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Das Handorfer Hooligan-Opfer Malte K. wird die Gerichtskosten in Bielefeld bezahlen. Der Weiße Ring spricht von Traumatisierung und kämpft weiter. Symbolbild: A./be
Das Handorfer Hooligan-Opfer Malte K. wird die Gerichtskosten in Bielefeld bezahlen. Der Weiße Ring spricht von Traumatisierung und kämpft weiter. Symbolbild: A./be

Landgericht Bielefeld: Handorfer Hooligan-Opfer gibt auf

rast Lüneburg. Er ist das Opfer, wurde lebensgefährlich verletzt und wird dennoch vom Landgericht Bielefeld, das den Täter zu einer hohen Strafe verurteilt hat, für Prozesskosten zur Kasse gebeten. Fünf Monate, nachdem sich Malte K. aus Handorf und seine Mutter mit Hinweis auf das nordrhein-westfälische „Gesetz über Gebührenbefreiung, Stundung und Erlass von Kosten im Bereich der Rechtspflege“ aus dem Jahre 1969 ans Landgericht gewendet hatten und eine Streichung der Geldforderung forderten, erhielten die beiden jetzt Post von Dr. Günter Schwieren, Präsident des Bielefelder Landgerichts, Tenor: Von den ursprünglich geforderten 2969,28 Euro seien nur noch 2513,28 Euro zu zahlen, ansonsten lehne er den Erlass der Forderung ab.

Nach Erhalt des Schreibens hat Malte K. aufgegeben, er will keine weiteren Schritte einleiten. Warum, das erläuter Gerhard Hoene, Leiter der Lüneburger Außenstelle der Opferhilfeorganisation Weißer Ring, in einem gestern herausgegangenen Schreiben an Dr. Schwieren so: „Herr Malte K. ist vor allem durch die völlig ausgebliebene Unterstützung durch Ihr Gericht und die unvorstellbare und nicht begründbare Dauer der Bearbeitung seines Antrags erneut so traumatisiert worden, dass er auf Rechtsmittel gegen den ethisch nicht verständlichen Bescheid verzichtet.“ Der Weiße Ring, der K. bereits seit Mai 2012 betreut, kämpft aber weiter, fordert eine Neuberechnung „der fehlerhaften Kostenforderung“.

Die Vorgeschichte: Die Bremen-Anhänger Malte K. (29) und Sebastian W. (31) aus Hamburg waren am 5. Mai 2012 nach der Drittliga-Partie zwischen Arminia Bielefeld und Werder Bremen II in Bielefeld von Hooligans überfallen und schwer verletzt worden. Nach der brutalen Attacke mit Tritten gegen die Köpfe schwebte K. in Lebensgefahr. Das Bielefelder Landgericht hatte den Haupttäter Phillip G. zu vier Jahren und zehn Monaten Haft verurteilt, zudem zur Zahlung eines Schmerzensgeldes in Höhe von 38000 Euro. Doch Malte K. hat wie auch Sebastian W. bislang keinen Cent gesehen. Denn der Täter ist mittellos, kann auch nicht für die Prozesskosten aufkommen. So bekamen K. und W. Rechnungen vom Gericht zugeschickt, zusammen über knapp 4000 Euro. Alleine der Handorfer sollte 2969,28 Euro zahlen, wobei das Schreiben den Hinweis enthielt, das Geld könne er sich später ja vom Täter zurückholen.

Dass ein Opfer zahlen soll, sorgte nicht nur bei Lüneburger Juristen, auch bei Niedersachsens Justizministerin Antje Niewisch-Lennartz für Unverständnis (LZ berichtete). Die Gerichtsforderung bezieht sich auf das an den Strafprozess angekoppelte Adhäsionsverfahren, bei dem es um das Schmerzensgeld ging. Hier hat das Landgericht jetzt zwar die „angefallene“ reine Gerichtsgebühr von 465 Euro gestrichen. Dazu schreibt Schwieren: „Ich habe mich insoweit der Auffassung angeschlossen, wonach für die Gerichtsgebühr ausschließlich der verurteilte Angeklagte haftet und nicht auch der Adhäsionskläger.“ Das Gericht will aber 954,38 Euro für die Prozesskostenhilfevergütung und 1558,90 Euro für den Lüneburger Rechtsanwalt sehen, der Malte K. in dem Adhäsionsverfahren beigeordnet war.

Bei den 1558,90 Euro legt Hoene jetzt sein Veto ein, denn die Mutter von Malte K. habe dem Gericht bereits im November 2014 schriftlich mitgeteilt, dass dieser Anwalt bereits 2013 „für diese Bemühungen mittelbar von Herrn K. 2286 Euro erhalten hat“. Warum solle er für seine Arbeit zweimal bezahlt werden? Hier fordert Hoene nun die Korrektur der Rechnung. Mit seiner Kritik an „fragwürdigen Regelungen der Justiz“ hat sich Hoene jetzt auch an den nordrhein-westfälischen Justizminister Thomas Kutschaty gewandt, auch hier macht er deutlich: „Herr K. verzichtet aus Angst um eine weitere Traumatisierung durch offensichtlich erneute Bearbeitungslänge auf die Einlegung von Rechtsmitteln.“

Das Geld zur Begleichung einer Gerichtsrechnung haben K. und W., denn Fans und Vereine spendeten anlässlich der Pokal-Partie im März 2015, als Drittligist Bielefeld den Bundesligisten Bremen 3:1 abfertigte, 12810 Euro für das Duo das aber will davon nur den Part für die Gerichtskosten haben, der Rest soll als Spende an den Weißen Ring gehen.