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Rund 200 Bäume müssten beim konventionellen Straßenausbau weichen, fürchten die Anwohner der Milchbergsiedlung. Mit Flatterband und Schildern machen sie ihren Protest deutlich. Foto: cw
Rund 200 Bäume müssten beim konventionellen Straßenausbau weichen, fürchten die Anwohner der Milchbergsiedlung. Mit Flatterband und Schildern machen sie ihren Protest deutlich. Foto: cw

Anwohner der Milchbergsiedlung in Neu Neetze laden SPD-Politiker ein

kre Neu Neetze. Die Anwohner haben aufgetischt: Es gibt Kaffee und Kuchen, Getränke und leckere Häppchen: Nicht, dass die geladenen Gäste — Mitglieder des SPD-Gemeinderates in Neetze — hinterher erzählen, sie seien nicht ordentlich bewirtet worden. Für eine nette Gesprächsatmosphäre haben die Anlieger der Milchbergsiedlung in Neu Neetze also gesorgt. Denn zu besprechen gibt es einiges zwischen Bürgern und Politikern: Die SPD-Mehrheit im Neetzer Gemeinderat will die Straßen pflastern lassen, die überwiegende Mehrheit der 54 Anwohner ist dagegen. Also haben sie die Sozialdemokraten zum Frühschoppen geladen, damit die Ratsherren und -frauen sich selbst ein Bild vom Zustand der Straßen und dem Charme der Milchbergsiedlung machen können.

Fünf der neun Ratsmitglieder sind der Einladung gefolgt und mit dem Fahrrad nach Neu Neetze in die Milchbergsiedlung gefahren. „So mancher hat unsere Straßen dabei wohl überhaupt zum ersten Mal gesehen“, wundert sich eine Anwohnerin. Die CDU ist bei diesem Treffen übrigens nicht dabei. Muss sie aus Sicht der Bürger auch nicht, denn die Christdemokraten haben bereits mehrfach deutlich gemacht, dass sie den Straßenausbau unsinnig finden und dagegen sind. Überzeugungsarbeit müssen die Anwohner also nur bei der SPD leisten.

Auch Bürgermeister Heinz Hagemann fehlt. Er hat sich entschuldigen lassen — wegen anderer terminlicher Verpflichtungen. Dabei hatte der parteilose Rathauschef noch 2011 versprochen: „Kein Ausbau gegen den Willen der Bürger.“ Jetzt soll es nach dem Willen der Mehrheit im Neetzer Gemeinderat anders kommen — nicht zuletzt auf Initiative von Brigitte Merz. Die Sozialdemokratin — Mitglied im Neetzer Gemeinderat — ist selbst Anwohnerin der Milchbergsiedlung und hat nach eigenem Bekunden die Nase voll von der Staubbelastung durch die unbefestigten Sandwege. Vor vier Jahren hatte sie deshalb noch als Fraktionschefin den entsprechenden Antrag im Rat eingebracht. „Ich stehe auch jetzt nach wie vor zum Ausbau“, bestätigte sie auf LZ-Anfrage.

Mit dieser Haltung steht die Sozialdemokratin allerdings ziemlich allein auf weiter Flur: Die Anwohner haben eine Umfrage in der Siedlung durchgeführt. Das Ergebnis: Von den 54 Haushalten hatten sich 44 gegen den Ausbau und zwei dafür ausgesprochen. Der Rest wollte sich nicht an der Umfrage beteiligen, hatte sich enthalten oder war nicht anzutreffen.

Zu den erklärten Ausbau-Gegnern der Milchbergsiedlung gehören Jan Bollwerk und seine Frau Andrea Kühn. Nicht nur sie schätzen den ganz besonderen Charakter der Waldsiedlung, fürchten, dass rund 200 Bäume gefällt werden müssten, wenn die SPD den Straßenausbau durchsetzt. „Andernorts sind Politik, Verwaltung und Umweltschützer bestrebt, Flächen zu entsiegeln, nur bei uns will man den umgekehrten Weg gehen“, ärgert sich Andrea Kühn.

Dennoch setzen die Anwohner statt auf Konfrontation nach wie vor auf den Dialog mit der Ratsmehrheit: Und mit dem besonderen Verfahren eines Unternehmens aus dem norddeutschen Raum glauben die Milchberg-Anwohner auch eine Alternative zur herkömmlichen Pflasterung gefunden zu haben: witterungsbeständig, belastbar und trotzdem wasser- und luftdurchlässig.

Auch das Staubproblem wäre damit gelöst, ,,ohne den Charakter der Siedlung verändern zu müssen“, sagen Jan Bollwerk und Andrea Kühn. In vielen Städten und Gemeinden werde diese Form des Straßen- und Wegebaus durchgeführt. ,,Auch die Straße zwischen Bavendorf und Radenbeck wurde mit diesem Material hergestellt“, sagt Andrea Kühn.

Die Gemeinde Neetze hat bereits ein Ingenieurbüro beauftragt, die Kosten für den Straßenausbau in der Milchbergsiedlung zu ermitteln. ,,In die Untersuchung muss auch diese Alternative mit aufgenommen werden“, fordern Jan Bollwerk und Andrea Kühn im Namen ihrer Mitstreiter. Ob Brigitte Mertz das auch gut findet, da haben die beiden allerdings ihre Zweifel. „Demokratie heißt, dass ihr alle fünf Jahre wählen geht, den Rest überlasst ihr uns“, hatte die Sozialdemokratin beim ,,Frühschoppen“ zum Besten gegeben — und damit nicht nur bei Bollwerk für Kopfschütteln gesorgt.

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10 Kommentare

  1. “Demokratie heißt, dass ihr alle fünf Jahre wählen geht, den Rest überlasst ihr uns”

    Unfassbar…
    Führt eine derart partei-, politik- und demokratieschädigende Aussage eigentlich dazu, dass sich der Neetzer SPD-Ortsverband mal Gedanken macht, ob eine weitere Zusammenarbeit mit der sich so äußernden Person in Partei und den kommunalen Gremien noch angemessen ist?

  2. “Demokratie heißt, dass ihr alle fünf Jahre wählen geht, den Rest überlasst ihr uns”, hatte die Sozialdemokratin beim ,,Frühschoppen” zum Besten gegeben.

    Mit einem derartigen Demokratieverständnis ist man nach meiner Ansicht in einem politischen Gremium fehl am Platze. Es kommt dabei die Überlegung auf, ob sich „Politiker“ vor einer Wahl nicht einem Wesens- und Eignungstest unterziehen müssten.

  3. Michael Nürnberg

    Demokratie bedeutet: „government of the people, by the people, for the people“ (Abraham
    Lincoln)
    Ich finde besonders „für die Menschen“ in diesem Zusammenhang wichtig

  4. Sehr erstaunlich – oder eben auch nicht: Unsere Geschichte schlägt Wellen. Das Hagenower Tageblatt (erscheint bei Schwerin) berichtet an diesem Wochenende über das Verhalten unserer Politiker. Die Überschrift: Neetzer Rat ignoriert Bürgerwillen / In einer Waldsiedlung sollen die Wege nach dem Mehrheitswillen im Rat gepflastert werden / Viele stören sich nicht an Staubbelastung. Hier zum Nachlesen: http://www.svz.de/lokales/hagenower-kreisblatt/neetzer-rat-ignoriert-buergerwillen-id9894491.html
    Danke auf die andere Elbseite!

  5. Sylvia & Chrisitian

    Als wir uns entschlossen haben in dieser Siedlung ein Haus zu kaufen, haben wir wohl auch die Wege bemerkt. Unserem empfinden nach gehören diese Wege zum Charme den diese Siedlung ausmacht. Die Mentalität alles dicht Pflastern zu wollen, damit der Mensch alles sauber und ordentlich hat, ohne dabei mal das Gesamtbild und die Gegebenheiten zu berücksichtigen, trifft bei uns auf völliges Unverständnis ! Und sollte es tatsächlich sein, das ein Großteil der Bäume gefällt werden sollen….tja, was bleibt denn dann von dem besagtem Charme über? Wenn der Bachlauf im Wald im Sommer mal kein Wasser führt, steht das Reh auch schon mal im Garten und stillt seinen Durst am Teich, Vögel sitzen am Rand unserer Terrasse und stören sich nicht an unserer Anwesenheit, als ob sie wüssten das ihnen keiner was tut. Wenn man nach Hause kommt, ist dieses der Ort an dem man die Seele auch mal Baumeln lassen kann. …aber mal ehrlich, welches Tier läuft gerne über Asphalt oder harte Steine ? Und der Weg hat doch auch was gutes, so wird hier in der Siedlung zum Beispiel nicht schnell gefahren, man nimmt automatisch Rücksicht auf die Nachbarn. Was die Politik betrifft, so sollte sie doch „das Volk“ vertreten ! Da werden Dinge über unsere Köpfe hin weg entschieden und mit „im Sinne der Gleichbehandlung“ Argumentiert. Soll das der besagte Rest sein um den sich dann gekümmert wird? Na vielen Dank auch !

  6. Unglaublich!
    Von den Politikern im Bundestag erwartet ja kaum noch jemand Bürgernähe, die da oben, wir hier unten.
    Aber dass eine kleine Dame ihren Willen der ganzen Siedlung aufdrücken kann, nur weil sie den Staub nicht mag, zeigt wie sehr die Abgehobenheit der Politiker auch in der Kommunalpolitik angekommen ist.
    Ich hätte nicht gedacht, dass so etwas geht.

    • Danke für diese präzise Einschätzung!

      • mich regt es auf, sich über die dummheit der bürger aufregen zu müssen. sie können wählen, bei deren sitzungen dabei sein, hinweise geben, einspruch einlegen ,usw. und was machen sie? sich eben nicht um die politik kümmern. ist so wie bei kindern. wird sich nicht darum gekümmert , wird sich falsch verhalten.

  7. Kenny, waren sie wählen? haben sie sich darum gekümmert, dass es anders läuft? waren sie bei den sitzungen der gemeindevertreter dabei? wenn nicht, selbst schuld.