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Woher soll man wissen, wie Kamm geschrieben wird, wenn man noch nicht einmal die Sprache kennt. Ilka Arndt, Lehrerin der Sprachlernklasse an der Heiligengeistschule, hilft durch Anschauung. Foto: t&w
Woher soll man wissen, wie Kamm geschrieben wird, wenn man noch nicht einmal die Sprache kennt. Ilka Arndt, Lehrerin der Sprachlernklasse an der Heiligengeistschule, hilft durch Anschauung. Foto: t&w

Land setzt nicht auf Erfolgsmodell

us Lüneburg. Die Sprachlernklasse an der Heiligengeistschule platzt aus allen Nähten. Vor einem Dreivierteljahr wurde sie eingerichtet, um Flüchtlingskindern im Grundschulalter erste Sprachkenntnisse für ihren Schulbesuch zu vermitteln. Das Problem: Sie ist die einzige ihrer Art im Landkreis Lüneburg, in dem aktuell 71 Flüchtlingskinder im Grundschulalter leben. Ausgelegt ist die Klasse nur für maximal 16 Schüler. Und das Land Niedersachsen hat bereits weitere Flüchtlinge angekündigt. Entspannung ist nicht in Sicht. Das Kultusministerium hat zwar weitere Sprachlernklassen im Landkreis eingerichtet, nicht aber für den Grundschulbereich.

„Sprachlernklassen sind lediglich ein Element aus dem Baukasten der Schulen zur Sprachförderung“, erklärt Sebastian Schumacher, Pressesprecher des Kultusministeriums. „Nicht für jeden Schüler muss sie die ideale Lösung sein, andere Sprachfördermaßnahmen können vielleicht sogar besser und effektiver zum Ziel führen: Sprachbarrieren abzubauen, damit die Kinder am Regelunterricht teilnehmen können.“ So gebe es Förderkurse Deutsch als Fremdsprache, Förderunterricht, Förderstunden oder auch integrative Sprachfördermaßnahmen.

Mit 23 Unterrichts-Wochenstunden sind aber die Sprachlernklassen, in denen die Schüler in der Regel bis zu einem Jahr verweilen, die gegenwärtig intensivste Form der Sprachvermittlung (LZ berichtete). Die Erfolgsquote ist entsprechend hoch, Lehrer sind zumeist voll des Lobes, selbst die Landesschulbehörde äußerte sich durchweg positiv über die Arbeit der Heiligengeistschule. Zwar gibt es weitere Sprachlernklassen an der Oberschule am Wasserturm und der Christianischule, ebenso an der IGS Embsen. Außerdem wurden drei Sprachförderklassen an der BBS II in Lüneburg eingerichtet. Alle diese Klassen sind aber nur für Schüler des Sekundarbereichs I und nicht für Grundschüler vorgesehen.

Neben Lüneburg dürfen auch Adendorf, Bardowick, Reppenstedt und Vögelsen ihre Flüchtlingskinder in die Sprachförderklasse der Heiligengeistschule schicken, obwohl allein Lüneburg es bereits jetzt schon auf 15 förderwürdige Grundschüler bringt, Tendenz steigend ein Umstand, auf den die Stadt auch in Hannover mit Nachdruck aufmerksam machen will, wie Lüneburgs Bildungsdezernentin Pia Steinrücke kürzlich erklärte.

Dass die vier Nachbargemeinden überhaupt Zugang zur Sprachlernklasse in Lüneburg haben, erklärt das Kultusministerium so: „Der Landkreis Lüneburg als Träger der Schülerbeförderung hat in diesem Fall bestimmt, aus welchen Samtgemeinden die Kinder kommen. Und hier hat er dann die geografisch näher liegenden Samtgemeinden ausgewählt.“
Der Erste Kreisrat Jürgen Krumböhmer allerdings bewertet die Fakten anders: „Nicht der Landkreis entscheidet, wer welche Schule besuchen darf, sondern die Landesschulbehörde.“ Zwar bekräftigt Krumböhmer, nicht die Transportkosten seien das Kriterium bei der Auswahl gewesen, räumt aber ein, sich bei der Festlegung für die Lüneburg nahen Gemeinden ausgesprochen zu haben. Im Übrigen favorisiere der Kreis eine dezentrale Sprachlernklasse.

Ob es eine solche in absehbarer Zeit geben wird, ist eher unwahrscheinlich. Das Kultusministerium sieht gegenwärtig anscheinend keinen Handlungsbedarf. Auch in einigen Gemeinden kommt man mit eigenen Lösungen offenbar gut zurecht. „Wir haben noch nicht darüber nachgedacht, unsere Grundschüler nach Lüneburg zu schicken“, erklärt Helmut Völker, Bürgermeister der Samtgemeinde Amelinghausen. Im Heide-Ort bekommen die betroffenen Schüler jeweils in der ersten Stunde gesonderten Deutschunterricht, „außerdem bleiben sie so im örtlichen Verbund.“ Das sei wichtig für Sprachbildung und Integration. Ebenso in Bleckede: „Wir haben zurzeit zwei Flüchtlingskinder, die wie in Amelinghausen in der ersten Stunde in Deutsch unterrichtet werden. Beide können dem Unterricht inzwischen gut folgen“, erklärt Schulleiterin Ursula Struzina-Tiggemann.

Die Grundschule Neetze wiederum hätte gern einen Schüler in die Sprachlernklasse nach Lüneburg geschickt. „Das mussten wir wegen des Beschlusses des Landkreises leider ablehnen“, erklärt Barbara Geck, Leiterin der Heiligengeistschule.