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Die künstliche Bewässerung ist für viele Landwirte die einzige Chance, um Ernteeinbußen zu verhindern. Seit Wochen hat es nicht mehr ausgiebig geregnet, die Wasservorräte des Bodens sind weitestgehend aufgebraucht. Entspannen könnte sich die Situation am Wochenende, dann erwartet der Deutsche Wetterdienst schauerartigen Regen. Foto: t&w
Die künstliche Bewässerung ist für viele Landwirte die einzige Chance, um Ernteeinbußen zu verhindern. Seit Wochen hat es nicht mehr ausgiebig geregnet, die Wasservorräte des Bodens sind weitestgehend aufgebraucht. Entspannen könnte sich die Situation am Wochenende, dann erwartet der Deutsche Wetterdienst schauerartigen Regen. Foto: t&w

Trocken wie seit 54 Jahren nicht

off/dth Lüneburg. Staub, knochentrockene Ackerböden, erhöhte Waldbrandgefahr: Die lang anhaltende Trockenheit hinterlässt überall in der Region ihre Spuren, die Wasservorräte des Bodens sind weitestgehend aufgebraucht. Laut Deutschem Wetterdienst ist in der Region sowie auf 45 Prozent der Fläche Deutschlands seit 1961 ein neues absolutes Minimum der Bodenfeuchte erreicht worden. Rekordtrockenheit mit Folgen.

Wald
Vor allem in den lichten Kiefernwäldern im Osten Niedersachsens ist die Waldbrandgefahr besonders hoch. Im Gartower Forst im Osten von Lüchow-Dannenberg herrscht bereits die höchste Alarmstufe 5 (Stand Montag, 8. Juni), im östlichen Gebietsteil der Polizeidirektion Lüneburg liegt die Waldbrandstufe bei 4, im übrigen Gebiet bei 3. Schon ab mittlerer Waldbrandgefahr wird die Überwachungszentrale Lüneburg eingesetzt, wo alle Bilder und Daten der 20 Waldbrandüberwachungskameras zusammenlaufen. Folgende Hinweise der Niedersächsischen Landesforsten sind zu beachten: Kein offenes Feuer im Wald oder in Waldnähe. Grillen nur auf freigegebenen Grillplätzen. Rauchen im Wald ist bis zum 31. Oktober verboten. Keine Zigarettenkippen aus dem Autofenster werfen oder Pkw mit Katalysator über trockenem Gras abstellen. Jeden Waldbrand melden unter 112.

Landwirtschaft
Landwirte wie Hinrich Wieckhorst aus Oerzen sind im Dauer-Beregnungseinsatz. „Aktuell beregnen wir vor allem Kartoffeln und Getreide“, berichtet Wieckhorst, „Ende des Monats brauchen dann auch die Zuckerrüben Wasser.“ Laut Fachverband Feldberegnung in Hannover mussten Getreidefelder bereits zwei- bis dreimal, Kartoffeln ein- bis zweimal beregnet werden. „Im Kreis Lüneburg lag der Niederschlag in den letzten 30 Tagen nur bei 14 mm (14 Liter/Quadratmeter)“, sagt Angela Riedel vom Fachverband, „der Wasserbedarf der Kulturpflanzen lag in diesem Zeitraum bei 80 bis 100 mm.“
Wer kann, gleicht natürlichen durch künstlichen Regen aus. Eine Möglichkeit, die Landwirte in der Elbmarsch wie Alfred Ritters nicht haben. „Knochentrocken“ seien seine Felder, sagt der Landwirt, „darunter leidet vor allem das Getreide auf leichten Böden.“ Und auch das Gras sei nach der letzten Mahd kaum nachgewachsen. Einziger Lichtblick: „Da ganz Nordeuropa unter der Trockenheit leidet, wird wohl überall weniger geerntet.“ Ein Signal, das die Preise nach oben treibt.

Elbe
Fehlende Schneeschmelze und anhaltende Trockenheit sorgen auch in der Elbe für Niedrigwasser. Die Pegelstände bei Bleckede (548 Zentimeter) oder Hohnstorf (418) bewegten sich gestern im Bereich des mittleren Niedrigwassers. Das sind noch keine Extremwerte: Der niedrigste bekannte Wasserstand in Hohnstorf lag 1964 bei 398 Zentimetern. Dennoch ist die Schifffahrt auch auf der Mittelelbe eingeschränkt. Laut Bettina Kalytta vom Wasser- und Schifffahrtsamt (WSA) Lauenburg herrscht derzeit nur noch eine verlässliche Fahrrinnentiefe für Frachtschiffe von Hamburg bis zur Staustufe Geesthacht sowie bis zum Elbe-Seitenkanal und nach Lauenburg. Kalytta: „Weiter oberhalb verkehren bei einer Fahrrinnentiefe von zirka 105 Zentimetern zwischen Bleckede und Hitz­acker-Tießau und weiter von 90 Zentimetern bis Dömitz keine beladenen Frachtschiffe mehr.“ Die Binnenschiffe wichen bereits über den Mittellandkanal und den Elbe-Seitenkanal aus.

Stadtgrün
Auch in der Stadt Lüneburg läuft der Kampf gegen die Trockenheit auf Hochtouren. Im Einsatz sind täglich im Schnitt sieben Mitarbeiter der AGL (Abwasser, Grün und Lüneburger Service GmbH) mit zwei Schleppern mit Wasserfass, ein bis zwei Spülwagen und zwei bis drei Kleinfahrzeugen. Eingesetzte Wassermenge: 20000 bis 30000 Liter pro Tag. Bewässert werden Blumen, neu gepflanzte Bäume, Stauden und Sträucherrabatten. Wo es möglich ist, werden bereits Spülwagen aus der Kanalabteilung eingesetzt, um den Wasserbedarf zu decken. Im Kurpark stehen — wo möglich — stationäre Regner.

Garten
Nicht nur auf dem Acker, auch in vielen Privat-Gärten laufen derzeit Sprenger und Gartenschlauch. Tipps zum richtigen Wässern gibt der Vorsitzende des Kreisverbandes Gartenbau, Franz Darger aus Rullstorf. „Wichtig ist, dass die Pflanzen durchdringend gewässert werden“, sagt er, „das heißt, je nach Größe der Pflanze 5 bis 10 Liter Wasser.“ Zwei bis drei Tage sollte das vorhalten, „dann muss erneut bewässert werden“. Das Gleiche gilt für die Rasenbewässerung. „Um durchdringend zu wässern, sind 15 bis 20 Liter pro Quadratmeter notwendig.“ Auf eine Düngung des Rasens sollte bei Trockenheit verzichtet werden, außerdem rät Darger, abends oder am besten nachts zu bewässern. „So verhindert man, dass ein Teil des Wassers gleich wieder verdunstet“. Ein weiterer Tipp, um zum Beispiel Bäume länger feucht zu halten: Rindenmulch oder Hackschnitzel um das Pflanzloch verteilen.

Gesundheit
Auswirkungen auf die Gesundheit hat die Trockenheit kaum — dennauch Allergiker haben Glück. „Die Frühblüher sind durch“, sagt Hausarzt Dr. Heinz Jarmatz, „das Getreide kommt erst noch.“ Damit fällt die Trockenheit in eine „relative Pollenpause“. Hält die Trockenheit an, „kann das die Belastung bei der nächsten Pollenwelle verstärken“. Grundsätzlich ist die Pollenkonzentration bei längerer Trockenheit höher, bei Regen werden die Pollen quasi aus der Luft gewaschen.