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Beim Wochenendurlaub am Reihersee entdeckte Thomas Meckert aus dem Kreis Stormarn diese weiße Nutria, zückte sein Handy und dokumentierte die besondere Begegnung. Foto: nh/meckert
Beim Wochenendurlaub am Reihersee entdeckte Thomas Meckert aus dem Kreis Stormarn diese weiße Nutria, zückte sein Handy und dokumentierte die besondere Begegnung. Foto: nh/meckert

Der weiße Sumpfbiber vom Reihersee

off Brietlingen. Thomas Meckert sitzt im Campingstuhl vor seinem Wohnwagen und genießt das Nichtstun, als ihm am Ufer des Reihersees ein weißes Etwas auffällt. „Erst dachte ich, das ist eine Plastiktüte“, sagt er, „doch als ich dann genauer hingeschaut habe, hat sich die Plastiktüte als Tier entpuppt.“ Meckert zückt sein Handy, pirscht sich so nah wie möglich ans Seeufer und drückt wieder und wieder den Auslöser. Später versucht der 53-Jährige aus Brunsbek im Kreis Stormarn das Tier zu identifizieren und ist sich nach ausgiebiger Recherche sicher: „Das ist ein weißer Sumpfbiber.“ Besser bekannt als Nutria.

Auch Dr. Egbert Strauß vom Wildtierinstitut in Hannover ist bei der Sichtung der Fotos überzeugt: „Das ist eine Nutria, vermutlich ein Albino.“ Ganz sicher ist sich aber auch Strauß nicht, ob tatsächlich ein Gendefekt der Grund für die weiße Fellfarbe ist. „Es kann auch sein, dass es das Ergebnis spezieller Züchtungen ist.“ Denn anders als der Biber sind Nutrias keine heimische Tierart, sondern 1926 als Pelzlieferanten aus Südamerika nach Deutschland gebracht und züchterisch beeinflusst worden.

In Pelzfarmen züchtete man die Nagetiere, „daher auch unterschiedliche Farbvariationen“, so Strauß. Nach und nach gelangten immer mehr Tiere ins Freiland, einige brachen aus, andere wurden freigelassen. „Vor allem die Schließung vieler Nutriafarmen in der ehemaligen DDR nach der Wende sorgte für einen sprunghaften Anstieg der Freilandpopulation.“ Eine Zeit, an die sich auch Norbert Thiemann, Geschäftsführer des Artlenburger Deichverbandes, noch gut erinnern kann. „Vor allem in Lüchow-Dannenberg sind die Tiere damals zum Problem geworden, weil sie erhebliche Schäden an den Deichen anrichteten.“

Mittlerweile sind die Nager in vielen Teilen Niedersachsens heimisch. Und die Landwirtschaftskammer bietet extra Symposien zur Nutriabejagung an. 2001 sind die Tiere ins niedersächsische Jagdrecht aufgenommen worden, seitdem werden immer mehr Nutrias erlegt. Auch im Landkreis Lüneburg. Hier lag die Strecke im vergangenen Jagdjahr 2014/2015 bei 162 Tiere, zehn Jahre vorher erlegten die Jäger gerade mal zwei Nutrias. Mit zunehmender Population können die Nager zum Problem werden. Nicht nur für Deichbauer, Landwirte und Teichbesitzer, „auch die Pflanzenwelt kann unter einer hohen Nutriadichte leiden“, sagt Dr. Strauß.

Umstritten ist, welchen Einfluss Nutrias auf die Population der heimischen Biber haben. Während die Landesjägerschaft auf ihrer Internetseite www.wildtiermanagement.com berichtet, dass es in Nutriagebieten zu Rückgängen der Biberpopulation kommt, ist Biologe Daniel Scheide skeptisch. Biber und Nutria stünden in keiner direkten Nahrungskonkurrenz, schreibt er in seiner Diplomarbeit, Belege für eine Verdrängung des heimischen Bibers fehlten. Eine Gefahr könnten allerdings die Krankheitserreger sein, die Nutrias sowohl im Freiland als auch in Gefangenschaft tragen können und die sowohl auf andere Tiere als auch auf den Menschen übertragen werden können.

Wie sich die Nutriapopulation weiter entwickelt, ist schwer vorhersehbar. „Vermutlich breiten sich die Tiere weiter aus“, sagt Dr. Strauß. Das einzige, was den Tieren in Deutschland zu schaffen macht, sind strenge Winter. „Da kann es schon mal zu einem starken Einbruch der Population kommen.“ Bisher haben die Nutrias allerdings auch harte Frostphasen überlebt ein Umstand, den längst nicht alle bedauern. Thomas Meckert wird die Begegnung mit der weißen Nutria so schnell nicht mehr vergessen. „Das war toll“, sagt er, „ein wirklich beeindruckendes Tier.“

Unterschiede zu Biber und Bisamratte

Oft kommt es zu Verwechslungen zwischen Nutria, Biber und Bisamratte. Dabei gibt es einige wichtige Unterschiede. Biber sind größer als Nutrias – und Nutrias wiederum größer als Bisamratten.

Es gibt zudem deutliche Unterschiede beim Schwanz. Der Biber hat seine charakteristische, breite Kelle. Der Schwanz der Nutria ist vollkommen rund, der der Bisamratte seitlich zusammengedrückt.

Nutrias haben zudem orangefarbene Nagezähne. Beim Schwimmen ragt der Rücken von Nutria und Bisamratte deutlich aus dem Wasser heraus, wobei bei Nutrias eine deutliche Delle im Rücken zu erkennen ist. Bei einem ausgewachsenen Biber hingegen ist der Rücken beim Schwimmen meist vollständig unter Wasser.

One comment

  1. Ein weißes Nutria in freier Wildbahn zu entdecken, ist wirklich eine Rarität und etwas besonders. Vielen Dank für den Beitrag.
    Auch in Italien fand kürzlich wieder eine Konferenz zum Thema – Nutria, Mensch und Umwelt – statt. An der Universität von Parma. Wie regelmäßig bereits seit Jahren an verschiedenen Orten in Italien. Dort sind die Experten und Wissenschaftler aus den verschiedensten Bereichen inzwischen zu dem Schluss gekommen, daß die beste und vernünftigste Art des Zusammenlebens, nicht in der Bejagung der Nutrias liegt ( wie die Efahrung der vergangenen Jahrzehnte gezeigt hat ) sondern eher bei einer Umgestaltung der Ufer, sowie auch Sterlisation und anderer Maßnahmen.
    Auch hierzulande hat sich ja herausgestellt, daß die Bekämpfung des Bisams nicht den gewünschten Erfolg brachte. Stattdessen konzentriert man sich nunsn einigen Orten anscheinend auf die Nutrias als Schuldige, obwohl sie als Konkurrenz im Territorium noch den Bisam vertreiben könnten, sofern Bisam, Nutria oder andere Uferbewohner überhaupt Schaden anrichten. Oft haben diese Schäden auch andere Ursachen bzw. Gründe.
    Und von den Nutrias geht keine größere Gefahr bzgl. der Übertragung von Krankheiten aus. Sie übertragen keine speziellen Krankheiten, die nicht auch andere Wild – Nutz und Haustiere übertragen können. Die stellenweise erwähnte Gefahr der Übertragung von Leptospirose wurde bereits 2010 in Italien in einer wissenschaftlichen Untersuchung widerlegt.