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Die Zeugin und in Auschwitz geborene Angela Orosz-Richt sitzt neben ihrem Anwalt Heinrich Rothmann im Gerichtssaal in der Ritterakademie. Ihre Aussage sieht sie als Mission. Foto: phs
Die Zeugin und in Auschwitz geborene Angela Orosz-Richt sitzt neben ihrem Anwalt Heinrich Rothmann im Gerichtssaal in der Ritterakademie. Ihre Aussage sieht sie als Mission. Foto: phs

NS-Prozess: Das Baby von Auschwitz

ca Lüneburg. Als ihre Mutter im achten Monat mit ihr schwanger war, sei eine Häftlings-Ärztin gekommen, erzählt Angela Orosz-Richt. Sie habe der Mutter angeboten, den Fötus abzutreiben: „Trägst Du das Kind aus, wissen wir nicht, wie Mengele reagiert. Hat er gute Laune, stirbt nur das Kind. Hat er schlechte Laune, geht Ihr beide ins Gas.“ Ihre Mutter entschied sich, das Kind zu bekommen. Angela kam zur Welt, wenige Wochen bevor das Konzentrationslager Auschwitz am 27. Januar 1945 von der Roten Armee befreit wurde. Dass sie überlebte, empfindet die 70-Jährige als Wunder: „Ich wog nur ein Kilo.“ Dass die Mutter die Kleine stillen konnte, dass sie dem KZ-Arzt Josef Mengele entging weitere Wunder.

Angela Orosz-Richt sagte am Dienstag vor der 4. Strafkammer des Lüneburger Landgerichtes aus. Dort muss sich der ehemalige SS-Mann Oskar Gröning verantworten. Die Staatsanwaltschaft legt ihm Beihilfe zum Mord in 300000 Fällen zur Last. Gröning soll als „Buchhalter“ im Vernichtungslager gearbeitet haben.

Die aus Montreal angereiste Zeugin stand im eleganten dunklen Kostüm mit einer Perlenkette auf hohen Schuhen vor dem Gericht. Keine fünf Fuß, also etwa 1,50 Meter sei sie groß. Ebenso eine Folge von Auschwitz wie der Umstand, dass sie keine Geschwister habe. Im Lager hätten Ärzte bei ihrer Mutter während der Schwangerschaft Sterilisationsexperimente gemacht. Der Mutter sei mehrmals eine ätzende Flüssigkeit in den Gebärmutterhals injiziert worden: Der Fötus sei wegen der Schmerzen zur anderen Seite „gesprungen also ich.“

Der Vorsitzende Richter Franz Kompisch bot ihr an, sich zu setzen. Doch das wollte sie nicht. Stolz drehte sie sich immer wieder zum Angeklagten. Auch als sie erzählte, dass ihre schwangere Mutter im Lager „Kanada“ Schuhe, Bettzeug und Kleidung sortieren musste. Dort durchsuchte die SS die Sachen: War Geld oder Schmuck in Jacken und Mänteln eingenäht? „Kanada“ habe das Depot geheißen, weil die Beute der Nazis durch das Ausplündern der Juden so reich und wertvoll gewesen sei, wie das Land Kanada. Angela Orosz-Richt drehte sich zu Gröning: „Das waren doch die Sachen, die Sie verwaltet haben!“

Gröning, sichtlich gesundheitlich angeschlagen, hatte die Arme wie schützend vor seinem Bauch verschränkt, seine Lippen wurden schmaler, als sich die Ansprachen wiederholten. Sie habe kein Grab, an dem sie um ihren Vater trauern könne, der in Auschwitz umkam. Ob er, Gröning, zum Grab seiner Frau gehen könne? Hinter seiner mit Goldrand eingefassten Brille schaute der 93-Jährige geradeaus. „Wir weinen immer noch um die, die Sie uns genommen haben, Herr Gröning. Wie kann ich vergeben und vergessen?“

Sie sei auf der obersten Etage eines dreistöckigen Betts zur Welt gekommen, sagte die ungarische Jüdin. Ihrer Mutter habe eine Blockälteste, also eine Häftlingsfrau, geholfen. Irgendwie habe sie ein wenig Wasser, ein Laken und eine Schere besorgen können, um die Nabelschnur zu durchtrennen.

Ihr Baby musste sie zurücklassen, weil sie drei Stunden nach der Entbindung auf dem Appellplatz stehen musste, wahrscheinlich am 21. Dezember 1944. Sie habe in Holzpantinen und „Fetzen“ dort gestanden, in der Winterkälte gefroren und „gebetet, dass ich noch lebe, wenn sie zurückkommt“, sagte Angela Orosz-Richt: „In ihr brannte, ich habe ein Kind, das muss ich retten.“ Dass sie nicht zusammenbrach und damit wahrscheinlich zu Tode geprügelt oder in Gas geschickt worden wäre, war wieder eines dieser Wunder. Und ein Glück, dass der winzige Säugling nicht schrie und so nicht entdeckt wurde.

Und obwohl die Mutter völlig ausgemergelt war, hatte sie so viel Milch, dass sie noch ein zweites Kind, einen Jungen namens George, stillen konnte. Er kam am Tag der Befreiung des Lagers zur Welt: „Wie konnte meine Mutter Milch produzieren?“ Noch etwas, das sie sich kaum erklären könne. Nun stehe sie vor Gericht, an diesem Dienstag, dem Geburtstag ihres Vaters, der mit 32 Jahren starb.

Sie sei der deutschen Regierung dankbar für diesen Prozess. Der gebe ihr eine Stimme. Damit schloss sie an den Beginn ihrer Erklärung an: „Ich habe nur aus einem Grund überlebt. Weil ich eine Mission habe.“ Zu sprechen für die, die es nicht mehr können. Zu warnen vor einem neuen Antisemitismus, den es in Europa gebe: „Die Welt schaut dabei ruhig zu.“ Im Saal saß auch ihr Enkel, der solle seinen Kindern später vom Völkermord erzählen. Das Kapitel der Geschichte, das nicht vergessen werden darf.

Eigentlich sollte der Prozess mit der Befragung eines historischen Sachverständigen fortgesetzt werden. Am Dienstag Nachmittag erklärte das Gericht, die Verhandlung falle aufgrund des schlechten Gesundheitszustandes des Angeklagten aus. Am kommenden Dienstag, 9. Juni, soll es weitergehen.

 

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