Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Schätzungen zufolge sterben bundesweit jedes Jahr 15000 Patienten an den Folgen einer Infektion durch multiresistente Keime. Die wichtigste Maßnahme: Nach jedem Hautkontakt im Lüneburger Klinikum müssen sich die Mitarbeiter die Hände desinfizieren. Die Linke schlägt nun zusätzlich ein generelles Screening aller neu aufzunehmenden Patienten vor. Foto: A/t&w
Schätzungen zufolge sterben bundesweit jedes Jahr 15000 Patienten an den Folgen einer Infektion durch multiresistente Keime. Die wichtigste Maßnahme: Nach jedem Hautkontakt im Lüneburger Klinikum müssen sich die Mitarbeiter die Hände desinfizieren. Die Linke schlägt nun zusätzlich ein generelles Screening aller neu aufzunehmenden Patienten vor. Foto: A/t&w

Keime wirksamer bekämpfen

as Lüneburg. Krankenhauskeime, die gegen Antibiotika resistent sind, können zu lebensbedrohlichen Infektionen führen. Vor allem immunschwache und operierte Patienten sind gefährdet. Exakte Zahlen, wie viele Patienten daran sterben, gibt es nicht. Schätzungen gehen allerdings bundesweit von bis zu 15000 pro Jahr aus. Die Linksfraktion möchte nun in einer Anfrage zur nächsten Ratssitzung wissen, welche Möglichkeiten es zur wirksameren Bekämpfung von multiresistenten Erregern im Lüneburger Klinikum gibt. Sie verweist dabei auch auf andere Krankenhäuser, in denen nicht nur Risikopatienten, sondern alle Patienten gescreent — also auf Keime getestet — werden.

Fraktionschef Michèl Pauly möchte in der Anfrage unter anderem wissen, wie viele Patienten mit multiresistenten Keimen in den vergangenen fünf Jahren registriert wurden und wie hoch die Quote an MRSA-Fällen im Vergleich zu anderen Kliniken ist. Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus (MRSA) ist einer der gefährlichen Keime, der gegen die meisten Antibiotika resistent ist. Da die Stadt Gesellschafterin der Gesundheitsholding ist, möchte er außerdem von der Verwaltung wissen, wie sie die Infektionsprävention in Kliniken in Münster und Recklinghausen bewertet. Diese Krankenhäuser würden vormachen, wie multiresistente Erreger wirksam bekämpft werden können. Dort würden nicht nur sogenannte „Risikopatienten“ nach diesen Keimen untersucht, sondern sämtliche Patienten und das nach Möglichkeit noch bevor sie in das Klinikum kommen. Das sei auch gängige Praxis in den Niederlanden. „Es kann und darf doch nicht sein, dass man auf der einen Seite beim flächendeckenden Screening Geld spart, dafür aber im Nachgang umso mehr für die Behandlung ausgeben muss. Gerade in einer Phase, in der ein Krankenhaus große Gewinne erzielt — wie es derzeit bei unserem Krankenhaus der Fall ist –, ist es geboten, auch die Qualität zu steigern und zu verhindern, dass sich Patienten mit den Krankenhauskeimen anstecken.“ Fraktionskollege Rainer Petroll fügt an: „Wir wollen auch wissen, ob bei Ärzten und Pflegern regelmäßig MRSA-Kontrollen durchgeführt werden.“

Das Klinikum Vest, unter dessen Dach die Paracelsus-Klinik und das Knappschaftskrankenhaus Recklinghausen firmieren, testet seit vergangenem Jahr jeden aufzunehmenden Patienten. Wo immer möglich, wird der Test sogar schon einige Tage vor der Aufnahme ins Krankenhaus bei Einweisung oder ambulanter Vorstellung vorgenommen, so dass betroffene Patienten von Beginn an isoliert und entsprechend behandelt werden können, heißt es seitens des Klinikums Vest. Rund 20000 Tests würden durchgeführt. Die Kosten dafür würden den beiden nordrhein-westfälischen Krankenhäusern nicht erstattet.

Das Lüneburger Klinikum, das pro Jahr rund 29000 Patienten stationär versorgt, fährt seit 2010 ein spezielles Programm im Kampf gegen die Keime. Die wichtigste Maßnahme: Nach jedem Hautkontakt müssen sich Klinikmitarbeiter die Hände desinfizieren. Dazu gibt es regelmäßig Schulungen. Außerdem werden Risikopatienten gescreent. Das sind unter anderem Patienten, die in den vergangenen zwölf Monaten in einer Klinik waren, in der Massentierhaltung arbeiten, wo es einen erhöhten Antibiotika-Einsatz gibt, der zu mehr multiresistenten Erregern führen kann, sowie Patienten aus Pflegeheimen und andere Risikopatienten. „Durch diese Maßnahmen konnte die Zahl der Patienten, die in der Klinik MRSA-Keime erworben haben, seit 2010 drastisch reduziert werden“, sagt Prof. Dr. Christian Weiß, Chefarzt der Klinik für Kardiologie und Leitender Hygienebeauftragter. Waren das 2010 noch 62 Patienten, konnte die Zahl bis 2014 auf 15 Fälle gesenkt werden, das sind weniger als 0,1 Prozent aller Patienten. Die Untersuchungen kosten das Klinikum pro Jahr mehr als 100000 Euro, eine gesonderte Vergütung gibt es dafür nicht. Eine noch niedrigere Rate werde nicht durch noch mehr Screening erreicht werden können, sondern durch permanente Schulung des Personals, ist Weiß überzeugt. Das liege daran, dass über 93 Prozent der MRSA-Patienten den Keim bereits ins Krankenhaus mitbringen. Die Notfallbehandlung eines Unfallopfers könne aber nicht erst dann beginnen, wenn das Ergebnis des Tests vorliegt.

Hanno Kummer, Pressesprecher des Verbands der Ersatzkassen in Niedersachsen, sagt: „Ein flächendeckendes Screening ist derzeit nicht vorgesehen.“ Auch das Robert Koch Institut (RKI), das Empfehlungen zur Prävention und Kon-trolle von Krankenhauskeimen wie MRSA gibt, sage, dass der Aufwand dafür immens sei. „Alle Patienten müssten dann auch bis zu einem Testergebnis isoliert werden“, erläutert Kummer. Die Kosten für die Tests von Risikopatienten würden den Kliniken nicht extra vergütet, da sie schon in der Fallpauschale (Vergütung pro Fall) berücksichtigt seien. „Wenn MRSA jedoch festgestellt wird, gibt es eine Extra-Vergütung für die MRSA-Behandlung inklusive Testung.“ Um die Maßnahmen zur Hygiene in Kliniken bundesweit zu verbessern, hätten die Kassen ein Krankenhaushygiene-Programm aufgelegt. 365 Millionen Euro sollen zur Personaleinstellung, Schulung und Fortbildung verwandt werden.

One comment

  1. Meine Mutter verstarb im Krankenhaus Lüneburg an einer Lungenentzündung und einer Infektion mir MRSA.

    Im Krankenhaus war man bemüht zu helfen, war aber angesichts der zweiten, wesentlich schwereren Infektion, sehr hilflos.
    Was mich empörte war die Tatsache, dass diese Infektion erst spät überhaupt entdeckt wurde und es scheinbar niemanden interessierte, woher diese stammte.

    Da gibt es noch viel aufzuarbeiten.