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Heiko Kunert ist Geschäftsführer des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg. Anlässlich der Contao-Konferenz in Lüneburg referiert er über Barrierefreiheit im Internet. Foto: bsvh/nh
Heiko Kunert ist Geschäftsführer des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg. Anlässlich der Contao-Konferenz in Lüneburg referiert er über Barrierefreiheit im Internet. Foto: bsvh/nh

Blind, aber doch im Netz

dth Lüneburg. Wie man sich als Blinder im Internet bewegt, wissen die meisten Menschen nicht. Auch die Entwickler von Webseiten nicht. Bei der vom Lüneburger Joe Ray Gregory organisierten zweitägigen „Contao Konferenz 2015“ im Hotel Seminaris, die heute beginnt, wird als einer von 31 Referenten Heiko Kunert sprechen. Der Geschäftsführer des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg referiert vor den Teilnehmern aus dem Entwicklerbereich zum Thema „Blind im Netz Zwischen Freiheit und Barrieren“. Kunert ist seit dem siebten Lebensjahr blind. Im LZ-Interview berichtet er, wofür er als Blinder das Internet nutzt, welche Hilfsmittel er einsetzt und welche Schikanen ihn auf schlecht durchdachten Internetseiten besonders nerven.
Interview

1Die meisten Menschen erfreuen sich im Internet an Katzen- und Pannenvideos, Pornos, Online-Shops, sozialen Netzwerken und Nachrichten. Wofür nutzen Sie das Internet?
Heiko Kunert: Videos sind natürlich tendenziell nicht so mein Ding, es sei denn, es wird darin viel gesprochen, Katzenvideos sind also raus. Primär nutze ich das Internet zur Kommunikation im Bereich Social Media, zum Beispiel audioboom.com oder betreibe meinen Blog blindpr.com. Dann ist es für mich als blinder Mensch eine wichtige Sache, über das Internet eigenständig einkaufen zu können. Im großen Supermarkt brauche ich sonst bei jedem zweiten Regal Hilfe, weil ich nicht weiß, ob in der Dose jetzt Erbsen- oder Hühnersuppe drin ist. Dafür gibt es zwar auch technische Hilfsmittel, das ist aber relativ aufwendig. Und durch die Regale zu stöbern und etwas Neues zu entdecken, ist für mich in einem normalen Supermarkt fast nicht möglich. Deswegen ist Einkaufen im Internet eine große Bereicherung.
Dann nutze ich das Internet natürlich als Informationsquelle, lese die neuesten Infos über meinen HSV und tagesaktuelle Nachrichten. Zeitunglesen ging ja vor zehn, 15 Jahren als Blinder kaum, bis auf wenige Auszüge in Blindenschrift. Jetzt steht mir mit dem Internet auch die ganze Vielfalt an Informationsmöglichkeiten offen.

1Wie kommen Sie an diese Informationen?
Kunert: In der Regel über synthetische Sprachausgabe: Ich kann mir über Apps auf meinem Smartphone Internet-Texte von vorne bis hinten vorlesen lassen. Ich kann aber auch über Gesten die Artikel ansteuern, die mich interessieren, dann werden die Überschriften und Teaser vorgelesen und ich entscheide dann, ob ich weiterklicke. Ähnlich mache ich das auch, wenn ich am PC das Internet nutze. Längere Texte lasse ich mir über die Sprachausgabe vorlesen. Wenn ich mal ein Wort überprüfen will, wenn zum Beispiel die Sprachausgabe einen englischen Begriff auf Deutsch vorliest, kann ich mit der Braillezeile noch einmal nachlesen, wie das Wort geschrieben wird.

1Was ist die Braillezeile?
Kunert: Das ist ein schmales Gerät, so breit wie mein Laptop, das vor meiner Tastatur steht. Da passen 40 Zeilen in Blindenschrift drauf. Wenn ich im Text navigiere, heben und senken sich darin kleine Stifte, die die Blindenschrift-Buchstaben in Sekundenbruchteilen nachbilden.

1Was bedeutet für Sie Barrierefreiheit im Internet?
Kunert: Dass ich mir eigenständig Zugang zu allen angebotenen Inhalten verschaffen und die Funktionen der Internetseite eigenständig nutzen kann. Für mich als blinden Menschen gibt es da bestimmte Anforderungen. Der Inhalt einer Internetseite sollte so aufbereitet sein, dass meine Hilfstechnik ihn auslesen kann. Hinsichtlich der Barrierefreiheit ist es ein grober Schnitzer, wenn beispielsweise eine Info-Broschüre in einem PDF-Dokument nur als eingescanntes Bild hinterlegt ist. Für meine Hilfstechnik ist dann der im Bild enthaltene Text nicht als Text erkennbar. Gleiches gilt für Informations-Grafiken auf einer Internetseite: Wenn nicht in einem Alternativ-Text beschrieben ist, was darauf zu sehen ist, komme ich an die Informationen nicht heran.

1Welche Negativ-Beispiele gibt es noch?
Kunert: Barrieren sind auch bei der Bedienbarkeit besonders schlimm. Sehr unbeliebt sind „Captchas“ (Sicherheitsabfragen, bei denen ein Text durch Bildfilter verzerrt dargestellt wird. Der Nutzer soll dann die Zeichen entziffern und eingeben: Anm. d. Red.). Meine Hilfstechnik kann nicht auslesen, was man da eintippen soll. Im schlimmsten Fall kann ich mich bei irgendeinem Dienst gar nicht erst anmelden, fülle erst ein ganzes Online-Formular aus und scheitere zum Schluss an der Sicherheitsabfrage. Das ist dann sehr frustrierend. Zuletzt wollte ich den Telekom-Hotspot im ICE nutzen und da gab es auch eine Captcha-Abfrage. Wenn ich alleine gereist wäre, hätte ich das nicht nutzen können.
Weitere Hindernisse sind Schaltflächen, die bei der Webseiten-Programmierung im Code nicht beschriftet sind. Dann sagt meine Sprachausgabe einfach nur Schalter und ich kann raten, ob ich jetzt auf „Senden“ oder „Abbrechen“ klicke. Das ist tückisch. Auch die Struktur der Seite ist wichtig, Überschriften müssen als solche markiert sein, sonst kann ich mit meiner Tastatur nicht von einer Zwischenüberschrift zur anderen springen.