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VHS-Dozentin Gabriele Thiem bringt im Scharnebecker Lern-Café Milkiye Alak, Salwa Mohamat und Safyete Aytan (v.l.)  je nach Bildungsstand  Lesen, Schreiben und Deutsch bei. Foto: t&w
VHS-Dozentin Gabriele Thiem bringt im Scharnebecker Lern-Café Milkiye Alak, Salwa Mohamat und Safyete Aytan (v.l.) je nach Bildungsstand Lesen, Schreiben und Deutsch bei. Foto: t&w

Vom Abc bis zur Putzmittelkunde – Im Lern-Café Scharnebeck erhalten Migrantinnen und Flüchtlinge seit fünf Jahren Alltags-Hilfe

off Scharnebeck. Den Anfang macht Annette Piechota im Frühjahr 2010. Gemeinsam mit der Kosovo-Albanerin Valentina Burgazi geht die Mitarbeiterin des Lüneburger Kinderschutzbundes in Scharnebeck auf Werbetour, bei jeder Migrantin, die sie kennen, klingeln die beiden Frauen — und laden sie persönlich zum neuen Lern-Café ein. Vier Frauen nutzen die Chance und treffen sich von da an einmal pro Woche zum gemeinsamen Lernen. Inzwischen gibt es das Projekt von Kinderschutzbund, Volkshochschule (VHS) und dem Scharnebecker Sozialraumträger PädIn seit fünf Jahren. Eine Erfolgsgeschichte.

Die Luft im Raum duftet nach Gebäck, an der Wand hängen Fotos, darüber baumelt ein bunter Schriftzug „Herzlichen Glückwunsch“. Zwölf Frauen aus fünf Ländern sitzen zusammen im Halbkreis. Feierstunde zum Fünfjährigen. Dabei sind die sieben Teilnehmerinnen — fünf Migrantinnen aus Polen und der Türkei sowie zwei Flüchtlinge aus Syrien und dem Sudan –, außerdem Lehrerin Gabriele Thiem von der VHS, PädIn-Chefin in Scharnebeck, Katharina Wortmann-Wanke, und Initiatorin sowie Organisatorin Annette Piechota.

Auf die Idee für das Lern-Café gebracht hat Piechota vor fünf Jahren ihr Job beim Kinderschutzbund. „Bei der Eltern­arbeit mit Migrantenfamilien habe ich mitbekommen, dass viele der Frauen nicht lesen und schreiben können, keine Berufsausbildung haben und sehr isoliert nur für die Familie leben.“ Das Lern-Café sollte ihnen die Möglichkeit bieten, etwas für sich zu tun. Als Frau nur unter Frauen. Im Mittelpunkt steht dabei das Lesen-, Schreiben- und Deutschlernen. Jedes Jahr gibt es außerdem Schwerpunktthemen wie Erziehung, Kinderschutz oder Gesundheit, darüber hinaus regelmäßige Ausflüge in die Umgebung.

Gemeinsam haben Annette Piechota und Gabriele Thiem mit den Teilnehmerinnen unter anderem Grundschule, Kreisbibliothek und Schiffshebewerk erkundet, Salzmuseum, VHS oder Wasserturm. Nach und nach erschließen sich die Frauen die neue Welt, in der sie gelandet sind. Und lernen gleichzeitig die Welten kennen, aus denen die anderen Frauen stammen. „Wenn wir über die Regeln und Gebräuche in Deutschland sprechen, erzählen die Frauen auch aus ihren Heimatländern“, sagt Gabriele Thiem. Und wenn gemeinsam gegessen und getrunken wird, stehen nicht nur deutsche Kuchen auf dem Tisch.

Milkiye Alak kommt seit fast drei Jahren zum Lern-Café, die Kurdin ist mit ihrem Mann 1991 nach Deutschland geflohen und lebt seit dreieinhalb Jahren in Scharnebeck. „Mir hat meine Schwägerin davon erzählt und es ist toll, was wir hier alles erfahren“, sagt sie. Neben „Lesen, Schreiben und Grammatik“ interessieren sie vor allem die Schwerpunktthemen. Vor kurzem habe es zum Beispiel einen Vortrag über die verschiedenen Putzmittel gegeben und dann sei mal eine Kinderpsychologin da gewesen. Auch die Polin Karolina Brzinski ist dankbar für die neuen Impulse, für das Zusammensein mit Frauen, die wie sie in einem fremden Land neu anfangen mussten. „Von mir aus könnte es noch öfter sein“, sagt sie. „Aber zum Glück gibt es auch Arbeit für Zuhause.“

Und nicht nur das: Während der Treffen in den PädIn-Räumen gibt es auch eine Kinderbetreuung, direkt im Nebenzimmer kümmert sich Mitarbeiterin Sarah Freitag um die Kleinen, die vormittags noch nicht zum Kindergarten oder zur Schule gehen. Finanziert wird das Gesamtangebot über das Sozialraumbudget des Landkreises Lüneburg, über Zuschüsse von Gemeinde und Samtgemeinde sowie Teilnehmerbeiträge und Spenden verschiedener Einrichtung wie der Helmut-Bockelmann-Hilfsinitiative aus Scharnebeck.

In den vergangenen fünf Jahren ist das Lern-Café in Scharnebeck zur festen Anlaufstelle geworden, ein Treffpunkt, von dem nicht nur Migrantinnen und Flüchtlinge profitieren. „Auch wir lernen von den Frauen wahnsinnig viel“, sagt Annette Piechota. Ein Gewinn für alle Seiten.

Das Lern-Café öffnet seine Türen immer dienstags von 9.30 bis 12 Uhr, in den Räumen von PädIn, Echemer Straße 5a, Scharnebeck.