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Entlang der Bahnunterführung am Lüner Weg ziehen sich illegale Graffiti. In Lüneburg wurden im vorigen Jahr 215 Fälle angezeigt. Foto: t&w
Entlang der Bahnunterführung am Lüner Weg ziehen sich illegale Graffiti. In Lüneburg wurden im vorigen Jahr 215 Fälle angezeigt. Foto: t&w

Ist das Kunst oder kann das weg? Stadt kämpft gegen wilde Graffiti

Von Maximilian Matthies
Lüneburg. Häuserfassaden, Brücken, Lärmschutzwände, historische Wallanlagen, Brunnen: Sie machen vor nichts halt. Eine Spur von wilden Graffiti, Schriftzügen, Symbolen und politischen Parolen zieht sich kreuz und quer durch Lüneburg. Ob Hauseigentümer, Bahn oder die Hansestadt, sie führen ein endlosen Kampf gegen Sprayer, und sie zahlen reichlich drauf. Die Verursacher bleiben in jeder Hinsicht meist im Dunkeln.

Tatort Grundschule Hasenburger Berg. Wilde weiße Schriftzüge an den Mauern. Die Schmiereien bedeuten Arbeit für die städtische Gebäudewirtschaft.

Beseitigung an der Grundschule Hasenburger Berg: Nils Bornost von der städtischen Gebäudewirtschaft entfernt einen Schriftzug mit dem Hochdruckstrahler. Foto: t&w
Beseitigung an der Grundschule Hasenburger Berg: Nils Bornost von der städtischen Gebäudewirtschaft entfernt einen Schriftzug mit dem Hochdruckstrahler. Foto: t&w

An der Grundschule gehen Nils Bornost und sein Kollege Predrag Zelanovic mit einem Hochdruckstrahler gegen die Hinterlassenschaft der Sprayer zu Werke, säubern die Wand mit Warmwasser und einem salzhaltigen Strahlmittel. Zwar ist der Schriftzug schnell abgewaschen, aber: „Eigentlich machen wir nur Platz für neues Graffiti“, sagt Nils Bornost genervt.

Seine Vorahnung untermauern Zahlen: So musste die Stadt im vergangenen Jahr an zahlreichen Schulen, im Kurpark, am Alten Kran und anderen öffentlichen Einrichtungen Graffiti entfernen. Die Liste zählt 24 Einsätze, die insgesamt 91 Arbeitsstunden umfassten. Die Kosten für Reinigungsmittel und das Anheuern von Fremdfirmen lagen bei knapp 8900 Euro, decken etwa ein Prozent der Haushaltsgelder, die für außerplanmäßige Bauunterhaltung vorgesehen sind. In den Jahren zuvor war es ähnlich. Manfred Koplin, Leiter der Gebäudewirtschaft, sagt: „Graffiti sind ein Problem, aber keines, das uns aus der Fassung bringt“.

Mitunter ist die Beseitigung nicht ganz einfach. Besonders hartnäckig haften Graffiti an Betonwänden. Wie am städtischen Fahrradparkhaus am Bahnhof. Um das Graffito zu entfernen, wurde ein neues Verfahren angewendet: mit minus 80 Grad kaltem Eis Trockeneis. Es wird mit Hochdruck auf die beschmierte Fläche gestrahlt. Dadurch kühlen die Schmutzpartikel herunter, platzen von der Wand ab. Künftig soll dieses Verfahren insbesondere an Brücken und Lärmschutzwänden zum Einsatz kommen.

Aber wie kann das unliebsame Wechselspiel von Beschmieren und Beseitigung beendet werden? Der Lüneburger Graffitikünstler Björn Lindner meint: „Die Stadt könnte Flächen zum legalen Sprühen zur Verfügung stellen“. Der 36-Jährige ist lange in der Szene aktiv, kennt viele junge Leute, die sich ausprobieren wollen, denen aber geeignete Flächen zum Sprühen fehlen.

Ein weinender Smiley an der Mauer der Bahnunterführung am Lüner Weg. Nichts zu lachen haben auch illegale Sprüher, die auf frischer Tat erwischt werden. Es drohen eine Geldstrafe oder Gefängnis. Foto: jj
Ein weinender Smiley an der Mauer der Bahnunterführung am Lüner Weg. Nichts zu lachen haben auch illegale Sprüher, die auf frischer Tat erwischt werden. Es drohen eine Geldstrafe oder Gefängnis. Foto: jj

Denn bisher gibt es nur wenige: Wie die Mauer am Sportplatz des MTV Treubund an der Uelzener Straße, die Außenwände der Turnhalle am Schulzentrum Kaltenmoor, ebenso gibt es Möglichkeiten zum Sprühen am Schulzentrum in Oedeme. Nicht aber, weil die Stadt diese Flächen den Sprühern überlassen hätte, sondern weil die Künstler selbst aktiv wurden, mit den Schulleitungen vereinbarten, die Flächen nutzen zu dürfen. Das sei der Regelfall, sagt Björn Lindner. „Auf Eigentümer zugehen und nach Flächen fragen“.

 

Oder die Eigentümer gehen auf die Künstler zu. Es gibt Auftragsproduktionen. Wie bei der Stiftung Kühnausche Gründung Lüneburg. Im Garten des Wohnheims für behinderte Menschen an der Barckhausenstraße blitzen graue Betonwände, etwa halb manneshoch, an deren Geländer sich manche Bewohner festhalten, wenn sie im Garten spazieren. Jetzt ist das triste Grau verschwunden. Naturbilder mit Sonnenblumen, Klatschmohn oder Bergen zieren die Wände das Werk eines Graffiti-Künstlers aus den Niederlanden, den der Förderverein beauftragte, die Wände zu verschönern.

Ein Projekt, für das viele gut sichtbare Flächen in der Innenstadt zur Verfügung gestellt wurden, selbst an denkmalgeschützten Bauten, war die „ARTotale“, ein Großprojekt zu urbaner Kunst während der Startwoche für Erstsemester an der Leuphana Universität im Jahr 2009. Manfred Koplin sagt: „Die Stadt würde weiter Flächen im Rahmen von Projekten zur Verfügung stellen“.

Die Graffiti-Künstler in Lüneburg fühlen sich vernachlässigt: „Es gibt eigentlich keine Unterstützung“, sagt Björn Lindner. Flächen, die legal besprüht werden könnten, sind rar. Die Folge: Junge Sprüher gleiten schnell in die Illegalität. Denn das unerlaubte Auftragen von Graffiti ist eine Straftat, nämlich Sachbeschädigung, die mit Geldstrafen oder Gefängnis geahndet werden kann. Auch Regressansprüche können gestellt werden. Allerdings: Die Aufklärungsquote in Lüneburg ist gering.

Bestellte Kunst: Ein Sprayer aus den Niederlanden besprüht Wände im Garten der Kühnauschen Gründung an der Barckhausenstraße. Foto: t&w
Bestellte Kunst: Ein Sprayer aus den Niederlanden besprüht Wände im Garten der Kühnauschen Gründung an der Barckhausenstraße. Foto: t&w

In den vergangenen Jahren wurden mehr Strafanträge von der Stadt gestellt, als Täter ermittelt werden konnten. Im Jahr 2013 waren es 19 Strafanträge, zu fünf konnten ein beziehungsweise mehrere Täter gestellt werden, wobei zwei jedoch unter 14 Jahren, also strafunmündig waren. Im Jahr 2014 gab es 29 Fälle, bis jetzt wurden nur zwei Täter dingfest gemacht, sieben Verfahren laufen noch. Die Polizei verzeichnete durch Graffiti 215 Sachbeschädigungen in der Stadt, 39 im Landkreis. Im laufenden Jahr sind bisher neun Strafanträge von der Stadt gestellt worden (Stand von Mitte Mai). Polizeisprecher Kai Richter sagt: „Die Entwicklung geht in die gleiche Richtung wie im vergangenen Jahr“. Und weiter: „Wir wollen das Thema nicht verniedlichen, halten uns aber oft bedeckt, um Nachahmungen zu verhindern“.

Auch das Kloster Lüne hat es erwischt, die historische Mauer wurde beschmiert. Die Kosten für die Beseitigung sind hoch. Allein die Stadt gibt dafür ein Prozent des Etats für außerplanmäßige Bauunterhaltung aus. Foto: t&w
Auch das Kloster Lüne hat es erwischt, die historische Mauer wurde beschmiert. Die Kosten für die Beseitigung sind hoch. Allein die Stadt gibt dafür ein Prozent des Etats für außerplanmäßige Bauunterhaltung aus. Foto: t&w

Bedenklich ist die Entwicklung, weil Wohneigentümer bei Spray-Attacken meist auf den Kosten sitzenbleiben. Hauke Stark, Vorsitzender von Haus & Grund in Lüneburg, sagt, die Möglichkeiten seien „stark begrenzt“. Einzig schnelles Entfernen könne möglicherweise weitere Schmierereien verhindern, denn „die Täter wollen sich ja länger verewigt sehen, könnten frustiert aufgeben.“ Doch Stark sieht auch die Gefahr, das es umgekeht läuft, und es nur der Beginn für ein Katz- und Mausspiel ist.