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Brunhilde Steinhauer und ihr Rollator sind ein eingespieltes Team, der Einstieg in den Bus bereitet der 79-Jährigen beim Rollator-Training des Bleckeder Seniorenbeirates keine Probleme mehr. Foto: off
Brunhilde Steinhauer und ihr Rollator sind ein eingespieltes Team, der Einstieg in den Bus bereitet der 79-Jährigen beim Rollator-Training des Bleckeder Seniorenbeirates keine Probleme mehr. Foto: off

Freiheit auf Rädern — Senioren trainieren mit Gehwagen

off Bleckede. Er begleitet sie, egal wo sie hingeht. Zuhause auf dem Weg vom Wohnzimmer in die Küche, in Bleckede beim Bummel durch die Innenstadt, beim Arzttermin oder einem Kaffeetreff mit Freundinnen. Seit acht Jahren sind Brunhilde Steinhauer und er unzertrennlich, „das ist mein bester Freund“, sagt die 79-Jährige. Auch bei der Veranstaltung des Seniorenbeirates Bleckede ist er an ihrer Seite, mit ein paar Trainingsübungen will sie das Zusammenleben mit ihm noch harmonischer machen. Doch viel kann Brunhilde Steinhauer im Umgang mit ihm nicht mehr lernen. Sie und ihr Rollator sind ein eingespieltes Team.

Anders Lisa Albers. Die 76-Jährige geht bisher noch ohne Rollator durchs Leben und sie gibt beim Blick auf die anderen Seniorinnen mit ihren Gehwagen offen zu: „Es fällt mir schwer, mir einen anzuschaffen.“ Den Trainingsnachmittag des Seniorenbeirates möchte sie nutzen, um reinzuschnuppern, sich verschiedene Modelle anzuschauen und mal auszuprobieren, „wie sich das mit so einem Wagen anfühlt“. Der Vorteil eines eigenen Rollators: „Ich könnte mich jederzeit hinsetzen.“ Seit einiger Zeit falle es ihr immer schwerer, längere Zeit zu stehen. Warum sie sich dann scheut, einen eigenen Gehwagen anzuschaffen? Sie überlegt kurz, bevor sie einmal tief durchatmet und sagt: „Weil man dann auf einmal alt ist.“ Ihre Sitznachbarin nickt. Ein Gefühl, mit dem die Barskamperin Lisa Albers offenbar nicht allein ist.

Das Rollatortraining vor dem Elbtalhaus nutzen insgesamt ein knappes Dutzend Frauen und ein Mann, mit den Gehwagen haben die meisten von ihnen bereits ihre ganz eigenen Erfahrungen gemacht. Bei den verschiedenen Übungen haben alle Anfänger und Profis Gelegenheit, sich selbst zu überprüfen, besonders schwierige Situationen zu üben. Holger Denecke vom Personentransportunternehmen Kraftverkehr GmbH (KVG) trainiert das richtige Einsteigen in den Bus, der Präventionsbeauftragte der Polizei, Uwe Schröder, gibt Tipps zum sicheren Umgang mit dem Rollator im Straßenverkehr, zur richtigen Höheneinstellung und Gehhaltung, ein Team der Alten Apotheke stellt verschiedene Modelle und Zusatzteile vor. Henny Klinge macht alles mit und stellt dabei immer wieder klar: „Wer diese Dinger erfunden hat, hat heute noch eine Medaille verdient.“

Die 82 Jahre alte Bleckederin hat ihren ersten Rollator angeschafft, „da war meine Enkeltochter zwei“, sagt sie, „inzwischen ist sie 13.“ Die ersten Jahre sei sie mit ihrem Mann nur „im Doppelpack“ rumgefahren, heute ist sie meistens allein unterwegs. Oder besser: mit ihrem vierrädrigen Begleiter, „der dritte übrigens“. Auf viel Schnick-Schnack an ihrem Rollator verzichtet Henny Klinge. Vier Räder, Bremse, Sitzfläche, Korb, ein Standardmodell, mit dem die Bleckederin gut zurechtkommt. Dass der Markt weit mehr hergibt vom ultraleichgewichtigen Sportmodell bis zu Extras wie LED-Leuchten, Schirmhalter und extra breiten Geländereifen „schön und gut“, sagt Henny Klinge. „Ich bin glücklich mit meinem Wagen. Und solange der läuft, bleibt er.“

Auch Brunhilde Steinhauer hat keinen Luxus-Begleiter, „nur die Reifen sind besondere, weil ich es mit der Wirbelsäule habe“, sagt sie. Für Zuhause hat sie sich außerdem ein zweites, dreirädriges Modell angeschafft, „eine Art Sportwagen, besonders wendig“, erklärt die Barskamperin. Und auch „wenn die Dinger oft umständlich sind“, das Laufen damit Übung erfordert, ein Leben ohne Rollator kann sie sich schon lange nicht mehr vorstellen. Brunhilde Steinhauer geht es wie Henny Klinge: Sie verdankt dem Rentnerporsche ihre Mobilität. „Und die weiß man erst so richtig zu schätzen, wenn sie nicht mehr selbstverständlich ist“, sagt sie.

Eine Erfindung aus Schweden

Der Rollator ist eine schwedische Erfindung aus dem Jahr 1978. Aina Wifalk, aufgrund von Kinderlähmung selbst gehbehindert, wollte sich das Leben ein bisschen leichter machen und baute sich eine Krücke mit Rädern. Über den schwedischen Entwicklungsfonds nahm sie schließlich Kontakt mit einer Firma auf, die einen Prototyp fertigte. In Deutschland gibt es die Gehhilfen seit Anfang der 1990er-Jahre, anfangs war sie verpönt, wurde entsprechend verspottet. Doch seit einigen Jahren boomt die Branche, immer mehr Modelle für immer mehr Gelegenheiten kommen auf den Markt. Bei der Polizei kann man sich seinen Rollator zum Schutz vor Diebstahl inzwischen sogar kodieren lassen – ein kostenloser Service, den auch die Polizei im Landkreis Lüneburg anbietet.