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Der Angeklagte Ziad K. (l.) sitzt im Gerichtssaal. Am zweiten Prozesstag hat er eine Erklärung von seinem Verteidiger verlesen lassen. Foto: phs
Der Angeklagte Ziad K. (l.) sitzt im Gerichtssaal. Am zweiten Prozesstag hat er eine Erklärung von seinem Verteidiger verlesen lassen. Foto: phs

Doppelmord in Kaltenmoor, Prozesstag Nr. 2: „Ich habe nur noch rot gesehen“

rast Lüneburg. „Ich gebe zu, meine Nachbarin und meine Ehefrau in unserer Wohnung an der Adolf-Reichwein-Straße 2 mit Messerstichen getötet zu haben.“ Mit den Worten beginnt die Einlassung des wegen Doppelmordes angeklagten Ziad K. (38), die er jetzt vor der 10. Großen Strafkammer am Landgericht von seinem Verteidiger Dr. Steffen Stern verlesen ließ. Allerdings gehe die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklage von falschen Voraussetzungen aus, denn er habe die Taten nicht geplant, Grund sei auch nicht gewesen, dass er die Freundin für die Trennung von seiner Frau und deren Übertritt vom jesidischen zum christlichen Glauben verantwortlich machte, und mit der Tötung seiner Frau sollten nicht die erste Straftat an deren Freundin und seine Flucht verdeckt werden. Der gebürtige Iraker verneinte klar die Mordmerkmale Heimtücke und Verdeckung einer Straftat.

Fast 40 Minuten lang verliest Dr. Stern die Darstellung seines Mandanten, der darin viel auf seine familiären Geschichten, allerdings nur kurz auf den Tattag selbst eingeht: „Ich würde mein Leben dafür geben, wenn ich die Tat ungeschehen machen könnte.“ Die Darstellung des Angeklagten: 2013 haben er und seine Frau (32) ein 150 Meter entfernt wohnendes Paar kennengelernt, er selbst wusste lange nicht, dass die Frau (33) „in der Freikirche ist und Menschen missioniert“. Seine Frau verheimlichte ihm lange, „dass sie den Glauben wechseln, sich vom jesidischen Glauben abwenden wollte“, das erfuhr er erst im Oktober oder November 2014. Sie änderte sich, wurde aggressiv, fühlte sich im Stress und „hatte keine Lust mehr zu kochen und sich um die Kinder zu kümmern“. Einmal wöchentlich ging sie zu einem Psychologen oder Psychiater.

In der Erklärung heißt es weiter: „Dann kam der Tag, an dem sie sich aus heiterem Himmel von mir trennen wollte.“ Nach einem Besuch im Tierpark fragte sie, wie es ihm gefallen habe. Als er antwortete, er habe sich mehr davon versprochen, sagte sie: „Ich gehe“, packte ihre Koffer, während die drei Kinder weinten. Sie zog zu ihrer Mutter in den Kreis Diepholz.

Es gab laut dem Angeklagten etliche Telefonate mit seiner Frau, bei denen er beteuerte: „Die Hauptsache ist, dass sie zu mir und den Kindern zurückkommt. Dass sie keine Jesidin mehr sei, sei für mich kein Problem.“ Schließlich kehrte sie auch nach Lüneburg zurück, war hier aber ständig mit ihrer Freundin unterwegs. Er stellte seine Frau zur Rede, warum sie den Glauben wechseln wollte. Sie sagte, dass Jesiden „Ungläubige seien und an den Teufel glauben“. Er antwortete: „Wenn ich an den falschen Gott glaube, soll Gott mir ein Zeichen geben.“ Darum betete er, doch ein Zeichen erhielt er nicht.

Den Tattag schildert Ziad K. so: In der Nacht lag das Paar wach auf dem Bett und redete. „Ich sollte sie zur Kirche begleiten. Ich wollte alles tun, um die Ehe zu retten.“ Um 10 Uhr gingen sie gemeinsam zur Kirche, während Verwandte auf die Kinder aufpassten. Nach der Kirche sprach er nicht mit der Freundin, ging alleine mit seiner Frau nach Hause und beide diskutierten über den Gottesdienst: „Den hatte ich nicht verstanden.“ Als die Verwandten und Kinder zu Bekannten gingen, fing seine Frau damit an, „dass wir keine gemeinsame Zukunft hätten, wenn ich nicht Christ werde“. Beim Gespräch schrieb die Frau mehrere SMS und plötzlich klingelte es an der Tür. Es war die Freundin: „Ich war darüber wenig begeistert, weil ich nicht wusste, warum ich mich mit ihr über unsere Zukunft unterhalten sollte.“

Das Tatgeschehen schildert K. so: „Beide redeten auf mich ein, Jesiden seien Gottlose.“ Die Freundin provozierte ihn mit Sätzen wie „Die ISIS kann das nur mit Euch machen, weil Ihr Ungläubige seid“, spielte damit auf die Ermordung von Jesiden an. Als der Streit hitziger wurde, forderte er die Freundin auf, die Wohnung zu verlassen und hielt ihr vor, seiner Frau eine „Gehirnwäsche“ verpasst zu haben. „Ich habe ein Messer aus der Küche geholt“, um die Freundin aus der Wohnung zu werfen. Dann kam es zu einem Handgemenge: „Ich habe nur noch rot gesehen und auf sie eingestochen, bis beide tot auf dem Boden lagen.“

Der Prozess wird am 16. Juni fortgesetzt.

Der Tatortbericht
Ein Oberkommissar, der den Tatort besichtigte und seine Erkenntnisse schriftlich festhielt, berichtete dem Gericht von Blutlachen und Blutspritzern überall in der Wohnung und von zwei Fleischermessern in Nähe der Leichen, eines mit einer 21 Zentimeter langen Klinge im Flurbereich, wo die Leiche der Freundin gefunden wurde, und eines mit kürzerer Klinge, das näher an der Frau des Angeklagten lag. Allerdings sei die Wohnung relativ aufgeräumt gewesen: „Es gab keine Hinweise auf ein längeres Kampfgeschehen.“
Der Ermittler widerspricht der Aussage des Angeklagten, dass auch seine Frau bei seinem Verlassen der Wohnung bereits tot war: „Sie war noch ansprechbar“, als die Rettungskräfte eintrafen. Nach seiner objektiven Einschätzung hat sich K. eigens für seine Flucht umgezogen. Auch habe ein Handy in der Wohnung gefehlt und der Stecker zum Festnetzanschluss sei herausgezogen gewesen: „Der Täter wollte verhindern, dass Hilfe gerufen wird.“ Dazu sei auch die Wohnungstür von außen abgeschlossen worden.

 

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