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Lüneburger NS-Prozess: Widerspruch in Gröning-Aussagen

ahe/dpa Lüneburg. Im Auschwitz-Prozess vor dem Landgericht Lüneburg hat heute jener Richter ausgesagt, der das erste Verfahren gegen den nunmehr erneut angeklagten Oskar Gröning in Frankfurt geführt hatte. Danach habe Gröning im damaligen Prozess ausgesagt, dass es im Konzentrationslager sehr wohl Wochendienstpläne gegeben haben soll und er selbst damals 24-Stunden-Schichten an der Rampe geleistet habe. Das widerspricht der Erklärung, die der 93-jährige Gröning zu Beginn des Prozesses in Lüneburg gegeben hatte. Im Verfahren sollen nun noch vor allem Gutachter angehört werden, nachdem an den ersten Prozesstagen überwiegend Holocaust-Überlebende und Angehörige ausgesagt hatten. Gröning wird Beihilfe zum Mord in mindestens 300 000 Fällen während der sogenannten Ungarn-Aktion im Sommer 1944 vorgeworfen.

Sorge bereitet weiterhin Grönings Gesundheitszustand. Die Schwäche ist dem 93-Jährigen anzusehen. Er wirkt kraftlos, Sanitäter sitzen hinter ihm. „Wegen der angegriffenen Gesundheit des Angeklagten stellt das Gericht sich darauf ein, dass der Prozess länger dauern könnte“, sagt Landgerichtssprecherin Frauke Albers der Deutschen Presseagentur. Nach bisheriger Planung sollte ein Urteil am 29. Juli fallen. Derzeit würden sicherheitshalber aber Termine bis Ende November abgestimmt.

Am 7. Mai ist Gröning das erste Mal dem Prozess ferngeblieben. Das Gericht sieht „keine Anhaltspunkte für Simulationstendenzen“, beauftragt aber einen Arzt. Der hält Gröning für verhandlungsfähig, mit Einschränkungen. Seitdem soll nur noch höchstens drei Stunden am Tag verhandelt werden. Doch schon am vergangenen Mittwoch muss der für Donnerstag angesetzte Verhandlungstermin erneut aufgehoben werden: Wieder kommt der Prozess wegen einer Erkrankung des Angeklagten nicht voran. Weitere Angaben zum Gesundheitszustand Grönings werden nicht gemacht.

Gröning, der auch als „Buchhalter von Auschwitz“ bezeichnet wird, hat gestanden, während der „Ungarn-Aktion“ im Sommer 1944 Geld aus dem Gepäck der Verschleppten gezählt und nach Berlin weitergeleitet zu haben. Am ersten Tag des Prozesses hat er sich zu seiner moralischen Mitschuld bekannt.

Doch wie geht es weiter, wenn Gröning krank bleibt? Sollte ein Arzt ihn für verhandlungsunfähig erklären, so gibt es drei Möglichkeiten. Bei einer Dauer von bis zu drei Wochen könne der Prozess ohne größere Folgen vorübergehend unterbrochen werden, sagt Gerichtssprecherin Frauke Albers. Dauert die Unterbrechung aber länger, so muss alles von vorn beginnen, auch die Zeugen müssten erneut aussagen. Doch auch das endgültige Aus ist denkbar. Albers: „Stellt sich im Laufe eines Prozesses die dauerhafte Verhandlungsunfähigkeit eines Angeklagten heraus, so stellt das Gericht das Verfahren gegen ihn endgültig ein.“

„Herr Gröning will sich dem Verfahren sicher nicht durch Flucht in Krankheit entziehen“, sagt Hans Holtermann, der Verteidiger des Angeklagten. „Ihm ist daran gelegen, den Prozess zu einem ordnungsgemäßen Abschluss zu bringen.“

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