Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Die erfolgreiche Kunstklasse von Hilke Kohfahl am Gymnasium Oedeme: Das Siegerplakat Punkt Punkt Kom a Bricht hat Martin Zimmer gestaltet, den vierten Platz belegten Josephine Lange (r.) und Karoline Brose mit Na, vom Weg abgekommen?. Unter die Top Ten schaffte es auch Luisa Paal, sie wurde Neunte mit Endstation Alkoholsucht. Glückwünsche gab es von Michael Meyer von der DAK Gesundheit. Foto: t&w
Die erfolgreiche Kunstklasse von Hilke Kohfahl am Gymnasium Oedeme: Das Siegerplakat Punkt Punkt Kom a Bricht hat Martin Zimmer gestaltet, den vierten Platz belegten Josephine Lange (r.) und Karoline Brose mit Na, vom Weg abgekommen?. Unter die Top Ten schaffte es auch Luisa Paal, sie wurde Neunte mit Endstation Alkoholsucht. Glückwünsche gab es von Michael Meyer von der DAK Gesundheit. Foto: t&w

Kreativ gegen das Komasaufen

mm Lüneburg. Ja, er habe schon Alkohol getrunken, gibt Martin Zimmer zu. Aber „in Maßen“. Ihm gehe es nicht darum, „sich möglichst schnell und viel in die Birne zu kippen, dann halbtot im Bett zu liegen und rumzukotzen“. Der 15-jährige Schüler des Gymnasiums Oedeme hat sich jetzt auch im Unterricht mit dem Thema auseinandergesetzt — mit Erfolg. Er ist der Gewinner des Plakatwettbewerbs „Bunt statt blau“ in Niedersachsen, überzeugte mit dem Slogan „Punkt Punkt Kom a Bricht“, drei seiner Mitschülerinnen schafften es ebenfalls in die Top Ten.

Kunstlehrerin Hilke Kohfahl lobt: „Ich bin unheimlich stolz.“ Mit ihrer 9. Klasse hat sie das Thema Alkohol-Werbung behandelt, auch wenn das nicht fester Bestandteil des Lehrplans ist. Doch es durchzieht die Lebenswelt der Schüler. Hilke Kohfahl: „Werbung greift unmerklich, ist extrem zugeschnitten, das wollte ich thematisieren.“ Sie sieht auch besorgniserregende Veränderungen im Umgang mit Alkohol: „Es ist gesellschaftlich toleriert, dass Jugendliche zu jeder Tageszeit Alkohol trinken. Das ist fragwürdig.“ Auch weil die Werbung für Alkoholika in sämtliche Lebensbereiche vordringe. Die Pädagogin: „Ich bin überzeugt, dass die intensive Beschäftigung mit dem Thema in künstlerisch-ästhetischer sowie inhaltlicher Hinsicht dazu führt, dass Schüler Mechanismen der Werbung erkennen und hinterfragen“.

Wie Martin Zimmer. Sein Slogan solle „im Gedächtnis haften bleiben“. Deshalb wählte er den Vergleich mit dem bekannten Text für Kinder „Punkt, Punkt, Komma, Strich“, münzte ihn auf Alkohol um, endet mit „Bricht“ — ein deutliches Zeichen, dass jemand zu viel getrunken hat.

Wie die Kinder und Jugendlichen, die nach einem Vollrausch im Krankenhaus aufwachen. Die Zahlen sind erschreckend: 23267 Betroffene zwischen 10 und 20 Jahren waren es bundesweit in 2013. Immerhin etwas weniger als ein Jahr zuvor (26673). Auch ins Lüneburger Klinikum kommen immer wieder volltrunkene Jugendliche: Im vergangenen Jahr waren es 60 alkoholbedingte Einlieferungen bei unter 18-Jährigen. 2013 waren es 78. Zwar deutet sich — auch bundesweit — ein leichter Rückwärtstrend an, dennoch bleibt das Problem akut, wie zahlreiche Exzesse zeigen.

Jugendliche vom komatösen Saufen abhalten, ist das Ziel von „Bunt statt blau“. 2200 Teilnehmer im Alter von 12 bis 17 Jahren haben sich in Niedersachsen beteiligt. „Die Ideen der jungen Künstler zum Thema Alkoholmissbrauch sind auch im sechsten Wettbewerbsjahr beeindruckend“, sagt Michael Meyer von der DAK in Lüneburg. „Jedes Bild hat eine eigene Botschaft, mit der die Teilnehmer auf Risiken des Rauschtrinkens aufmerksam machen.“ Für seine Botschaft bekam Martin Zimmer 300 Euro Preisgeld, „aber nicht, um davon Alkohol zu kaufen“, stellt Meyer klar.

Nun wählt eine Bundesjury mit der Band Luxuslärm die Bundesgewinner 2015. Informationen zum Wettbewerb gibt es in allen Servicezentren der DAK Gesundheit oder unter www.dak.de/buntstattblau im Internet.

Alkoholvergiftungen bei Jugendlichen
Der Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung wurde im Mai veröffentlicht, die dazugehörigen Zahlen stammen aus 2013. Von Kinder- und Jugendlichen, die aufgrund einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus kamen, waren 71 Prozent noch keine 18 Jahre alt. Zwischen 2000 und 2012 ist die Zahl der Alkoholvergiftungen regelmäßig angestiegen. Ein erster Rückgang von 12,8 Prozent war im Jahr 2013 zu beobachten. Bezogen auf Niedersachsen wurden 2296 Klinikfälle allein bei Jugendlichen gemeldet, nur in drei Bundesländern gab es mehr: In Nordrhein-Westfalen (5269), Bayern (5125) und Baden-Württemberg (3196). Am stärksten gestiegen sind die Zahlen seit 2011 in Berlin, dem Saarland und Bremen. mm