Anpassung von Gehältern geht – es geht ebenfalls um Verbesserung der Arbeitsbedingungen! Mehr Vorbereitungszeit, um den gestiegenen Anforderungen überhaupt gerecht werden zu können! Es geht um angemessene Eingruppierung bei Arbeitsplatzwechsel, welche bisher mit einer Rückstufung quitiert wurden! Es geht um den Fachkräftemangel und nicht zuletzt um eine adäquate Kinderbetreuung, die sich am Ende ja jedes Elternteil, sowie die Politik (nach außen hin) wünscht. Es machen sich seit Jahren immer mehr Wünsche und Anforderungen an die Erzieher und Sozialarbeiter breit. Das gab es – als ICH in meinem Job angefangen habe – nicht! Da war tatsächlch soweit alles in Ordnung (Hallo D-Mark). Ich arbeite seit 1999 in dieser Branche und bis auf die massiven Anforderungen hat sich nicht viel bewegt – geschweige denn auf meinem Konto… Wir fordern hier keine Utopie, sondern eine Anpassung an Inflation und Anforderungen.

    Der Wert sozialer Arbeit

    Morgens um 9.00 Uhr… Ein riesiger Auflauf an Menschen – Rasseln, Pfeifen, Rufe, Lieder.
    Nein, wir sind nicht in der Kita, obwohl einem der Lautstärkepegel durchaus bekannt vorkommt.
    Es ist Streik-Tag.
    Da kommen einem so manche Gedanken…
    Ist es nicht unsere Aufgabe, bei den Kindern zu sein? Die Eltern haben schließlich einen Arbeitsauftrag zu erfüllen – handeln wir vielleicht zu egoistisch? Wir werden doch schließlich für unsere Arbeit bezahlt!

    Erlauben wir uns, da etwas in die Tiefe zu gehen. Wie sieht der Tag einer Erzieherin eigentlich aus? Schaut doch meist recht nett aus, wenn man 5 Minuten reinschnuppert, um Hallo, oder Tschüss zu sagen…oder?

    Nun ja… Jeden Tag sind wir zu 100% Ansprechpartner, sogar auf dem Klo:“ Wie lange brauchst duuu? Bist du feertiiig?!“.
    Überhaupt erst auf die Toilette zu gelangen ist manchmal schon ein schweres Unterfangen, denn wenn man mit 15 Kindern alleine im Bewegungsraum ist, dann kann man nicht mal eben alles stehen und liegen lassen und hoffen, dass keiner vom Klettergerüst fällt.

    Jeden Tag umringt von ca. 23 Kindern zu zweit, jedes hat ein eigenes Anliegen, eine eigene Befindlichkeit, eigene Bedürfnisse. Eine Kollegin ist mit Peter auf einer Pipi-Unfall-Odyssee, während die andere Kollegin mit allen anderen allein ist. Olli stürzt. Oh je – liebevoll trösten, Kühlkissen, weiter trösten – evtl. die Eltern telefonisch informieren. Die anderen Kinder? Da wird mit Olli auf dem Schoß nebenbei kommentiert und gehofft, dass nichts Schlimmeres passiert: „Hey, da hinten – es wird nicht gehauen!!“ „Moni, die Fingerfarbe gehört nicht auf den Boden!“ „ „Lulu, du musst nicht weinen, die Mama kommt bald!“
    Im Nachmittagsbereich kommen die Abholsituationen hinzu, über den ganzen Nachmittag verteilt. Fragen wie „ Was hat mein Kind heute gegessen?“, „Mit wem hat es gespielt?“, „ Was gibt es Neues?“, „ Gehen Sie eigentlich auch nochmal zur Feuerwehr?“ – möchten auch noch nebenbei beantwortet werden. Das erfordert teilweise ein Gedächtnis wie ein Elefant, denn bei akuter Reizüberflutung geht das eine oder andere aus Schutzmaßnahmen des Gehirns einfach auch mal flöten.
    Und nicht zu vergessen, der pädagogische Anspruch, den jede Kollegin an sich und ihre Arbeit hat. Lernaufträge, Angebote, Gesprächs- oder Spielkreise. All das wird eingebaut, wo es einzubauen geht – natürlich dabei immer im Blick zu haben: die Bedürfnisse der ca. 23 Kinder.
    In einer durchschnittlichen Vorbereitungszeit von ca. 7, 5 Stunden verteilt auf 2 Kollegen (jeder also ca. 3,25) sind enthalten: Erarbeitung von Angeboten, Dokumentationen, Elterngespräche, Beobachtungen, evtl. Dienstbesprechungen und was sonst noch so anfällt. Ist der Krankenstand erhöht, fällt die Vorbereitungszeit auch gerne mal aus, denn die Kinder betreuen sich schließlich nicht von allein.
    Praktikanten sind eingebunden, wie in fast keiner anderen Berufsgruppe – denn es geht einfach gar nicht anders. Die Hoffnung stirbt zuletzt, dass sie sich trotz jahrelanger, unbezahlter Ausbildung, zu zahlendem Schulgeld und der glorreichen Aussicht auf ein minimales Gehalt bei maximaler Belastung trotzdem für diesen Beruf entscheiden.
    „Ihren Job möchte ich haben – das sieht ja gemütlich aus!“ – kommt von vielen Eltern, wenn man dann, mit den letzten drei Kindern auf der Schaukel liegt und einfach nur mal durchatmet.
    Und was antworten wir? Wir lächeln fröhlich… denn das gehört ebenfalls dazu…
    In Gedanken sind viele zu dem Zeitpunkt ohnehin schon beim Zweitjob, ohne den sie gar nicht über die Runden kommen würden, denn es gibt nicht genug Vollzeitstellen.

    Und unter all den Aspekten stehen wir nun zwischen Erzieherinnen, Erziehern und Eltern, deren Kitas allesamt geschlossen haben und die letzten Bedenken lösen sich in Luft auf.
    Ja:
    UNSERE ARBEIT IST MEHR WERT!

  2. Ohne sie ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie noch weniger möglich. Ohne sie stehen viele Familien vor dem Kollaps – gerade in Zeiten des Kita-Streiks: Ohne Großeltern geht fast gar nichts.