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Je mehr, desto besser: Mehrbildkarten mit vielen Abbildungen sind der Klassiker unter den Ansichtskarten und erfreuen sich auch heute noch großer Beliebtheit. Karte: Schöning-Verlag
Je mehr, desto besser: Mehrbildkarten mit vielen Abbildungen sind der Klassiker unter den Ansichtskarten und erfreuen sich auch heute noch großer Beliebtheit. Karte: Schöning-Verlag

Grüße aus dem schönen Lüneburg — Ansichtskarte vs. digitale Konkurrenz

us Lüneburg. Schnell noch eine SMS vom Kurzbesuch im „schönen Lüneburg“ an die Lieben zuhaus, vielleicht sogar ein Foto dazu, am besten gleich ein Selfie mit Freund oder Freundin vor der malerischen Kulisse am alten Kran oder den Backsteingiebeln am Sand. Kaum zählbar sind die vielen elektronischen Grüße, die Tag für Tag aus Lüneburg per Smartphone-Klick in alle Welt verschickt werden. Doch es geht auch anders. Allen Unkenrufen zum Trotz behauptet sich die gute alte Ansichtskarte nach wie vor gegen die inzwischen übermächtige digitale Konkurrenz und kann auch heute noch auf kleine wie auf große Anhänger setzen.

„Eine SMS senden kann jeder, aber eine Karte ist immer etwas Persönliches. Da muss man sich hinsetzen und sich etwas Zeit nehmen für den Text, das geht nicht zackzack“, sagt Heiko Armbrecht. Seit vielen Jahren verkauft der Lüneburger Geschäftsmann Ansichtskarten in seinem Tabakwaren- und Zeitschriftenladen am Sand, vor seinem Geschäft locken Ständer mit den verschiedensten Motiven die Passanten.

„Touristen wollen die klassische Ansichtskarte“, weiß auch Andreas Grzywatz, der seine Karten An der Münze verkauft. Beliebt seien vor allem sogenannte Mehrbildkarten im Standard-Postkartenformat, auf denen meist vier bis fünf verschiedene Aufnahmen mit Motiven der Stadt zusammengestellt sind. „Oft sind es Kinder, die ihren Großeltern einen Gruß aus Lüneburg schicken, aber auch die Älteren kaufen sie noch gern.“ So auch das Ehepaar Thormann aus Neuenhagen bei Berlin, das wegen der Roten Rosen nach Lüneburg gekommen ist. „Es ist doch viel schöner, wenn die Daheimgebliebenen eine Postkarte bekommen. Aber schreiben muss meine Frau“, sagt der Brandenburger schmunzelnd.

Hervorgegangen ist die Ansichtskarte gegen Ende des 19. Jahrhunderts aus der amtlichen Postkarte, die als frühere Correspondenzkarte ihre offizielle Bezeichnung im Jahr 1872 erhielt. Diese war eine zumeist schlichte Karte ohne Abbildungen, im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 erlangte sie als „Feld-Correspondenzkarte“ der Frontkämpfer Bedeutung für ihre Angehörigen in der Heimat. Rund 10 Millionen Mal wurde sie in den beiden Kriegsjahren verschickt. Die Ansichtskarte setzte sich durch, nachdem neue Druckverfahren wie die Chromolithografie es ermöglichten, große Mengen der mit farbigen Abbildungen versehenen Karten kostengünstig herzustellen. Ansichtskarte durfte sie sich aber nur nennen, wenn sich die Abbildung auf der Rückseite der Karte befand, waren Bilder vorn aufgedruckt, galt sie als Bildpostkarte.

Betrug der Anteil der Postkarten laut Wikipedia-Aufstellung im Jahr 1875 mit rund 60 Millionen Exemplaren noch 11 Prozent des gesamten Brief- und Postkarten-Aufkommens in Deutschland, lag er im Jahr 1900 mit rund 950 Millionen Exemplaren bereits bei 36 Prozent, knapp die Hälfte davon waren Ansichtskarten. Doch Telefon und später die digitalen Medien sorgten für einen raschen Absatzschwund. Zwar wurden 2006 immer noch rund 225 Millionen Post- und Ansichtskarten verschickt, ihr Anteil am gesamten Briefaufkommen aber ist heute mit nur noch etwa einem Prozent eher bedeutungslos geworden.

Der Markt für Ansichtskarten kann immer noch ein einträgliches Geschäft sein. Allein der Lübecker Schöning-Verlag, spezialisiert auf Ansichtskarten, Reiseliteratur und Kalender, setzt in Deutschland pro Jahr 25 Millionen Ansichtskarten ab, 80 Prozent davon als Mehrbildkarten. „Bilder tragen dazu bei, eine Geschichte erzählen zu können, das schätzen die Touristen“, sagt Geschäftsführer Boris Hesse.

Auch für die Lüneburger Tourist-Information am Markt sind Ansichtskarten ein wichtiges Produkt im breit gestreuten Souvenir-Sortiment. Rund 1000 Karten gehen allein von den Foto-Ansichtskarten pro Monat über den Tresen, wie Leiterin Judith Peters berichtet. Hinzu kommen sogenannte Kunstkarten mit Motiven meist regionaler Künstler. Eine davon ist die Lüneburgerin Karin Greife, die sich vor einem Jahr mit der Produktion von Ansichtskarten selbstständig gemacht hat. Ihre selbstgemalten Bilder sind farbenfrohe Ansichten der bekanntesten Motive der Hansestadt, die sie in unterschiedlichen Maltechniken anfertigt. „Ich produziere sie auch selbst und biete sie den Geschäften an“, sagt die umtriebige Lüneburgerin, die aber auch andere Städte im Repertoire hat.

Während Kunstkarten von Karin Greife oder Swantje Crone eher von Jugendlichen und Studenten bevorzugt werden, wie Christine Herda von der Buchhandlung Lünebuch weiß, werden die gängigen Ansichtskarten stets von den Rote-Rosen-Touristen geschätzt. Während der Geschmack also variiert, ist für die Buchhändlerin eines klar: „Ansichtskarten gehen immer.“