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Ein Experte des Grauens: Der Historiker Dr. Stefan Hördler erklärte dem Gericht, wie die SS in Auschwitz Häftlinge in den Tod schickte und wie das Lager aufgebaut war. Zweifel hat er an Aussagen des Angeklagten. Foto: phs
Ein Experte des Grauens: Der Historiker Dr. Stefan Hördler erklärte dem Gericht, wie die SS in Auschwitz Häftlinge in den Tod schickte und wie das Lager aufgebaut war. Zweifel hat er an Aussagen des Angeklagten. Foto: phs

NS-Prozess: Die Arbeit der Mord-Experten

ca Lüneburg. Die 17 Journalisten in der Ritterakademie warteten wohl vor allem auf eine Erklärung des Angeklagten. Doch am Mittwoch Mittag endete die Verhandlung im Auschwitz-Prozess, ohne dass Oskar Gröning etwas sagte. Wie berichtet, hat ein Arzt dem inzwischen 94-Jährigen attestiert, dass er nicht länger als drei Stunden in der Lage ist, dem Geschehen zu folgen. Und die Zeit war nach dem Gutachten und der Befragung des historischen Sachverständigen Dr. Stefan Hördler erreicht. Voraussichtlich wird der ehemalige SS-Mann Gröning sich nun am nächsten Verhandlungstag in zwei Wochen äußern. Aus Sicht des Gutachters scheint aber klar zu sein, dass die Aussage Grönings, er habe nur dreimal an der Rampe in Auschwitz Dienst getan, zweifelhaft ist.

Hördler schilderte vor der 4. großen Strafkammer das Zusammenspiel der Rädchen der Mordmaschinerie der Nationalsozialisten. Und hatte dabei, fast en passant, eine Überraschung parat: Der Historiker zeigte ein Bild von der Rampe in Auschwitz-Birkenau, wo Ärzte der SS darüber entschieden, wer sofort ermordet wurde und wer als Arbeitssklave schuften musste. Im Hintergrund ist auch ein SS-Unterscharführer zu erkennen. Das Gesicht sei undeutlich, sagte Hördler. Doch der Mann habe eine Brille auf. Es sei nicht auszuschließen, dass es sich um Gröning handle. Eine weitere Untersuchung des Bildes könne vielleicht mehr Klarheit bringen.

Hördler, der die Gedenkstätte des Konzentrationslagers Mittelbau-Dora leitet, berichtete, dass während der sogenannten Ungarn-Aktion von Mai bis Juli 1944 mehr als 430000 Juden nach Auschwitz deportiert wurden. 320000 von ihnen wurden binnen zwei Monaten ermordet. Sparkassenkaufmann Gröning, der als eine Art Buchhalter in dem Vernichtungslager arbeitete, ist der Beihilfe zum Mord in 300000 Fällen angeklagt. Das zeigt die Dimension.

Nachdem die Wehrmacht im März 1944 in Ungarn einmarschiert war, schickte Berlin Adolf Eichmann als Organisator des Massenmords in das Land. Ein Kommando von rund 700 Männern begleitete ihn. Die Deutschen griffen auf ungarische Polizei und andere Helfer zurück, die die Juden zusammentrieben und dann in Züge nach Auschwitz pferchten.

Das System war ausgeklügelt. So hatte die SS einen Bahnanschluss bauen lassen, um die Opfer zu selektieren. Krematorien lagen in der Nähe. Trotzdem reichten die Kapazitäten nicht. Daher zog die SS aus anderen Lagern „Mord-Experten“ zusammen, unter anderem Fachleute für die „offene Leichenverbrennung“. Hördler: „Die Reorganisation zielte auf den Massenmord.“

Darauf waren die SS-Männer stolz. Eigentlich herrschte ein Fotografierverbot im Lager. Doch es gibt Bilderalben, die nach Meinung des Historikers angefertigt wurden, „um die eigenen Leistungen der SS zu zeigen und zu überhöhen“. Man habe einen „reibungslosen Ablauf“ dokumentieren wollen, „ohne Tumulte und Gewalt“.

Doch nicht nur das Töten musste mit industrieller Präzision funktionieren, sondern auch das Ausplündern der Opfer. Die SS hatte eine Einheit, die, unterstützt von Häftlingen, den Opfern ihre Habe abnahm und durchsuchte. Dort hat Gröning gearbeitet. Er war für das Erfassen und Weiterleiten des gefundenen Geldes zuständig.

Gröning hatte eingeräumt, dass er in seinen zwei Jahren Dienstzeit in Auschwitz dreimal an der Rampe des Bahnhofs von Auschwitz stand. Diese Zahl hält Hördler für wenig wahrscheinlich. Denn es seien während der Ungarn-Aktion täglich bis zu fünf Züge mit Tausenden Opfern angekommen. Deshalb habe die SS das Personal in der Erfassung in etwa verdoppelt, um Kleidung, Geld und Schmuck zu sortieren, die dann weiter verwertet wurden.

„Es war ein rollierendes System“, sagte Hördler zur Effektenverwaltung. „Fast alle haben regelmäßig am Rampendienst teilgenommen.“ Er vermute eher, dass Gröning einmal pro Woche an der Rampe stand. So habe es während dieser Zeit kaum regulären und nur selten Sonderurlaub gegeben. Ein SS-Mann habe kurz nach Hause gedurft, weil seine Familie ausgebombt worden war. Aber der Vorgesetzte mahnte ihn, zügig zurückzukehren.

Zweifel hatte der Wissenschaftler auch an Versetzungsanträgen, die Gröning gestellt haben will. In einer Namensliste zur Kriegsverwendung, auf der auch der Name des Seniors steht, finde sich dazu kein Hinweis. Überhaupt seien freiwillige Meldungen an die Front mit Vorsicht zu betrachten, denn SS-Chef Heinrich Himmler hatte gefordert, dass jeder Mann, der in Lagern entbehrlich war, in den Krieg geschickt werden muss. So sollten 500 Leute an die Front verlegt werden: Jedem sei klar gewesen, dass es ihn treffen könne.

Gröning hatte betont, Versetzungsgesuche zur Waffen-SS gestellt zu haben, weil er die Lage in Auschwitz nicht mehr aushielt. Ob das stimmt, dürfte nur schwer zu klären sein. Denn Hördler sagte, dass er eine angeblich in den 70er-Jahren noch vorhandene Personalakte des Schneverdingers nicht gefunden habe. Das sei nicht ungewöhnlich, denn viele Dokumente aus Auschwitz seien inzwischen verschwunden.

Gröning hatte zu Beginn des Prozesses eine moralische Mitschuld am Geschehen in Auschwitz eingeräumt. Es ist ihm anzusehen, dass ihm die Schilderungen der Überlebenden in den vergangenen Wochen nahegingen. Deshalb dürfte es spannend werden, wenn er sich äußert. Das könnte am 1. Juli so weit sein, dann wird der Prozess fortgesetzt.