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Die Population der Waschbären im Landkreis steigt rasant und könnte schon bald zum Problem werden. Foto: Angela Kraft
Die Population der Waschbären im Landkreis steigt rasant und könnte schon bald zum Problem werden. Foto: Angela Kraft

Waschbären erobern die Vorstadt

joh Lüneburg Es ist ein besonders stattliches Exemplar, das sich auf der Veranda über das Futter der Katze hermacht. Walter Stegen hat in jüngster Zeit einige solcher Fotos von Waschbären geschossen. Und er ist nicht der einzige in Oedeme: „Ich habe schon mehrere Anrufe deswegen bekommen“, bestätigt Ortsbürgermeisterin Christel John. Die ursprünglich aus Nordamerika stammende Art breitet sich im Landkreis Lüneburg immer weiter aus, ist neben den elbnahen Gebieten jetzt auch in der Stadt auf dem Vormarsch.

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Bilder wie diese hat Walter Stegen jetzt schon viele gemacht: Waschbären kommen vor seine Haustür und machen sich über das Katzenfutter her. Foto: stegen

Während viele Stadtbewohner die Tiere in erster Linie putzig finden, einige allenfalls wegen des höheren Katzenfutterverbrauchs tiefer in die Tasche greifen müssen, ist die Zunahme aus ökologischer Sicht ein Problem. Die Jägerschaft beobachtet die Entwicklung schon seit längerem mit Sorge. Torsten Broder, Vorsitzender der Jägerschaft des Landkreises Lüneburg, stuft den Waschbären als eine der künftigen Hauptpro­blemwildarten ein. Vor allem für Niederwild, insbesondere bodenbrütende Vogelarten, sei er eine Gefahr.

Im Kreis Lüchow-Dannenberg, wo der Waschbär wegen des Naturschutzes im Biosphärenreservat verstärkt bejagt wird, wurden im vergangenen Jahr mehr als tausend Tiere erlegt. Im Kreis Lüneburg waren es immerhin 303 (gegenüber 18 Tieren 2009/2010). Die Revierjäger sind aufgerufen, mehr Fallen aufzustellen, diese werden vom Kreis mitfinanziert. „Zum überwiegenden Teil wird mit Lebendfallen gearbeitet“, sagt Broder, „es kann auch nur so sichergestellt werden, dass wir Jungtiere töten und nicht die Alten.“ Das sei so üblich, da die Jungtiere ohne Eltern verhungern würden. Auf der anderen Seite reagierten Waschbären aber auf verstärkte Bejagung mit mehr Nachwuchs.

„Die Fallenjagd bringt bisher nicht viel“, sagt Thomas Mitschke, Nabu-Vorsitzender in Lüneburg, „Waschbären sind extrem clevere und anpassungsfähige Tiere.“ Er plädiert deshalb für einen runden Tisch, an dem die Behörden, die Jäger und Naturschützer gemeinsam Maßnahmen erarbeiten. Zuallererst brauche man ein Monitoring, um einen Überblick über die Gesamtzahl der Tiere und ihre Verteilung zu erhalten, meint er. Das sei auch der einzige Weg, einen Kausalzusammenhang zwischen dem Rückgang von Niederwild-Arten und der Zunahme des Waschbärbestandes herzustellen. Der Waschbär sei zwar eine Bedrohung für einige Arten, auf die man reagieren müsse, vor allem, weil er keine natürlichen Feinde habe. Mitschke warnt aber davor, ihn zu einem Sündenbock für den Artenrückgang zu machen: „Ursache dafür sind vor allem die fehlenden landschaftlichen Strukturen. Vögel und andere Tiere finden nicht mehr genug Nahrung und auch keine Deckung.“ Vor dem Hintergrund, dass der Landkreis 2012 dem Bündnis „Kommunen für biologische Vielfalt“ beigetreten ist und die interkommunale Zusammenarbeit in diesem Bereich verstärken will, sei das ein weitreichendes Problem, dem Beachtung geschenkt werden müsse.

In der Naturschutzbehörde des Landkreises plädiert man ebenfalls dafür, das Waschbär-Problem im größeren Zusammenhang zu betrachten. Die Zuschüsse für die Fallenjagd fließen beispielsweise im Rahmen eines Wiesenvogelschutzprogramms. Fachdienstleiter Stefan Bartscht ist deshalb auch dagegen, einen „Runden Tisch Waschbär“ einzuberufen. Es gäbe bereits einen Arbeitskreis der Naturschutzverbände, in dem man darüber reden könne.

Doch der Waschbär dürfte fortan insbesondere in der Stadt häufiger anzutreffen sein. Denn hier darf nicht gejagt werden, und Futter ist in Hülle und Fülle vorhanden. Auf einen verstärkten Angriff auf das Katzenfutter müssen sich die Bürger wohl einstellen. Mitschke rät, die Nachfütterung draußen einzuschränken und auch die Katzenklappe nachts, wenn der Waschbär besonders aktiv ist, zu schließen, da findige Tiere so auch schon den Weg ins Haus gefunden haben. Der Waschbär stelle zwar keine Bedrohung für Mensch oder Haustier dar, sei aber verfressen und bei der Futtersuche sehr kreativ. Man solle deshalb auch die gelben Säcke lieber erst morgens vor die Tür stellen und keine Grillabfälle auf den Kompost werfen.