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Internationale Presse im Gericht

ca Lüneburg. Jedes Mal zieht das Grauen in den Gerichtssaal ein, jedes Mal eine Geschichte von Mord und Totschlag, von grenzenloser Unmenschlichkeit. Der Angeklagte hört zu, spürt die Blicke der Überlebenden von Auschwitz und den Vorwurf: „Auch du warst dabei.“ Die Mundwinkel Oskar Grönings sacken durch, die Lippen werden schmaler. Es ist etwas anderes, abstrakt über die Schrecken von Auschwitz zu erfahren, aus der Distanz darauf zu blicken oder wenn alte Menschen im Zeugenstand davon berichten, wie ihre Mütter, Väter, Geschwister ins Gas geschickt wurden. Wohl auch deshalb will der 93-Jährige an einem der nächsten Verhandlungstage noch einmal Stellung nehmen, nachdem er zu Beginn des Prozesses bereits eine moralische Schuld eingeräumt hatte. Sein Anwalt Hans Holtermann sagte in der Ritterakademie: „Grundsätzlich möchte sich Herr Gröning ergänzend äußern.“

Vielleicht kommt dann das, worauf viele der Nebenkläger in dem Prozess warten. Ob Gröning den Satz sagt: „Es tut mir leid, ich trage Mitschuld und bitte um Verzeihung?“ Es wäre ein Satz an die Opfer und an die Welt. Denn dieser Prozess findet ein Echo, das weit über das Verfahren und Deutschland hinausgeht. Am Mittwoch war es erneut deutlich zu beobachten. Die Presseplätze, an vergangenen Tagen eher mäßig besetzt, waren am neunten Verhandlungstag gut gefühlt. Internationale Fernsehteams berichteten aus Lüneburg. Das lag auch daran, dass die 4. Strafkammer die vorerst letzte Holocaust-Überlebende als Zeugin vernahm.

Susan Pollack, die direkt aus London kam, schilderte, wie die Nazis ihre Familie aus Ungarn deportierten. Ihr Vater war schon vorher abgeholt worden, bevor sie mit Mutter und Bruder in einem Viehwaggon ins Konzentrationslager gekarrt wurde. An der Rampe von Auschwitz-Birkenau wurde ihre Mutter in den Tod geschickt. Ihr half eine Lüge, sie sagte, sie sei 15 Jahre alt, das bedeutete im Jargon der SS arbeitsfähig. „Der Terror hat mich aufgefressen“, sagte die 84-Jährige: Mit den anderen habe sie sich ausziehen müssen, alle Haare seien ihnen abgeschoren worden: „Wir bekamen nicht einmal eine Nummer, weil wir entbehrlich waren.“

Sie bekam etwas Brot und Suppe, „Sägespäne und Abwaschwasser“. „Wir nahmen immer weiter ab, konnten nicht mehr richtig denken.“ Regelmäßig habe Dr. Mengele, der Arzt, der in Auschwitz an Menschen tödliche Experimente durchführte, sie vor sich aufmarschieren lassen: „Mit einem Stock schickte er uns in eine oder die andere Richtung.“ Das habe für viele die Gaskammer bedeutet. „Ich hatte keine Gefühle mehr, wir wurden komplett entmenschlicht.“

Vielleicht nach zwei Monaten, genau wisse sie es nicht mehr, sei sie in die Nähe von Guben gekommen. Sklavenarbeit. In einem Betrieb musste Susan Pollack Instrumente prüfen. Dort sei das Essen etwas besser und mehr gewesen, es kehrte ein wenig Kraft zurück. Ende 1944 ging es weiter. Die Alliierten marschierten vor, die Nazis trieben KZ-Häftlinge ins „Reich“, im Irrglauben, Spuren verwischen zu können.

Für Susan Pollack begann ein Todesmarsch von Guben nach Bergen-Belsen in der Heide: „Wir wurden behandelt wie Tiere.“ Schlimmer. Unterwegs seien Häftlinge an Entkräftung verendet oder von den Wachmannschaften erschossen oder erschlagen worden, weil sie nicht mehr weiterlaufen konnten. Gestartet sei man mit Tausenden, Bergen-Belsen erreichen nur ein paar Hundert.

„Wir kamen an den Ort des Todes. Haufen, Berge von Leichen. Es war dreckig, Seuchen grassierten.“ Typhus, Tuberkulose, Infektionen. Am 15. April 1945 habe die britische Armee das Lager befreit. „Ich konnte nicht mehr gehen, bin gekrochen. Aber die Soldaten sahen, dass ich mich noch bewegte, so kam ich in ein provisorisches Krankenhaus.“

Sie überlebte. Ging nach Schweden, später mit ihrem Mann, auch ein Überlebender, nach Kanada und England. Mehr als 50 Familienangehörige seien in den Lagern der Nationalsozialisten umgekommen. Ihren Bruder habe sie nach zwanzig Jahren wiedergefunden. Ein gebrochener Mann. Er habe in Auschwitz die verkrampften Leichen aus den Gaskammern holen und ins Krematorium schaffen müssen, wo sie verbrannt wurden. „Er hat immer gehofft, dabei niemanden aus der Familie zu entdecken.“

Auch sie trage ein Leben lang an den Schrecken. Sie habe sich in der Telefonseelsorge und in einem Hospiz engagiert: „Das war meine Therapie.“ Sie arbeite auch heute noch mit jungen Leuten zusammen, erzähle aus ihrem Leben: „Ich habe keine Gräber, an denen ich trauern kann; meine Eltern, meine Familie sind Asche.“ Deshalb gehe sie in Schulen: „Es ist notwendig, die Erinnerung weiterzutragen.“ Nur so könne ein Zeichen gesetzt werden gegen Tyrannei, Rassismus, Judenfeindlichkeit.

Wie andere vor ihr, dankte sie, dass der Prozess stattfindet. Deutschland sei eine beispielhafte Demokratie. Auch solche Sätze setzen Zeichen.

An den kommenden Pro­zesstagen haben Gutachter das Wort. Dann geht es unter anderem um die Wirkungsweise von Zyklon B, dem Gas, mit dem die SS Juden vergaste.