Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Henning (v.l.), Till, Marcel und Jan-Niklas sind die ersten Absolventen der Hofschule Wendisch Evern. Die vier jungen Männer haben die Schülerfirma H und M (Holz und Metall) mit aufgebaut, stellen unter anderem Sitzbänke her. Foto: t&w
Henning (v.l.), Till, Marcel und Jan-Niklas sind die ersten Absolventen der Hofschule Wendisch Evern. Die vier jungen Männer haben die Schülerfirma H und M (Holz und Metall) mit aufgebaut, stellen unter anderem Sitzbänke her. Foto: t&w

Absolventen verlassen Förderschulzweig der Rudolf-Steiner-Schule

off Wendisch Evern. Henning ist zwölf Jahre alt, als er die Hauptschule in Eschede verlässt und an der Hofschule Wendisch Evern neu anfängt. Er hatte Schwierigkeiten im Unterricht mitzukommen, beim Lesen, Schreiben, Rechnen, sah für sich an der Hauptschule keine Perpektive mehr. Sechs Jahre besucht Henning in Wendisch Evern den Förderschulzweig der Rudolf-Steiner-Schule, in wenigen Wochen wird er als einer der ersten vier Absolventen die 2007 gegründete Schule wieder verlassen. Mit vielen neuen Fähigkeiten. Und der Gewissheit: Er startet am 1. August mit der Ausbildung in seinem Traumberuf Zimmermann.

Mittags, kurz vor halb zwölf, in einem kleinen Raum unterm Dach des Schulgebäudes. Es ist still, nur ab und zu ist das Kratzen eines Füllers auf Papier zu hören. Vier junge Männer sitzen vor Zetteln mit Matheaufgaben, in Jeans, schwarzem Kapuzenpullover und mit Stecker im linken Ohr, Henning. Der 18-Jährige ist konzentriert, nur noch ein paar Tage, dann folgt auf die Deutsch- die Matheprüfung. Er wird bestehen, „danach sieht alles aus“, sagt Rainer Pyka. Als Klassenlehrer hat er Hennings Entwicklung auf der Hofschule von Anfang an begleitet und ist überzeugt: „Der macht seinen Weg“.

In seiner Klasse ist Henning damit kein Einzelfall auch seine drei Mitschüler wissen bereits, wie es nach dem Abschluss für sie weitergehen soll. Jan-Niklas wird eine Ausbildung zum bio-dynamischen Landwirt machen, Till hat eine Zusage der Landesfachschule Metall und Marcel überlegt noch, schwankt zwischen Bundeswehr und Berufsorientierungsjahr. Chancenlose Förderschüler? „Von wegen“, sagt Rainer Pyka. „Die vier Jungs sind das beste Beispiel dafür, dass es auch anders laufen kann.“ Vorausgesetzt die Bedingungen stimmen.

Profitiert haben die jungen Männer in Wendisch Evern vor allem von dem hohen Praxisanteil der Hofschule. Von der Arbeit auf dem Acker, in der Holz- und Metallwerkstatt, dem täglichen Umgang mit den Tieren. Henning schätzt außerdem die bunte Mischung an der Schule, „dass hier auch Kinder mit deutlich mehr Unterstützungsbedarf sind“, sagt er. Offen steht die Hofschule Schülern mit Förderbedarf in den Bereichen „Lernen“, „Geistige Entwicklung“, „Motorische und körperliche Entwicklung“ sowie „Emotionale und Soziale Entwicklung“, unterrichtet werden die Jahrgänge gemeinsam. Für Henning ein Gewinn: „So habe ich sozial ganz viel gelernt, was ich im Leben noch gut brauchen kann.“

Ein halbes Jahr Hauptschule hatte er hinter sich, als er vor sechs Jahren aus Eschede an die Hofschule wechselte. Eine Zeit mit unzähligen Rückschlägen, Enttäuschungen und dem ständigen Gefühl, nicht gut genug zu sein. In Wendisch Evern musste er keine Mathe-, Englisch- oder Deutschaufgaben mehr lösen, um Erfolg zu haben. Der Zimmermanns-Sohn konnte sein Talent in der Holzwerkstatt beweisen, beim Versorgen der Tiere und Bestellen des Schulackers. „Bei uns wird jeder Schüler gebraucht“, sagt Hofschulbauer Jürgen Schlüter. „Ob in der Holzwerkstatt oder beim Holzhacken.“

Statt sechs Stunden Theorie im Klassenzimmer, „unterstützen wir die Entwicklung der Kinder durch künstlerische, praktische und handwerkliche Tätigkeiten“, sagt Schlüter. Was die Schüler am Ende erreichen, hängt von ihren Möglichkeiten ab. „Manche werden sicherlich nie einen Schulabschluss machen, finden aber einen Arbeitsplatz zum Beispiel bei der Lebenshilfe.“ Andere haben schon Wochen vor ihrem Abschluss eine Lehrstelle gefunden auf dem ersten Arbeitsmarkt.

Henning hat am Ende mit seinem Können überzeugt und beim Praktikum in einem Zimmereibetrieb einen insgesamt so guten Eindruck hinterlassen, dass sein Chef ihm letztlich einen Ausbildungsplatz anbot. Es war immer sein Kindheitstraum, sagt der 18-Jährige. Dass er sich nun tatsächlich erfüllt, ist auch ein Verdienst der Förderschularbeit.

Eine Bauern- und Elterninitiative

Die Heilpädagogische Hofschule Wendisch Evern ist 2007 auf Initiative einer Gruppe Eltern sowie dem Landwirts-Ehepaar Jürgen und Andrea Schlüter in Wendisch Evern als Förderschulzweig der Rudolf-Steiner-Schule Lüneburg gegründet worden.

Ein Team von Klassenlehrern und pädagogischen Mitarbeitern führt zusammen Doppelklassen von der 1. bis zur 8./9. Stufe und übergibt die danach dem Oberstufenlehrer. Angestrebt wird ein individueller Schulabschluss, der entsprechend den Möglichkeiten der Schüler den Hauptschulabschluss miteinschließt.

An der Rudolf-Steiner-Schule Lüneburg können sich die Schüler für weitere Schulabschlüsse qualifizieren. Aktuell besuchen rund 70 Mädchen und Jungen die Hofschule, die gerade um ein Küchengebäude mit zusätzlichen Räumen erweitert wird. Träger der Schule ist der „Verein zur Förderung der Waldorfpädagogik Lüneburg“.