Aktuell
Home | Lokales | Rückschnitt an der Elbe: Ein Ausgleich mit Tücken
Die ersten Rückschnittmaßnahmen in prioritären Lebensräumen wie hier in Barförde sind 2014 erfolgt, nun geht es um die Frage, wie und vor allem wo der Schaden an der Natur ausgeglichen wird. Foto: A./kre
Die ersten Rückschnittmaßnahmen in prioritären Lebensräumen wie hier in Barförde sind 2014 erfolgt, nun geht es um die Frage, wie und vor allem wo der Schaden an der Natur ausgeglichen wird. Foto: A./kre

Rückschnitt an der Elbe: Ein Ausgleich mit Tücken

off Lüneburg. „Ein schlechter Scherz“, vermutete Walmsburgs Ortsvorsteher Wilhelm Kastens. „Völlig unverständlich“, dachte Deichhauptmann Hartmut Burmester. Tatsächlich ist das, was Stefan Bartscht vom Landkreis Lüneburg bei den jüngsten Deichschauen sowie im Umweltausschuss des Kreises zu berichten hatte, EU-Recht und das verlangt, dass für jeden Baum, der im Deichvorland zugunsten des Hochwasserschutzes gefällt wird, mindestens zwei neue gepflanzt werden. Nicht an den Nebenflüssen der Elbe, wie Bartscht gehofft hatte. Seit den jüngsten Untersuchungsergebnissen steht fest: „Die Kohärenzmaßnahmen können eigentlich nur in unmittelbarer Nähe an der Elbe erfolgen.“ Eine Forderung, die selbst den Landkreis auf die Barrikaden bringt.

Lange waren die konkreten Bedingungen für einen Ausgleich des Rückschnittes in besonders geschützten Elbvordeichgebieten dem sogenannten prioritären Lebensraum unklar. Dann beauftragte das niedersächsische Umweltministerium (MU) einen Gutachter mit der Bewertung der Situation, der prüfte auf Basis der FFH-Richtlinie und kam zu dem Schluss: Um die beim Rückschnitt zerstörten Silberweiden-Auwälder wiederherzustellen, müssen die Kohärenzmaßnahmen in einem Verhältnis von 1:2,17 erfolgen. „Eine Nachpflanzung an Nebenflüssen ist laut Gutachter kaum möglich, weil dort die Standortvoraussetzungen nicht erfüllt sind.“ So seien Silberweiden zum Beispiel auf regelmäßige Überflutungen angewiesen. „Und die gibt es fast nur an der Elbe“, sagt Bartscht.

Die ersten Rückschnittmaßnahmen in prioritären Lebensräumen zwischen Vietze (Lüchow-Dannenberg) und Barförde (Landkreis Lüneburg) sind 2014 erfolgt. „Und zwar nachdem wir die EU-Kommission bei einem Besuch in Brüssel darüber unterrichtet haben“, sagt Bartscht. Nach FFH-Recht hätte eigentlich erst zurückgeschnitten werden dürfen, „nachdem die Kohärenzmaßnahmen erfolgreich umgesetzt wurden“. Doch weil man auch in Brüssel beim nächsten Hochwasser Gefahr für Leib und Leben fürchtete, gab die EU-Kommission grünes Licht für den sogenannten „vorgezogenen Maßnahmenbeginn“.

Auf insgesamt 15,5 Hektar ist der Rückschnitt 2014 erfolgt. „Wenn wir dafür die geforderten Kohärenzmaßnahmen schaffen, müssten wir mehr als 33 Hektar nachpflanzen“, sagt Bartscht. Das eigentliche Ziel den Hochwasserschutz zu verbessern würde damit zumindest in Teilen konterkariert. „Das heißt, von dem 7-bis-8-Zentimeter-Effekt, auf den wir durch den Rückschnitt stellenweise hoffen, würde ein Teil durch die Neuanpflanzungen wieder zunichte gemacht.“ Für den Fachdienstleiter „nicht zu verantworten“. Und deswegen weigert er sich, die Kohärenzmaßnahmen umzusetzen.

Das Umweltministerium in Hannover hingegen sieht ausgerechnet die Landkreise Lüneburg und Lüchow-Dannenberg in der Verantwortung für die Umsetzung der Kohärenzmaßnahmen, hat Anfang Februar extra einen klarstellenden Erlass dazu verschickt. Nun hat Bartscht Anfang März seinerseits ein Schreiben an das MU geschickt, in dem er klarmacht: „Stellt sich heraus, dass trotz intensiver Suche nicht zu 100 Prozent ein funktionaler Ausgleich eines Eingriffes erfolgen kann, ohne andere Schutzgüter zu gefährden, (…) muss die Möglichkeit bestehen a) auf die Kohärenzmaßnahme ganz oder teilweise zu verzichten b) und/oder den Maßstab für die Kohärenzmaßnahmen auf das Umsetzbare anzupassen“.

Auf eine Antwort des Ministeriums wartet Bartscht nach wie vor. Auf LZ-Anfrage heißt es in einer gemeinsamen Stellungnahme von MU und dem niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft und Küstenschutz (NLWKN): „Die Entscheidung, welche Maßnahmen vor Ort zielführend sind, ist im Einzelfall zu treffen.“ Man sei allerdings überzeugt, dass Hochwasserschutz und Naturschutz miteinander vereinbar seien. „Zu den in diesem Zusammenhang vom Landkreis Lüneburg als klärungsbedürftig angesehenen Fragen ist ein Gespräch mit dem Landkreis geplant.“ Dazu seien allerdings noch Vorklärungen erforderlich. „Ein konkreter Termin steht daher noch nicht fest.“